21 Frauen* sagen, warum endlich Schluss sein muss mit dem Gender Pay Gap

Bis heute verdienen Frauen* 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Wie kann das sein?!

von Marieke Fischer
|
18 März 2019, 4:06pm

Heute ist der 77. Tag des Jahres. Bis heute haben Frauen* – laut Statistik – unbezahlt gearbeitet. Denn: Die Differenz des Einkommens zwischen den Geschlechtern liegt seit geraumer Zeit bei 21 Prozent. Eine Bilanz, die die strukturelle Diskriminierung von Frauen* nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern in der Gesellschaft generell offenbart. Die zeigt, wie Chancengleichheit, Intersektionalität und Repräsentation von unserem misogyn-geprägten System freudig ignoriert werden.

Und auch die vermeintlich so aufgeklärte Kreativindustrie ist nicht immun gegen das Patriarchat. Die Studie "Frauen in Kultur und Medien", durchgeführt vom Deutschen Kulturrat, legt dar, dass der sogenannte Gender Pay Gap in dieser breitgefächerten Branche bei 24 Prozent liegt – als Freiberuflerin sogar bei schockierenden 33 Prozent.

Ausgeklammert werden bei diesen Studien häufig, welche Benachteiligungen Women of Color, Frauen mit Behinderungen, queere oder Trans-Frauen erfahren. Wenn Mehrfach-Diskriminierung herrscht, sind die Hürden auf dem Weg zu Respekt, Anerkennung und finanzieller Gerechtigkeit noch höher.

Doch die Ungleichheit in der Bezahlung ist nur die Spitze des Eisbergs, die darunter liegenden Probleme sind komplex. Angefangen bei der Erziehung, konstruierten Geschlechterstereotypen und fehlenden Vorbildern bis hin zu männlich geführten Unternehmen, mangelnder Diversität in der Regierung und erschwerten Bedingungen, wenn es um die Familiengründung geht.

Fest steht: Es muss sich etwas ändern. Jetzt.

21 Frauen* aus der Kreativszene haben uns ihre persönliche Sicht auf den Gender Pay Gap verraten.

sarah-feingold

Sarah Feingold

Artikel 3 unseres Grundgesetzes besagt, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. An der Umsetzung einer Gleichberechtigung in unserem Parlament zwischen Mann und Frau scheitert es jedoch bereits. Wir haben derzeit eine Besetzung der Mandate im Bundestag sowie im Landtag von 25 bis 30 Prozent durch Frauen. Sinn und Zweck unseres Parlaments ist es, vor allem unsere Gesellschaft widerzuspiegeln und die Repräsentation von Frauen ernst zu nehmen. Durch die Unterrepräsentation der Frau in der Politik wird meiner Meinung nach wertvolles Potenzial für die Weiterentwicklung wichtiger Themen verschenkt, dazu gehört auch die Lohngleichheit. Dies kann dem Entwicklungsstand unserer Gesellschaft somit einfach nicht nachkommen. Meine Message an die Politiker: Die Repräsentation der Frau ist wichtig. Junge, hoch qualifizierte und engagierte Frauen in männerdominierten Berufsfeldern sollten auch hier gleichberechtigt werden und denselben Lohn wie ihre männlichen Kollegen verdienen. Das Frauenbild hat sich in diesem so wichtigen Bereich nicht weiterentwickelt und bedarf einer angepassten Vielseitigkeit.

@sarah.feingold

miriam-davoudvandi

Miriam Davoudvandi

Dass die Lohn-Differenz zwischen (cis-)Frau und (cis-)Mann bei 21 Prozent liegt, darf nicht sein. Wir brauchen einen intersektionalen, radikalen Feminismus. Auch beim Equal Pay Day sollten wir nicht nur über Chefetagen sprechen und vergessen, dass das Problem komplexer als Mann-Frau ist. Herkunft, Klasse, Behinderung ja oder nein und viele weitere Faktoren sollten unbedingt bei der Forderung nach mehr Gerechtigkeit einbezogen werden. Mir persönlich ist es wichtig, dass man einen besonderen Fokus auf Pflegeberufe lenkt, in denen mehr als 80 Prozent Frauen beschäftigt sind. Auch diejenigen, die ihre eigene Karriere zurückstellen, die privat pflegen oder sich um die Kindererziehung kümmern, sollten eine Absicherung bekommen – für die Unabhängigkeit im Moment und die Sicherheit im Alter.

