Das Debütalbum von Dream Wife ist eine tanzbare Ansage gegen das Patriarchat

Die drei Girls aus England erklären uns, warum sie sich als Hexen sehen und in jedem von ihnen immer noch ein Teeanger steckt.

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Jan. 11 2018, 11:22am

Sie fordern das alleinige Bestimmungsrecht über ihren Körper und stellen Herzensbrecher an den Pranger. Die 11 Songs von Dream Wife auf ihrem gleichnamigen Debütalbum sind kompromisslose Gefühlsexplosionen, ekstatischer Eskapismus und ungehemmte Wutbotschaften. Dream Wife sind Alice, Bella und Rakel und sie erzählen auf Dream Wife von Momenten, die eingefroren gehören, und solchen, die lieber zerschmettert werden sollten. Entstanden aus einem Performance-Projekt im Rahmen ihres Kunststudiums in Brighton hat sich das Trio, das mittlerweile in London lebt, seit ihrer Gründung 2015 bereits auf den Bühnen auf dem SXSW-Festival, in Roskilde und auf unserer i-D Bühne auf dem Iceland Airwaves-Festival gespielt. Mit ihrer unbändigen Energie und ihren liebevollen DIY-Props schaffen Dream Wife den Spagat zwischen Mittelfinger-Attitüde und Clueless-Looks. Wie ihnen das genau gelingt und was den drei Powerfrauen zu Hexen, Female Gaze und den Spice Girls einfällt, haben sie uns im Interview verraten.


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#METOO

Bella: Es ist eine Plattform für bislang ungehörte Stimmen, die es ermöglicht, zusammenzufinden und eine Einheit zu bilden. Sie gibt anderen die Gewissheit, dass sie nicht alleine sind. Es kann wirklich beängstigend sein, darüber zu sprechen.
Rakel: Und Freiheit darin zu finden! Man vertraut sich der Internet-Community an und erfährt Unterstützung, das ist unglaublich. Das hätte schon viel früher passieren sollen, aber es ist gut, dass es jetzt mit so einer Wucht einschlägt, die sich nicht nur auf eine Branche konzentriert, sondern alle Frauen miteinschließt. Die Diskussion betrifft Männer und Frauen gleichermaßen.
Bella: Häufig hört man über Männer, sie seien einfach old school, Teil einer anderen Generation. Als Mensch hört man nie auf dazuzulernen, warum sollten wir sie also entschuldigen? Wir müssen als Gesellschaft unsere Werte und Regeln neu überdenken.
Alice: Wenn man als Mann mit dieser Attitüde davonkommt, warum sollte man seine Macht und sein Verhalten dann in Frage stellen? Jeder müsste in der Lage sein, das Leben aus der Perspektive des jeweils anderen zu verstehen.
Rakel: Es geht darum, einen Austausch zu fördern. Und nicht darum zu sagen "Du bist schlecht" und "Du bist gut", es geht nicht um den Kampf der Geschlechter. Es geht vielmehr um Verständnis – vor allem, wenn man in der Position ist, dass einem nur aufgrund des Geschlechts von der Gesellschaft gewisse Dinge aufgezwungen werden.

Rakel

Hexen

Bella: Wir sind alle Hexen. Abgesehen von dem großen popkulturellen Hype, den dieses Feld momentan erlebt, ist Magie wohl das treffendste Wort, das meine Sicht auf die Welt definiert. Musik ist magisch! Je mehr man davon in seinem Leben zulässt, desto reicher kann es werden. Hexen dürfen Regeln brechen. Sie dürfen ihren eigenen Weg gehen – ein Weg, der vielen Frauen in der Popkultur vielleicht nicht offen steht.
Rakel: Die Welt zu beobachten und auch mal zurückzutreten, bedeutet Magie auch für mich – und dazu gehört auch die Hexenkraft. Zu wissen, dass wir alle miteinander verbunden sind und eine ganz besondere Kraft in uns tragen. Wenn diese Kräfte vereint werden, passiert etwas Magisches. Hexen waren ursprünglich Frauen, die im medizinischen Feld tätig waren und dadurch eine einflussreiche Position eingenommen haben.
Alice: Durch die christliche Bewegung wurde diesen Kräften eine negative Konnotation verpasst. Frauen, die andere Frauen zerstören wollen und mit dem Finger auf sie zeigen, weil sie Hexen waren. Weiblichkeit muss anerkannt und wertgeschätzt werden, anstatt Andersartigkeit zu verbannen!
Rakel: Wir sind in den Neunzigern mit Charmed und Sabrina - total verhext! aufgewachsen. Unsere Ikonen waren also Hexen. Jetzt, wo wir erwachsen sind, können wir die Relevanz einordnen: Es waren Frauen, die nicht in die stereotypische Darstellung gepasst haben, weder Sexbombe noch Nerd waren. Sie waren komplexe Frauen. Und deswegen fühlen wir uns so mit ihnen verbunden, weil wir das auch sind.

