Fotos: Jozef Wright

Welche Auswirkungen ein konservativer Background auf die eigene Queerness hat

"Laut Oxford Dictionary steht queer für merkwürdig – das mag ich irgendwie."

von Jozef Wright; aufgeschrieben von Lianne Kersten; Fotos von Jozef Wright
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05 Dezember 2018, 11:21am

Fotos: Jozef Wright

Meine Eltern waren sehr aktiv in der christlichen Gemeinde – mein Vater war der leitende Pfarrer mehrerer Kirchen. Als ich realisierte, dass ich queer bin, wollte ich diese Seite meiner Persönlichkeit deswegen nicht wirklich weiter erforschen. Ich habe mich an dem Leben festgeklammert, das ich zu der Zeit führte und mit aller Kraft versucht, der perfekte Junge zu sein. Der perfekte, heterosexuelle Junge.

Ich wurde in Jamaika geboren und habe die ersten Jahre meiner Kindheit auf der Insel verbracht. Als ich neun war, sind meine Familie und ich nach Kalifornien gezogen. Nach meinem 18. Geburtstag habe ich mich dazu entschieden, für das Studium in die Niederlande zu ziehen und bin dort geblieben. Erst hier konnte ich mich selbst öffnen. Es war ein neuer Ort mit neuen Menschen. Menschen, die mich nicht kannten und auch keine Erwartungen an mich hatten, außer ich selbst zu sein.


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Die Motivation hinter diesem Foto-Projekt war, dass ich mich nicht mit den queeren Erfahrungen den anderen identifizieren konnte. Deswegen habe ich nach Leuten gesucht, die ähnlich konservativ oder religiös aufgewachsen sind wie ich, um zu sehen, wie die unterschiedlichen Welten ihre Identität geformt haben.

Dafür habe ich queere Freunde nach ihrer Erziehung gefragt und gemerkt, dass ihre Erfahrungen meinen eigenen sehr ähneln. Das Projekt zeigte mir, dass in jedem einzelnen von ihnen auch etwas von mir selbst steckt – und ich nicht alleine war mit dem Kampf, ich selbst zu werden.

Queer Conservatism Project, Daniel

Daniel

"Queerness bedeutet für mich Freiheit, Macht und Größe. Queerness ist merkwürdig und glamourös zugleich. Queerness bedeutet Kreativität und Kultur, aber auch Schikane, Gewalt, Hass und Ignoranz.

Meine Kindheit war toll, bis meine Klassenkameraden zu mir sagten, wie 'anders' ich sei. Sie haben mir gespiegelt, wer ich eigentlich bin, bevor ich es selbst wusste – zum ersten Mal habe ich gemerkt, dass ich “merkwürdig” war und nicht wie die anderen Jungs. Mir wurde gesagt, dass ich keine “Mädchenkleidung” tragen darf, weil sie nur für Mädchen sei und Jungs sowas eben nicht machen würden. Aber das habe ich schon damals nicht verstanden, weil ich nie so wie die normalen Jungs sein wollte. Mir hat es Spaß gemacht, mich zu verkleiden und die Queen zu sein, die ich schon immer war.

Dafür wurde ich bestraft – und das noch Jahre später. Ich wurde zu einem sehr depressiven Kind und Teenager, weil ich all diese Gefühle und Erfahrungen über die Jahre unterdrückt habe. Das hat mich von innen aufgefressen … damit habe ich bis heute noch zu kämpfen. Mein Coming-out war mit 17. Erst danach konnte ich mein jüngeres Ich, das ich so viele Jahre tief in mir versteckt hielt, besser kennenlernen. Von diesem Zeitpunkt an habe ich nie wieder zurückgeblickt, sondern mir selbst gesagt, wie schön, stark, unnormal (und das ist gut so) ich doch bin. Ich bin wortwörtlich aufgeblüht, weil ich zum ersten Mal Dinge durch die Augen meines wahren Ichs gesehen habe."

Queer Conservatism Project, Mitchell

Mitchell

"Queerness bedeutet für mich, sich von den Ideen der eigenen Eltern und ihrer altmodischen Erziehung unterdrückt zu fühlen. Stattdessen sollte man sich darum bemühen, einander zu verstehen."

Queer Conservatism Project, Tara

Tara

"Für mich bedeutet queer sein, jede mögliche Version meiner Selbst zu sein und mir kein Label aufzudrücken. Es hat mir auch dabei geholfen, das Beste in den Menschen zu sehen, auch wenn sie von der Gesellschaft als 'anders' wahrgenommen werden. Queer zu sein, ist meine Definition von normal."

Queer Conservatism Project, Edward

Edward

"Ich bin in Italien geboren und aufgewachsen, bis ich mit 16 gemerkt habe, dass meine Heimat nicht die richtige für mich ist. Damals konnte ich nicht wirklich beschreiben, warum sich das so angefühlt hat, deswegen bin ich nach Amerika gezogen. Long story short: Es war eine scheiß Erfahrung. Weit weg von meiner Familie und meinen Freunden konnte ich zumindest herausfinden, wer ich wirklich bin und was mir gut tut.

Zurück in Italien hatte ich endlich den Mut, meinem Vater zu sagen, dass ich lesbisch bin. Ich dachte, dass ich mit meinem Coming-out Frieden mit mir selbst schließen würde, nach dem ich so sehnsüchtig gesucht habe. Aber ich bin transgender – das habe ich erst Jahre später herausgefunden, weil mir nie beigebracht wurde, was das eigentlich bedeutet. Gerade bin ich in der Transition-Phase und nehme seit fünf Monaten Testosteron."