Was ich mit einem Mehrverdienst machen würde? Naja, ich arbeite im HipHop, deshalb halte ich's wie die Rapper: Mama ein Haus und mir eine Rolex (Shoutout an Sawsan Chebli an dieser Stelle). Spaß beiseite: Ich möchte fair und gleichberechtigt bezahlt werden. Aber ich finde auch, dass der Sinn des Ganzen nicht sein sollte, dass ich Gegenstände anhäufe. Sexismus ist ein Symptom des Kapitalismus und Kapitalismus bekämpft sich nicht mit Kapitalismus.

@cash.miri

lucy-sofie-cabrera-pedroso

Lucia Cabrera

Ich hoffe auf zunehmende Transparenz. Gesetze, die uns das Recht geben, ohne weitere Umstände zu wissen, was Kollegen in vergleichbaren Positionen verdienen, damit wir die Chance haben, uns gegen Ungerechtigkeiten zu wehren.

Privileg ist unglaublich bequem, man muss sich damit nicht auseinandersetzen, wenn man nicht will – und hier haben wir das eigentliche Problem. Stigmatisierte Vorurteile und das ignorante Belächeln von Feminismus macht es uns schwer, gemeinsam konstruktiv zu sein. Auch wenn mehr Transparenz diese Problematik nicht unbedingt an der Ader erreicht, wäre es dennoch ein Babystep in die richtige Richtung.

@lucialeonce

nicola-powell

Nicola Powell

Wie der Gender Pay Gap aufgelöst werden kann? Einen 21 Prozent-Rabattgutschein für den Alltag bekommen, wenn du eine Frau bist? Das mag absurd klingen, aber die Tatsache, dass der Pay Gap in Deutschland im Jahr 2019 so extrem hoch ist, ist auch einfach absurd.

Es gibt so viele tiefliegende Aspekte an dem Problem (nicht zuletzt auch, dass Frauen oft die sind, die neben dem Job auch die unbezahlte Arbeit der Gesellschaft machen wie beispielsweise die Kinderbetreuung): Aber ganz einfach gefragt, warum sind Firmen in Deutschland nicht aufgefordert, transparent mit Gehältern für alle Geschlechter umzugehen? Und wenn rauskommen sollte, dass es doch einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Angestellten gibt, die die gleichen Aufgaben und Verantwortungen haben, soll es für die Firma harte Folgen geben.

Rabatte wären eine nette Geste, aber die operativen Strukturen müssen Schritt für Schritt geändert werden, damit es endlich Gehaltsgleichheit gibt. Für alle Frauen. Alle.

@nikki_powell_

Nana-Addison

Nana Addison

Als afrodeutsche Unternehmerin im Bereich Tech und Marketing stehe ich auf dem Markt zwei patriarchalischen Hürden gegenüber. Einmal der als Frau in einer von Männer dominierten Industrie und zweitens der als schwarze Frau in einer von weißen Menschen dominierten Industrie. Gleichheit betrifft Race und Gender. Monetäre Gleichheit kann nur durch Transparenz geschaffen werden, deswegen muss die Politik Firmen und Unternehmer dazu zwingen, Transparenz durch regelmäßiges Reporting über Gehälter sowie Geschlechterverteilung zu gewährleisten. Für Arbeitnehmer ist es wichtig, sich von dem Tabu zu befreien, dass man nicht über sein Gehalt spricht. Es gilt, offene Dialoge zu führen. Nur so können Ungleichheiten festgestellt, angesprochen und korrigiert werden. Ich investiere meinen Mehrverdienst darin, Arbeitsplätze und Plattformen zu etablieren, bei der Frauen und BpoC Menschen Empowerment und wirtschaftliche Ressourcen erhalten.

@thenanaaddison

anja-saleh

Anja Saleh

Es ist wichtig zu verstehen, dass die geringeren Entgelte keine individuellen Entscheidungen, sondern strukturell bedingt sind. Und genau hier müssen wir ansetzen. Wir drehen uns mit dem bisherigen System im (Teufels-)Kreis. Bezahlte Sorgearbeit, die größtenteils von Frauen* ausgeführt wird, wird deutlich schlechter bezahlt – generell alle Berufe, die eher von Frauen* ausgeübt werden. Das muss sich ändern. Den unterliegenden Sexismus und die damit verknüpften Geschlechterrollen können wir nicht ignorieren. Dadurch, dass Frauen weniger verdienen sind es häufig sie, die bei Familiengründung zu Hause bleiben oder eine Teilzeitstelle annehmen, um der Sorgepflicht nachzukommen. Der Pay Gap wird sich so nicht schließen, eine Besserung ist nicht in Sicht.

