"Man braucht keinen Augenkontakt, um Intimität herzustellen"

Die chinesische Fotografin Li Hui zeigt dir, wie viel Magie in scheinbar unwichtigen Alltagsmomenten steckt – vor allem für introvertierte Menschen.

von Hannah Ongley; Fotos von Li Hui
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Juli 30 2018, 2:53pm

Li Hui beschreibt sich selbst als relativ schüchtern. "Ich denke, weil ich weniger Kontakt mit der Gesellschaft habe, bin ich empfänglicher für die kleinen Details und Dinge, die oft ignoriert werden", sagt die in Peking lebende Fotografin. In ihren Bildern deutet sie intime Momente lediglich an: durch eine beschlagene Dusche erahnt man einen Körper und zarte Finger berühren eine Blüte mit makellosen Blättern. Li hat ein Gespür für diese fragilen Augenblicke, die mit dem richtigen Einsatz von Licht noch zerbrechlicher wirken.


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Eine Sache, die du kaum in ihren Bildern siehst, sind die Gesichter der Menschen. Li Huis Aufnahmen beweisen damit, was Introvertierte schon längst wissen: "Man braucht keinen Augenkontakt, um Intimität herzustellen. Manchmal lenken Gesichter sogar davon ab."Wir wollten mehr über die junge Chinesin wissen und haben mit ihr über Geheimnisse und Fehler gesprochen.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich habe im Internet mal ein Bild mit Doppelbelichtung gesehen und mir danach sofort eine Analogkamera besorgt. Ich bin ein großer Fan von Surrealismus und die Fotografie ist das perfekte Medium, um all die Ideen in meinem Kopf miteinander verschmelzen zu lassen.

Wie hat sich deine Arbeit im Lauf der Zeit entwickelt?
Die größten Veränderungen kamen durch das Equipment: verschiedene Kameras und Objektive, mit denen ich experimentiert habe. Die Themen sind dagegen die gleichen geblieben. Ich werde auch weiterhin nach verschiedenen Wegen suchen, um Natur, Jugend und Intimität zu erkunden.

Was inspiriert dich?
Ambient-Musik ­­und Malerei. Ich bin relativ schüchtern und interessiere mich für Mystik und Optik. Beides hilft mir dabei, neue und interessante Blickwinkel zu entwickeln. Ich experimentiere in meinen Fotografien mit dem Licht, Schatten und Wasser – und denke immer darüber nach, wie verschiedene Farben zueinander passen könnten. In der Mystik gibt es zum Beispiel sehr interessante Konzepte über die Semiotik.

Verrate uns mehr über die Menschen auf deinen Fotos.
Das sind meine Freunde. Ich fotografiere eigentlich immer dieselben zwei Menschen, manchmal sind es auch Selbstporträts. Wir vertrauen uns, deswegen ist es einfacher, intime Momente festzuhalten. Trotzdem zwinge ich mich dazu, neue Leute kennenzulernen und mit Unbekannten zusammenzuarbeiten, die meine Arbeit mögen.

Warum zeigst du keine Gesichter?
In meinen früheren Arbeiten sind kaum Gesichter zu sehen, weil ich Menschen selbst kaum in die Augen schaue. Es hat sich für mich nicht natürlich angefühlt, ihre Gesichter abzulichten. Auch wenn ein Gesichtsausdruck viel aussagen kann, kommunizieren Menschen genauso viel über und mit ihrem Körper. Ihre Haltung und ihre Bewegungen sagen einiges über ihr Gefühlsleben aus.

Was fasziniert dich an Stillleben und alltäglichen Dingen?
Es fühlt sich für mich natürlich an, mit dem Alltäglichen zu arbeiten. Der Mensch neigt dazu, das Besondere an seiner Existenz zu vergessen, weil alles vertraut wirkt. Ich möchte diese interessanten Feinheiten festhalten und biete meine Interpretation dieser oft vernachlässigten Details an. All die schönen und zerbrechlichen Dinge, die das Universum erschaffen kann.

@huiuh_

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.