Queer Conservatism Project, Vladimir

Vladimir

"Queer sein, heißt frei und ehrlich zu dir selbst zu sein. Aus den engen Grenzen sozialer Normen auszubrechen, sich dagegen zu wehren ein bestimmtes Aussehen zu erfüllen oder Konstrukte aufrechtzuerhalten, um gesellschaftlichen Regularien zu entsprechen. Durch Kleidung konnte ich meine Einzigartigkeit ausdrücken, vor allem als ich mich noch nicht geoutet habe. Mode war für mich der einzige Weg, meine wahre Sexualität zu zeigen. Dadurch, dass mein Aussehen nicht konform mit den strikten Erwartungen der Umwelt war, lebte ich eine Art Rebellion.

Als ich mich dann entschieden habe, meine sexuelle Orientierung öffentlich zu machen, fiel eine riesige Last von meinen Schultern. All’ die Jahre, in denen ich mich anders angezogen und mit meinem Aussehen experimentiert habe, dachte ich, das sei mein wahres Ich – doch eigentlich war das nur ein Probelauf, bis ich endlich die Ziellinie überschritten habe. Erst als ich akzeptieren konnte, wer ich bin und die Leute in meinem Umfeld es mir gleich taten, konnte ich zu meinem wahren Ich finden."

Queer Conservatism Project, Marrisha

Marysia

"Laut Oxford Dictionary steht queer für merkwürdig – das mag ich irgendwie. Ich glaube, ich bin etwas merkwürdig. Genauso wie du auch. Es hat einige Zeit gedauert, zu akzeptieren, dass ich nicht den Wünschen meiner Familie entspreche. Als ich 17 war und meinen ersten Kuss mit einer Frau hatte, wachte ich am nächsten Morgen auf und hatte dieses überwältigende Gefühl von Übelkeit und Abscheu in mir, ich zitterte wie verrückt. Was hat dieses Mädchen mit mir gemacht? Ihre Liebe war wie ein Zauber, der mich befreit hat.

Ich bin in einem recht konservativen Haushalt aufgewachsen und hatte immer den Eindruck, dass das, was ich mache, falsch war – aber meine Neugierde war größer. Als ich mehr in die queere Community eingetaucht bin, lernte ich, wie offen, divers und akzeptierend sie ist. Für mich heißt queer sein, frei sein. Sein zu können, wer du verdammt noch mal sein möchtest. Heute wache ich so auf und morgen vielleicht ganz anders."

Queer Conservatism Project, Craig

Craig

"Nach diesem Projekt habe noch mehr verstanden, dass wir alle eine ganz eigene Geschichte in uns tragen. Als Kind bin ich jeden Sonntag zur Kirche gegangen und habe mir selbst das Versprechen gegeben, das auch durchzuziehen, bis ich 18 werde. Das passierte aus Respekt gegenüber meiner Eltern. Als ich in der Kirche saß und wusste, dass ich schwul bin, fühlte ich mich manchmal wie ein Heuchler. Heute weiß ich, dass ich stolz sein kann auf meine Entscheidungen und darauf, wo ich mich befinde. Die wichtigste Lektion war, ich selbst zu sein. Menschen haben immer eine Meinung über dich – egal ob positiv oder negativ. Das sind Menschen, die dir nahe stehen und solche, die du gar nicht kennst. Es ist deine Aufgabe, erhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen und dich zu erinnern, wer du wirklich bist. Du musst selbst wissen, wofür du stehst!"

Queer Conservatism Project, Marrith

Marrith

"Erst spät habe ich verstanden, was Queerness bedeutet und begonnen, mich mit diesem Ausdruck zu identifizieren – auch wenn meine Pan-Sexualität eigentlich schon immer Teil von mir war. Darin habe ich eine Community gefunden, die mich akzeptiert. Auch wenn ich verstehe, dass meine Sexualität aufgrund sozialer und kultureller Limitierungen nichts ist, was offen in meiner Familie diskutiert werden kann, weiß ich, dass ich immer gehört werde."

Queer Conservatism Project, Luan

Luan

"Queerness bedeutet für mich, die Freiheit zu haben, du selbst sein zu können, komme was wolle. Ich weiß noch, dass viele Leute mich nach meiner Sexualität fragten, lange bevor ich mir selbst darüber Gedanken gemacht habe. Es fiel mir immer sehr schwer, diese Frage zu beantworten, weil ich überhaupt nicht wusste, dass die Welt so viele Möglichkeiten bereithält. Mittlerweile weiß ich, welche Optionen es gibt und limitiere mich nicht, indem ich mich nur für eine entscheide. Ich glaube nicht wirklich an Labels und möchte mir auch keines geben."

Queer Conservatism Project, Jonathan

Jonathan

"Ich wurde sehr religiös erzogen und ging bis ich elf war jeden Sonntag zur Kirche. Als ich dann merkte, dass ich queer war, dachte ich zuerst, etwas sei falsch mit mir. Irgendwann outete ich mich und – mit Ausnahme weniger Freunde – gab mir mein Umfeld nicht das Gefühl, dass das okay wäre. Deswegen entschied ich mich, einen neuen Ort zu suchen, der mein Zuhause werden könnte. Heute weiß ich, dass “Zuhause” ein Gefühl ist, das du selbst für dich erschaffen kannst."

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der niederländischen Redaktion.