Die systematische Benachteiligung beginnt in den meisten Fällen bereits auf der Arbeitssuche, nicht erst nach der Einstellung. Gleiche Arbeit muss gleich entlohnt werden, das sollte zum Gesetz werden. Ohne Ausnahme und ohne Rücksicht auf Geschlecht. Leider kommt eine Benachteiligung selten allein und der Equal Pay Day sollte auch dazu genutzt werden, um auf die ungerechten (und Rassismus geschuldeten) schlechteren Chancen von Schwarzen Frauen*, Frauen* Of Color und/oder muslimischen beziehungsweise als muslimisch gelesenen Frauen, wie auch Frauen, die nach Deutschland geflüchtet sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt aufmerksam zu machen. Gleichberechtigung auf allen Ebenen ist nachweislich für alle besser, Veränderung zum Besseren sollte in unser aller Interesse liegen.

@anja.saleh

nanghiti-aviankoi

Nanghiti Aviankoi

Wer auch immer die Ungleichheit am Leben erhält: Du offenbarst eine Respektlosigkeit gegenüber deiner Mutter, deiner Schwester, deiner Ehefrau, dem Schoß, aus dem du kamst. Dieser "Sieg" ist eine deprimierende Zelebration, eine tiefe Reflexion unserer gebrochenen Herzen, die sich nach Heilung sehnen. Wir müssen weitermachen, uns gegenseitig zu unterstützen, uns gegenseitig zu bilden und tief einzutauchen in unsere Verbindung zum Universum. Um die Stärke zu bekommen, die wir benötigen, um diesen ignoranten Glauben zu bekämpfen. Solange Frauen keinen gleichberechtigten Platz am Tisch haben, wird es auch keinen Frieden geben – und die Welt wird weiter nach Gleichberechtigung schreien.

@nanghiti

linnea
Foto: Rebecca Eskilsson

Linnea Palmestal

Statistiken belegen immer wieder, dass die strukturelle Unterdrückung von benachteiligten Bevölkerungsgruppen, insbesondere derer die soziale Ausgrenzung auf mehreren Ebenen erfahren, das Alltagsleben der Betroffenen erschwert. Trotzdem wird diese offensichtliche und in manchen Fällen sogar lebensbedrohliche Problematik häufig beiseite geschoben – in der Regel von Leuten, die sich ihrer angeborenen Privilegien nicht bewusst sind. Im Fall der Gender Pay Gap ist die Behauptung, geschlechtliche Gleichberechtigung wäre bereits erreicht, realitätsfern. Es ist essenziell, dass gerade junge Menschen gezeigt bekommen, dass sie – unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit – jede Rolle in unserer Gesellschaft einnehmen können.

@linneaplamestal

arpana-aischa-berndt
Foto: Corvera Vargas

Arpana Aischa Berndt

Wir können mindestens die gleiche Arbeit leisten wie weiße cis-Männer – und das, obwohl wir Sexismus und Rassismus auf dem Weg zur Arbeit, am Arbeitsplatz und als Reaktion auf unsere Arbeit erfahren. Stellt euch vor, wie viel Energie wir in intersektional diskriminierungskritischen Arbeitsumfeldern zur Verfügung hätten! Aber diese müssen natürlich geschaffen werden: Dazu gehört, dass Frauen of Color und nicht-binäre Menschen of Color Zugang zu bestimmten Berufen und Positionen erhalten. Dazu gehört natürlich auch, dass sie das gleiche Gehalt bekommen wie weiße cis-Männer in ähnlichen Positionen. Wir können erst dann von Gleichberechtigung reden, wenn auch wirklich alle Menschen mitgedacht und einbezogen werden. Das heißt, dass auch hierarchische Strukturen verändert werden müssen, und dass #equalpay ein erster Schritt ist, aber lange nicht der letzte.

