Fotos: Rüdiger Trautsch

So wild feierte Hamburgs queere Community in den 80ern

Front war nicht einfach nur ein Club, sondern der Ort, an dem Menschen ihre Freiheit ausleben konnten. Wir haben mit Resident DJ Klaus Stockhausen über neue Musik und alte Erinnerungen gesprochen

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Dez. 4 2018, 8:53am

Fotos: Rüdiger Trautsch

Bilder von krausem Brusthaar, Leder, wohin das Auge reicht und verschwitzte Körper, die eng verschlungen miteinander tanzen: Denkt man an exzessive Partys, kommt einem nicht unbedingt sofort die deutsche Hansestadt in den Sinn. Aber schon in den 80ern hatte Hamburg das Gegenteil bewiesen, mit einem Schwulenclub, von dem du wahrscheinlich noch nie gehört hast: Front. "Ein karger Club im Souterrain – eng, heiß, verschwitzt und laut", beschreibt ihn Klaus Stockhausen, der dort neben Boris Dlugosch bis 1992 als Resident aufgelegt hatte. "Man fühlte sich wie in einer großen verschworenen Familie. Hier konnte man sich gehen lassen, hörte Sounds, die man draußen noch nicht kannte und tanzte sich den Arsch ab, ohne dass man blöd angemacht wurde."


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Der von Willi Prange und seinem Lebensgefährten Phillip Clarke gegründete Club gilt als einer der ersten, die House-Musik nach Deutschland gebracht und Acid House zu dem gemacht haben, was es heute ist. Selbst Legende Frankie Knuckles stand hier schon hinter den Decks. Aber auch Resident DJ Klaus Stockhausen ist es zu verdanken, dass Front 14 Jahre lang als ein Safe Space für die Schwulen-Community galt.

"Für mich war das Beste an diesem Ort, dass ich die Leute musikalisch erziehen durfte", erklärt Stockhausen, der erst kürzlich mit seinem damaligen DJ-Kollegen Dlugosch einen Running Back Mastermix herausgebracht hat, der den Sound einer ganzen Ära zusammenfasst. Dabei geht es den beiden aber keinesfalls um Nostalgie. "Diese ‘Früher war alles besser'-Mentalität macht mega alt", so Stockhausen weiter. "Fakt ist, dass sich Disco und House für die Kids frisch anhört. Die meisten kennen immer nur den Remix und glauben, es sei das Original." Damit behält er irgendwie Recht, schließlich hat sich der ein oder andere von uns sicher schonmal dabei ertappt, das Original seines neuen Lieblings-Tracks erst Jahre später durch Zufall zu entdecken.

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Stockhausen vertraute immer seinem Bauchgefühl und überlegte vor einem Gig nie wirklich, was er in der Nacht auflegen wird. "Es ist unablässig, sich auf seine Intuition zu verlassen", erklärt er. "Ein festes Set wird selten funktionieren. Du musst die Stimmung auf der Tanzfläche einschätzen können und schnell reagieren, wenn sie sich ändert. Was sich Zuhause als Set gut anhört, kann im Club absolut in die Hose gehen."

Die meisten vergessen dabei, dass Residents in den 80ern noch die ganze Nacht durchspielen mussten und an Tracks zu kommen, genauso schwierig war, wie heute die x-te limitierte Sneaker-Edition zu ergattern. "Damals war alles frisch, die Musik war neu und auch das Radio hatte noch nicht wirklich Clubmusik gespielt", so Stockhausen weiter. "Das hat sich alles mit MTV und den ersten Videoclips zuerst langsam, ab Techno dann rasant geändert – heute hat jeder schnellen Zugriff auf alles."

FRONT 80er Ruediger Trautsch

Das ist nicht das Einzige, das sich heute verändert hat. Mittlerweile ist die Rave-Kultur ein globales Phänomen, das sich auch in der Mode widerspiegelt. Labels wie Gosha Rubchinskiy und Heliot Emil kreieren dein nächstes Party-Outfit und lassen dich das Gefühl von Freiheit auch (nach außen) tragen. Diesen Trend findet Stockhausen, der ab Mitte der 80er Musik für Modenschauen kreierte und heute als Contributing Fashion Director beim ZEITmagazin arbeitet, eine gute Entwicklung. "Rave-Kultur bedeutet auch Freiheit – und nichts ist gerade wichtiger." Trotzdem vergessen viele Club-Besucher manchmal das Wichtigste dabei: die Musik. Und die war im Front bahnbrechend für ihre Zeit. "Auch heute gibt es noch genügend Poser und Chi-Chi-Clubs, die mich unendlich langweilen", gibt Stockhausen zu. "Aber auch solche, in denen es nur um die Musik geht – man tanzt bis alles drumherum vergessen ist ... that's the real deal."

@klausstockhausen

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Der Front-Mastermix ist auf Running Back Records erschienen und ab sofort erhältlich.