Edie, fotografiert von Chloe Aftel

Diese Fotografin hat sechs Jahre lang nicht-binäre Jugendliche porträtiert

Junge, Mädchen, oder einfach nur Mensch? Chloe Aftels neues Buch 'Outside & In Between' feiert die genderqueere Community.

von Laura Pitcher; Fotos von Chloe Aftel
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05 Februar 2019, 8:52am

Edie, fotografiert von Chloe Aftel

Als sie Edie traf, änderte sich Chloe Aftels Leben schlagartig. Damals, 2012, datete Edie den Sohn einer Freundin von Aftel. Fasziniert davon, wie wohl Edie sich in der eigenen Haut fühlte, entschloss Chloe Aftel sich zu einem Projekt, für das sie ausschließlich nicht-binäre Menschen fotografieren wollte. Edie wurde zu ihrem ersten Motiv. "Es war interessant zu sehen, wie eine Person herausfinden will, wer sie ist – ohne sich über ihre Genitalien zu definieren. Ganz ohne Angst." Edie inspirierte Aftel dazu, dass sie mehr über genderqueere Identitäten lernen wollte.

Aftels neues Buch Outside & In Between ist das Ergebnis einer sechs Jahre andauernden Reise – passenderweise mit einem Bild von Edie auf dem Cover. Es ist wohl das bis dato umfassendste Werk über die nicht-binäre Community. Doch für Chloe Aftel ist die Reise noch nicht abgeschlossen, für sie ist das Buch ein "lebendiges Dokument", das mit der Zeit wächst, sich weiterentwickelt.

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Nach ihrem Shooting mit Edie machte sich Aftel auf die Suche nach weiteren Protagonist*innen. Zunächst fragte sie in ihrem Bekanntenkreis herum, dann pitchte sie ihr Konzept dem San Francisco Magazine. Als das erhoffte Ja kam, eröffneten sich Aftel ganz neue Möglichkeiten, etliche Menschen schrieben ihr und wollten Teil des Projekts werden. Ermutigt von der positiven Resonanz kontaktierte sie prominente Stimmen aus der Non-Binary-Community wie Jiz Lee, Rain Dove, Jacob Tobia und Pidgeon Pagonis, die sie ebenfalls ablichten konnte.

"Die Leute betrachten meine Fotos und vermuten, jemand sei ein Junge oder ein Mädchen – basierend auf den Eigenschaften, die wir mit diesen Wörtern verbinden", erklärt Aftel. Aber die Künstlerin beobachtet auch ein Umdenken bei ihrem Publikum – werden sie "unvorbereitet" mit der Gender-Identität der Protagonist*innen konfrontiert, beginnen sie ihre eigene Sexualität, ihr eigenes Selbstverständnis zu reflektieren. Sie fangen an, die Abgebildeten einfach als Menschen wahrzunehmen, die außerhalb des binären Gendermodells existieren.

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Zu der Zeit, als das Wort "genderqueer" langsam in das kulturelle Bewusstsein des Mainstreams überschwappte, hatte Aftel schon viele Menschen porträtiert. Zum Beispiel Courtney, die Pornos dreht und fragte, ob sie ihren Dildo zum Shooting mitbringen solle. Oder Kim. Kim arbeitet als Pastor und lud Aftel in die Kirche ein.

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Irgendwann bemerkte Aftel einen großen Unterschied zwischen ihren Subjekten. "Menschen aus ländlichen Regionen, waren viel nervöser und ängstlicher", erzählt sie. "Sie befürchteten, ihre Arbeit zu verlieren oder auf negative Reaktionen zu stoßen." Deswegen hätten viele Protagonist*innen darum gebeten, anonym zu bleiben. "Viele leben in Teilen der USA, in denen Queerness gefährlich ist." Das mussten auch Greyson und Quinn erfahren. Erst als sie nach Seattle zogen, fühlten sie sich sicher – in ihrer Heimatstadt mussten sie aus ihrer Wohnung fliehen, als ein Nachbar sie terrorisierte.
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In Outside & In Between sind sechs persönliche Essays von den Porträtierten zu lesen, einer davon beginnt mit den Worten: "Ich erforsche noch immer meine Gender-Identität, doch definiere mich als Alien-Prinzessin. Ich habe verstanden, dass Gender ein Spektrum ist, in dem ich mich frei bewegen kann. Oder es ganz verlassen." Jemand anderes schrieb: "Es war eine schwierige und angsteinflößende Reise, herauszufinden, wer ich wirklich bin. Wir sind alle Menschen. Wir sind alle zerbrechlich."

Chloe Aftel möchte in ihrer Arbeit weiterhin die Themen Gender, Sexualität und Identität erkunden. Sie plant bereits ihre nächsten Projekte, Girl und Woman. "Ich hoffe, meine Bilder können die Tür zumindest einen Spalt weit öffnen", sagt die Fotografin. "Wir alle sind Menschen und verdienen es, glücklich zu sein."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Vice US.