Alice

FEMALE GAZE

Alice: Komisch, meine erste Assoziation damit ist der Male Gaze.
Rakel: Wir sind privilegiert und können uns glücklich schätzen, dass wir – ohne es bewusst zu realisieren – in 80 Prozent der Fälle mit Fotografinnen und Künstlerinnen zusammengearbeitet haben und sie so mit einem weiblichen Blick eingefangen wurden. Es ist bestärkend zu sehen, wie sie uns wahrnehmen. Der Male Gaze führt dagegen häufig dazu, dass wir auf etwas Physisches reduziert werden.
Bella: Grundsätzlich werden Frauen als sexuelle Wesen wahrgenommen. Der Female Gaze erlaubt es, diese Seite unter unseren eigenen Prämissen zu erkunden und auszudrücken. Es geht nicht darum, einem Mann zu gefallen. Wir wurden unser Leben lang in dem dem Glauben gelassen, ein Objekt zu sein, das den Männern gefallen müsse.

Bella

BIKINI KILL VS. SPICE GIRLS

Bella: Müssen wir uns entscheiden? So unterschiedlich beide Gruppen waren: Sie haben wichtige Arbeit in der Unterstützung von anderen Frauen geleistet.
Rakel: Die Spice Girls haben verschiedene Kulturen und Hintergründe gemischt. Sie haben über die Mittelklasse gesprochen und waren schon fast eine theatralische und doch kompromisslose Gruppe. Bikini Kill waren auch kompromisslos und sind ursprünglich aus einem Zine entstanden, das die Rape Culture an amerikanischen Universitäten thematisiert hat, was noch heute weltweit ein großes Problem ist.
Alice: Bikini Kill haben sehr reale Probleme angesprochen, ihre Auffassung von Girl Power war sehr echt. Die Spice Girls waren dagegen ein Mainstream-Produkt, das wir auch heute noch mit Girl Power in Verbindung bringen – auch wenn ihre Auslegung aus feministischer Sicht eventuell weniger glaubwürdig war.
Rakel: Allein die Zeile "If you wanna be my lover, you gotta get with my friends." Bei Live-Auftritten nutzen wir die Zeile in unserem Song "F.U.U.". Bella hat sogar einen handgeschriebenen Brief verfasst, den wir den Spice Girls geschickt haben, weil wir das Zitat auf unserem Album nutzen wollten. Darin stand, was sie für uns bedeutet haben, als wir aufgewachsen sind. Mel C hat geantwortet und gesagt, dass sie den Song toll findet.

TEENAGE ANGST

Rakel: Das ist etwas, das uns unser gesamtes Leben begleitet. Meine Großmutter erlebt es gerade mit über 70! Genervt sein, nur um zwei Minuten später wieder glücklich zu sein. Bei unseren Konzerten haben wir häufig Moshpits, die von Teenage-Girls angeführt werden. Dann wird plötzlich der ganze Raum zum Teenie und schreit. Man wird plötzlich nicht mehr auf den Körper reduziert, sondern lässt die Rolle los, die man glaubt, im Leben einnehmen zu müssen. In jedem von uns steckt noch ein Teenager.
Bella: Wut ist ein kraftvolles Mittel. Es ist etwas, das größtenteils in Frauen negliert wird. Jedes Mal, wenn eine Frau ihren Ärger oder andere Emotionen versucht zu artikulieren, heißt es, sie hätte ihre Periode. Teenage Angst und weibliche Wut sind unmittelbar verbunden. Es fühlt sich gut an, bei unseren Konzerten, in einem Raum mit 100 anderen Frauen, gemeinsam 'Bitch' zu rufen und die Wut durch die Musik gemeinsam loszuwerden.