@a_aischa

melis-yildrim-tatjana-glowinski
Foto: Tatjana Glowinski

Melis Yildirim

Wir leben in einem System, das extra dafür geschaffen worden ist, Frauen (und Männer) in traditionellen Geschlechterrollen festzuhalten. Frauen sind in Positionen, die besondere Rollen in Entscheidungsfragen spielen, sehr stark unterrepräsentiert. Die Ungleichheit der Geschlechter beginnt schon im Kindesalter. Mädchen spielen mit Puppen, imitieren die Aufgaben einer Hausfrau. Jungen bekommen Bausteine und werden in die Rolle des arbeitenden Vaters gesteckt. Es gibt nur wenige Kindergeschichten, die selbstbewusste Mädchen darstellen, die von traditionellen Geschlechterrollen abweichen. Geschlechterrollen sind soziale Konstrukte.

So ist auch der Pay Gap eine Folge dieser Ungleichheit. Selbst wenn es in vielen Ländern illegal ist, Frauen für den gleichen Job weniger zu zahlen als Männern, gilt das nur für Standardgehalte, die man beispielsweise als Arbeiter in einer Fabrik oder Fastfood-Kette bekommt. Besonders Women of Color leiden am meisten darunter. Auch bei gleicher Qualifikation, werden sie weniger bezahlt und die Aufstiegschancen sind besonders gering. Die berufliche Segregation auf dem Arbeitsmarkt sollte stärkere Aufmerksamkeit bekommen: Frauen dominieren Arbeitspositionen mit Niedriglöhnen und Männer dominieren in Arbeitspositionen mit Entscheidungsrollen.

Unsere Regierung sollte ein Spiegel der Menschen sein, die sie repräsentiert. Je mehr Vielfalt wir haben, desto besser können wir an einer gesünderen Zukunft arbeiten. Und meiner Meinung nach hatten Männer viel zu viel Zeit, um sich in der Regierung beweisen zu können: Schaut mal wo wir jetzt in der Welt stehen. Es ist an der Zeit, dass Frauen die Chance bekommen. Um ehrlich zu sein, ist das eine meiner wenigen Hoffnungen für eine Verbesserung unseres derzeitigen "Weltuntergang"-Status.

Natürlich gibt es noch jede Menge zu verbessern. Nicht alle haben die gleichen gegebenen Chancen von Geburt an. Wir sollten an einer Gesellschaft arbeiten, die es wirklich allen ermöglicht, die Dinge zu erreichen, die sie wollen. Bei der es keine Rolle spielt, in welche Familie man geboren wurde. Eine Gesellschaft, in der alle die gleichen Möglichkeiten bekommen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Glaube, Hautfarbe und Sexualität.

@_melisyildirim

alice-huynh

Alice Huynh

Fuck you, pay me. Das würde ich gerne zu jedem sagen, der meint, dass meine Arbeit 21 Prozent weniger wert sei als die meiner Kollegen mit einem anderen Geschlechtsteil. Egal ob Politiker*innen, Arbeitgeber*innen oder Kolleg*innen, eigentlich sollte es im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein. Was ich mit 21 Prozent mehr Verdienst machen würde? Sparen und hoffen, dass ich im Falle einer Familiengründung auch wieder in meinen alten Job – ohne Abstriche bezüglich des Gehalts oder der Position – zurückkommen kann und nicht auch noch gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen muss.

@alicemhuynh

gaja-pegan-nahtigal
Foto: @gilipter_

Gaja Pegan Nahtigal

Still listening in 2019?? Gleichheit muss von beiden Seiten angegangen werden. Die eine Seite ist eine Minderheit, deren Job es ist, Awareness zu schaffen, furchtlos zu sein in ihren eigenen Möglichkeiten. Die andere Seite bildet die Mehrheit, die genauso bestimmt für Gleichheit arbeiten muss wie die Minderheit. Die Mehrheit muss sich darüber bilden und bewusst werden, welchen Einfluss ihre Handlungen auf andere haben. Die Mehrheit muss respektvoll, neugierig, empathisch und bewusst aktiv sein.

