Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "IDFA 2017 | Trailer | Over the Limit" von IDFA

Auf diese mitreißenden Dokumentationen kannst du dich 2018 freuen

Solche wahren Geschichten sind genau das, was wir jetzt brauchen.

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13 Dezember 2017, 10:25am

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "IDFA 2017 | Trailer | Over the Limit" von IDFA

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Das Internationale Dokumentarfilmfestival Amsterdam, kurz IDFA, bietet jeden Winter die Möglichkeit, sich noch vor allen anderen die spannendsten Filme auf der Kinoleinwand anzuschauen. Von Basquiat über einen irakischen Bombenentschärfer bis hin zu einer politischen Rapperin in Schweden: 2018 wird in Hinblick auf die Filmlandschaft alles andere als langweilig. Speicher dir die Titel ruhig schon mal ab, damit du sie nächstes Jahr nicht verpasst.

Antonio Lopez: Sex, Fashion & Disco

Der Film über die New Yorker Kunstwelt hat es uns besonders angetan. Entstanden ist Antonio Lopez: Sex, Fashion & Disco unter der Regie von Kunsthistoriker James Crump, mit der Dokumentation setzt er dem schwulen, in Puerto Rice geborenen und in Harlem aufgewachsenen Modeillustratoren ein Denkmal. Wie eine der vielen Stimmen im Film zutreffend beschreibt, haben Antonios Zeichnungen nicht nur ein New York im Wandel dokumentiert, sondern auch eine neue Szene geprägt. Fashion-Schwergewichte wie Grace Coddington uns Supermodels wie Pat Cleveland und Donna Jordan, sowie der verstorbene Modefotograf Bill Cunningham erinnern sich an Antonios Präsenz und daran, wie er mit seinem kreativen Partner Juan Ramos "ihre Ideen wie Konfetti an Silvester geteilt haben". Außerdem gibt es schlüpfrige Anekdoten über Lopez' Beziehung zu Jerry Hall und mehr über die damalige Rivalität zwischen Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld. Nicht zu vergessen all' die neuen Details über die New Yorker Disco-Ära.

Boom For Real

Die Dokumentation Boom For Real, die du dir bald auf Netflix anschauen kannst, widmet sich dem amerikanischen Künstler Jean-Michel Basquiat und der New Yorker Kunstszene der 80er. "Er hat eine Mauer eingerissen in einer Welt, in der schwarze Menschen nicht gefeiert wurden", erklärt die Schauspielerin und Musikerin Felice Rosser. Wir erfahren durch die Augen seiner engen Freunde und Kollegen, darunter auch Sex and the City-Stylistin Patricia Field und Filmemacher Jim Jarmusch, mehr Details über den amerikanischen Künstler und seine hedonistische Jugend. Auch wenn es schön gewesen wäre, von dem im Alter von 27 an einer Heroin-Dosis verstorbenen Basquiat selbst das ein oder andere zu hören. Der Künstler ist zwar durch das Archivmaterial selbst vertreten, trotzdem bleibt er stumm und spricht kaum über seine Arbeiten.

The White World According to Daliborek

Eine Dokumentation über einen weißen Rassisten klingt auf den ersten Blick nicht besonders einladend. Aber das beängstigende und provokative "dokumentarische Spiel" des tschechischen Regisseurs Vit Klusak ist so schräg, dass es funktioniert. Dalibor K. ist ein 36-jähriger Neo-Nazi, der immer noch bei seiner Mutter wohnt. Tagsüber arbeitet er in einer Fabrik, nachts verwandelt er sich in einen Möchtegern-Rockstar. Er singt voller Stolz Texte wie "Schlage sie wie ein Dämon / Besame sie" und dreht dafür selbst Musikvideos – in einigen übernimmt sogar seine herrische Mutter die Hauptrolle und postet sie auf YouTube. Dalibor wird als tragische Figur dargestellt­: ein Spinner, der keine Perspektiven hat, über den wir lachen und gleichzeitig auch Mitleid empfinden sollen, trotz seines krassen Rassismus und seiner Misogynie. Der Regisseur von The White World According to Daliborek entschuldigt keinesfalls sein Verhalten, sondern möchte beobachtend zeigen wie das Leben von Leuten aussieht, die abseits der Mainstream-Gesellschaft leben. Der Film verfügt bis zum Schluss über eine theatralische Lächerlichkeit, bei dem einem die Spucke wegbleibt. Und trotzdem sollte man ihn sich unbedingt ansehen, auch wenn wir dabei alle zwei Minuten heftig den Kopf schütteln müssen.

Silvana

Ein aktuelles Thema liefert auch der Dokumentarfilm Silvana mit und über die schwedische, queer-feministische Rapperin Silvana Imam. Die Regisseure Mika Gustafson, Olivia Kastebring und Christina Tsiobanelis haben die Musikerin und Aktivistin drei Jahre lang begleitet, waren bei ihrem Aufstieg und der Zeit rund um die schwedischen Parlamentswahlen dabei und zeigen ihre Beziehung zum Popstar Beatrice Eli. Durch ihre Energie geladene Präsenz, ihre kontroversen Texte und ihr politisches Engagement genießt Silvana in Schweden Kultstatus. Das Tolle an dieser Musikdokumentation ist die sehr persönliche Liebesgeschichte, die im Zentrum steht. Wie sich Silvana und Beatrice vor der Kamera verlieben, gemischt mit den intimen, von den beiden selbst gedrehten Privataufnahmen (die Regisseure haben ihnen eine Kamera gegeben und gesagt, dass sie sich filmen sollen, wie sie wollen) hat eine Dokumentation entstehen lassen, die ein optimistisches Zeitdokument des feministischen Widerstands ist.

The Deminer

Der düsterste Film von Hogir Hiror und Shinwar Kamal ist eine Art Homevideo-Version von The Hurt Locker über den irakischen Bombenentschärfer Fakhir Berwari. Dieser hat in den 2000ern Minen mit einer Zange zerstört. Ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit beginnt. The Deminer ist im wahrsten Sinne des Wortes ein atemberaubender Dokumentarfilm, bei dem man jedes Mal den Atem anhält, wenn Fakhir wieder zu einer neuen Landmine geht und eine von ungefähr 600 Minen pro Jahr entschärft. Auch wenn sein Mut viele Leben gerettet und ihm selbst ein Bein genommen hat, wird im Laufe der Dokumentation klar, dass der mutige Bombenentschärfer abhängig von diesem Adrenalinkick und vom Helden-Komplex befallen ist.

Over The Limit

Die Sportdokumentation von Regisseurin Marta Prus ist auf eine andere Weise fesselnd: Sie erzählt die Geschichte der 20-jährigen, russischen Turnerin Margarita "Rita" Mamun und ihrer Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 2016 – eine wahre Black Swan-Geschichte. Darin zu sehen sind nur drei Personen: die einsame Rita und ihre beiden Hardcore-Trainerinnen, die denken, dass sie die junge Athletin mit Beschimpfungen motivieren können. Die Beleidigungen reichen von "Du bist kein Mensch, du bist eine Sportlerin" bis hin zu "Du bist eine dumme Versagerin". Der Good Cop und der Bad Cop beschweren sich immer wieder aufs Neue, dass Rita ihre Routinen aus berechenbarer Absicht nicht schaffen würde. Der Dokumentarfilm ist so dicht und dramatisch wie eine fiktive Geschichte.