@gpngpngpn

joana-fatondji

Joana Fatondji

Ich denke, dass es – ohne Gründe nennen zu müssen – eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass Frauen gleich viel verdienen. Wir leben nicht mehr in der Ära von manueller industrieller Arbeit, bei der der Mann eventuell noch im Vorteil war. Heute leben wir in einer Zeit, in der Arbeitsplätze mit Intelligenz und anderen nicht-physischen Qualitäten besetzt werden. Es gibt also keinen Grund mehr für qualitative Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Beruf. Wenn Frauen mehr Geld bekommen würden, würde dieses Geld in den Aufbau nachhaltiger Anlagen fließen. Oder in die Kinder, Familie und Community. Man könnte fördernde Maßnahmen kreieren, um Spaß, Verbundenheit, Bildung und Verantwortung aufzubauen.

Ein passendes Zitat von Oprah: "If you empower a girl, she takes it back to her community and more lives will be changed."

@joana_fatondji

mia-morgan

Mia Morgan

Gleiches Geld für gleiche Arbeit wäre wohl das Mindeste, was in diesem vermeintlich ach so progressivem Land für Frauen getan werden könnte, oder? Für wie viel Empörung die Forderungen nach unseren Rechten hier noch immer sorgt, hat man in den letzten Monaten an der widerlichen Hetzjagd auf über Schwangerschaftsabbrüche informierende Gynäkologinnen gesehen. Ich bin angeekelt von der Selbstverständlichkeit, mit der Unterdrückung weiblicher Selbstbestimmung hingenommen wird. Es macht mich so wütend, wie über unsere Köpfe hinweg entschieden wird, was wir mit unseren Körpern zu machen haben. Wann entscheidet mal ein schlauer Mann im Anzug für uns, dass unsere Mühe es wert ist, im selben Maße entlohnt zu werden wie die seiner Geschlechtsgenossen? Ich warte.

Und hier geht es nur um die Entlohnung am Arbeitsplatz. Ich warte leider vergeblich auf den Tag, an dem Frauen für all die Arbeit bezahlt werden, die sie außerhalb ihres Dayjobs bewältigen. Wäschewaschen, Kochen, Kinderpflege, Hausputz und emotionaler Support für den von seinem Bürojob so erschöpften Ehemann – das alles ist Arbeit, für die Frauen nicht bezahlt werden, weil dort, wo Lohn zu erwarten wäre, eine selbstverständliche Lücke klafft. Mit 21 Prozent mehr Lohn könnten wir uns zumindest regelmäßig ein entspanntes Wochenende in den Bergen gönnen, am besten alle gleichzeitig, ein Hotel nur für Frauen, keine Männer, die uns stören und uns sagen, wie wir dies und das zu machen haben, wie schön wär's?

@mialisamarie

anouk-jans

Anouk Jans

Mir wird im Job immer wieder gesagt, Frauen und Männer würden nicht gleich viel verdienen, weil Frauen zu emotional, zu weich und nicht durchsetzungsfähig genug wären. Diese Charaktereigenschaften seien im Beruf erfolgsbremsend. Ich glaube, das Problem beginnt nicht erst auf unseren Konten, sondern bei unserem Wertesystem. Männer bestimmen ihren Wert selbst, Frauen lassen ihren Wert viel zu oft von anderen bestimmen. Empathie und der Wunsch nach Harmonie sind im Job weniger Wert als hartes Durchgreifen und Egoismus. Den Gender Pay Gap zu schließen, ist nicht nur finanzielles Bedürfnis, sondern ein stark benötigtes Symbol für einen notwendigen Paradigmenwechsel.

@aj.fyi

nathalie-francois

Nathalie Francois

Eine Genderquote als Lösung wirkt auf mich, als würden die Risse einfach übermalt werden. Als würde nur eine bereits privilegierte Gruppe weißer cis-Frauen profitieren. Und es verhindert definitiv kein Man-Spreading. Wir müssen zum Ursprung zurückgehen – wie können wir legalisieren, dass Babys gezeugt werden, ohne dass wir Sperma benötigen?

kyra-sophie

Kyra Wilhelmseder

Wenn mir alle "Politiker" dieser Welt nur einen Moment zuhören würden, würde ich sie darum bitten, sich einen weiteren Moment lang vorzustellen, wie es wohl ist, in der Haut des anderen Geschlechts zu stecken. Empathie und Akzeptanz sind moralische Prinzipien, an denen es unserer Gesellschaft mangelt – vor allem Männern.

Wir Frauen müssen Tag ein Tag aus einem Bild gerecht werden, das sich einst Männer erdacht haben – aus Angst, dass eine Frau, das emotionalere und sensiblere Wesen, neben Familie auch beruflich erfolgreich sein kann. Ich habe weder Kind, noch Mann, noch habe ich in einem sogenannten traditionellen Beruf, dennoch spüre ich die Ungerechtigkeit und den Druck der Gesellschaft, ständig meinen Wert aufs Neue verhandeln zu müssen. Auch ich musste mich durch eine von Männern dominierte Szene kämpfen, bis diese im Stande war, sich an meinen vollständigen Namen und meine Expertise zu erinnern. Männer tendieren zur Dominanz, sobald sie sich bedroht fühlen.

Das Grundproblem ist ein veraltetes Rollenbild, das durch die Industrialisierung entstand und von der Wirtschaft aufrecht erhalten wird. Das den menschlichen und den finanziellen Wert aller Frauen drückt und als die Norm in unseren Köpfen verankert ist. Unsere Gesellschaft muss sich davon verabschieden, um endlich eine gerechte Zukunft willkommen heißen zu können.

Wenn mir der Preis gezahlt wird, den ich wert bin, nutze ich diesen, um weiter meine Träume zu finanzieren. Ich lege keinen Wert auf Marken, aber ich lege Wert auf Menschen – und darauf arbeite ich hin, dass ich eines Tages die Möglichkeit habe, ein Team zu bezahlen. Denn jeder Mensch ist es wert, für seine Zeit, sein Talent und seine Leidenschaft vergütet zu werden.

@kyrasophie

anna_rupprecht_equalpay
Foto: Nora Hollstein

Anna Rupprecht

Die Tatsache, dass Männer in den meisten Branchen immer noch signifikant mehr verdienen als Frauen, verwundert mich zunächst, verlangt doch schon unser Grundgesetz eine Gleichberechtigung der Geschlechter. Schaut man aber genauer hin – oder besser gesagt, erinnert man sich an die eigene Kindheit und den Aufenthalt in Lehreinrichtungen –, kann ich mir ein ungefähres Bild machen, welche Faktoren für diese leider existierenden Diskrepanzen verantwortlich sind.

Frauen verhandeln schlechter oder trauen sich nicht, ihre Gehaltsvorstellungen zu äußern? Ich habe selbst zu Schulzeiten erlebt, wie von "Jungsberufen" die Rede war oder von der Selbstverständlichkeit mit der über konservative Familien- und Rollenbilder als Ideal geredet wurde. Ich glaube etwas grundlegend ändern, kann man nur, wenn man frühe Prävention leistet und Geschlechterrollen schon im Kindes- und Jugendalter aufbricht, um eine Arbeitswelt zu schaffen, die sich frei von Frau und Mann sowie stark und schwach macht.

Nicht nur Arbeitgeber*innen sehe ich in der Verantwortung, gleiche Verhältnisse zu schaffen, auch Betreuende und Lehrende müssen sich bewusst werden, welchen enormen Einfluss sie auf Kinder und Jugendliche haben – beziehungsweise welche Möglichkeiten ihnen offen stehen, diese zu fördern und von Klischeedenken zu befreien. Ich halte für wichtig, dass Frauen der Weg zur Einforderung von gleichen Gehältern einfacher und kürzer gemacht wird. Als Illustratorin versuche ich mich bei Verhandlungen mit Klienten immer wieder daran zu erinnern, was ich mir selbst und meine Arbeit mir wert ist. Oft lehne ich auch mal aus Prinzip einen ungerecht vergüteten Job ab, auch wenn es dann am Monatsende knapp werden könnte und rate das auch Freundinnen.

@annarupprecht_studio

Melisa-minca

Melisa Minca

Das größte Problem an dem Pay Gap ist, dass er Ungleichheiten aufrechterhält. Die privilegierte Mehrheit aus weißen Männern in der Regierung profitiert davon – warum sollten sie also etwas daran ändern wollen. Eine Lösung könnte sein, eine diversere Gruppe von Menschen regieren zu lassen. Mein zweiter Vorschlag wäre: Macht es illegal, wenn Menschen für denselben Job ein anderes Gehalt bekommen. Oh, warte mal, ist das nicht sogar schon ein Gesetz?! Haltet euch dran! Ich fand es immer super komisch, wenn ich meinen Gehaltsnachweis in einem Briefumschlag bekommen habe. Warum? Was die Leute bezahlt bekommen, sollte kein Geheimnis sein, dann könnten wir zumindest eine offenere Diskussion darüber führen. Außerdem sollten neue Strukturen geschaffen werden, in denen Frauen dazu ermutigt werden, sich in einer bedeutenden und fruchtenden Weise zu beschweren.

Ich bin Freelancerin. Theoretisch werde ich so hoch bezahlt, wie ich es verlange. Das Problem ist nur, dass Frauen nicht beigebracht wird, ihren eigenen Wert zu schätzen und generell ein schlechteres Selbstvertrauen haben, deswegen fragen sie nach weniger. Damit habe ich auch noch zu kämpfen, aber ich versuche zumindest, zu lernen, meine Arbeit fair und gleich zu bewerten.

Diese ganze Problematik ist surreal. Deutschland, get a fucking grip!

@melisaminca

Charissa_ISLA
Foto: Lauren O'Neil

Charissa Chioccarelli

Der Pay Gap ist ein komplexes Thema, das weit über den Arbeitsplatz hinausgeht. Ich glaube, die traditionellen Gender-Stereotype sind die Wurzeln des Problems. Von Frauen wird erwartet, dass sie mehr Opfer für ihre Karriere bringen als ihr männliches Pendant – besonders wenn es darum geht, eine Familie zu gründen.

Wenn wir diese Diskussion führen, ist es wichtig herauszustellen, dass der Pay Gap zwar alle Frauen betrifft, für Women of Color und ethnische Minderheit jedoch extremer ist. Überflüssig zu sagen, dass wir Gleichberechtigung für alle brauchen und nicht nur für weiße cis-Frauen. Da es immer noch viele Skeptiker gibt, die die Differenz herunterspielen (Stichpunkt: Verhandlungsgeschick), ist Awareness ein guter Start. Ich denke, die Lösung liegt in einer gleichberechtigten Erziehung und darin, Gender Stereotype loszuwerden. Selbst wenn wir Frauen beibringen würden, härtere Verhandlungen zu führen und ihren Wert zu kennen, können sie nicht die Gender-Voreingenommenheit weg-verhandeln.

In meinem Business versuche ich, persönlich nur mit Frauen zusammenzuarbeiten, da ich das Gefühl habe, dass sie doppelt so hart arbeiten müssen, um dieselben Möglichkeiten zu bekommen. Den männlichen Politikern und Entscheidungsträgern würde ich gerne nahelegen, dass sie mal an ihre Töchter und Schwestern denken, Möchtet ihr nicht, dass sie dieselben Chancen haben?

@charrisla

claire

Claire Mouchemore

Ich arbeite genauso hart, wenn nicht sogar härter als viele Männer – in einem sowieso schon außerordentlich männer-dominierten Feld. Dennoch bekomme ich 21 Prozent weniger Einkommen und Anerkennung. Konstant kämpfe ich für den Wert meiner Arbeit. Mein Geschlecht sollte nicht mit einer vorbestimmten Idee gleichgesetzt werden, wie gut ich in egal welcher Industrie performen kann, noch sollte es meinen Lohn diktieren.

Als Musikjournalistin wird mein Wissen und meine Fähigkeit, den Job auszuführen, ständig untergraben, nur wegen meines Geschlechts. In diese Industrie und ihre Kreise zu kommen, ist schon schwer genug – und bist du erst einmal drin, warten ganz neue Kämpfe auf dich. Gleiche Bezahlung erlaubt eine Steigerung gleicher Möglichkeiten, die ultimativ dazu führen können, dass Frauen* in höheren Position eingestellt werden, damit die nächste Generation zu Vorbildern aufschauen kann, die sich viele von uns früher gewünscht hätten.

@slavbride69

veronica-jonsson

Veronica Jonsson

Es ist ironisch, dass die Frauen, die sich am lautesten über den Gender Pay Gap beschweren, oft in gut bezahlten Positionen sitzen. Class und Background können nicht ignoriert werden, wenn man darüber spricht. Wenn dein Feminismus nicht intersektional ist, ist er nicht mehr wert, als ein T-Shirt von H&M auf dem "Empowerment" steht.

@v_rotica

Tagged:
Feminismus
Kultur
Politik
gesellschaft
gleichberechtigung
WoC