"Fuck Me" ist ein Poesiealbum voller Gedanken, die jeder kennt, aber niemand ausspricht

"Man kann zwar sagen, dass es blöd ist, was ich da mache, aber nicht dass es falsch ist. Es ist nur meine Wahrheit."

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Dez. 20 2018, 12:13pm

Manchmal fühlt man sich, als gehöre man irgendwie nicht hierher. Als wäre etwas falsch mit einem. Die Welt dreht sich zwar weiter, aber man selbst scheint festzustecken – im eigenen Körper, in seinen eigenen Gedanken. So ähnlich hat sich auch Josh Kern gefühlt, bevor er sich der Fotografie hingegeben und sein eigenes visuelles Tagebuch Fuck Me veröffentlicht hat.

Darin zu sehen sind seine Freunde, er selbst und alles, was die Jugend einem für Lektionen mit auf den Weg gibt. Über der Schüssel hängende Köpfe, liebevolle Rangeleien, analoge Selbstporträts im Spiegel, ein neuer Haarschnitt von Freunden, weil man permanent pleite ist, ganz viel Poesie und dieses grenzenlose Gefühl von Freiheit. So grenzenlos und schön, dass es dir fast Bauchschmerzen bereitet. Es ist eine Ode an unser inneres Kind. Voller Erinnerungen an die Jahre, die uns zu dem Menschen gemacht haben, der wir heute sind. Aber oft trügt der Schein und die Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität ist ein einziges Luftschloss aus Emotionen, die man selbst nicht so wirklich einordnen kann.


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"Es kommt mir ein bisschen egoistisch und narzisstisch vor", gesteht Josh, der im siebten Semester Fotografie in Dortmund studiert. Schließlich versteckt er sich auf vielen Bildern selbst hinter der Kamera. "Das Buch ist komplett auf mich bezogen, obwohl ich meistens meine Freunde fotografiere." Und auch wenn es den Anschein erweckt, hilft der 25-Jährige nicht nur sich selbst, sondern auch all den Menschen da draußen, die sich manchmal so fühlen, als hätte diese Welt keinen Platz für sie. Eine Art Selbsttherapie, von der nicht nur er selbst profitiert. Warum das so ist und welche Tipps Josh für dich hat, wenn es dir mal wieder schlecht gehen sollte, hat er uns im Interview verraten.

Fuck Me Josh Kern

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich bin übers Skaten zur Fotografie gekommen. Es ist eine Art Ventil für mich. Dabei inszeniere ich nichts, das ist mir wichtig. Eigentlich versuche ich sogar genau das Gegenteil: alles so wiederzugeben, wie es wirklich ist. Anderen zu zeigen, wie ich mich im Inneren fühle, indem ich meine Umgebung fotografiere.

War das auch der Grund für dein Buch: Das, was du fühlst, nach außen zu tragen und jedem zugänglich zu machen?
Auf jeden Fall. Mein Professor meinte immer, umso persönlicher desto besser. Umso mehr du dich dafür schämst, desto interessanter ist es am Ende. Ich habe versucht, die Dinge, die mir so richtig unangenehm sind, in das Buch zu packen.

Fuck Me Josh Kern

Oft sind es ja gerade die Dinge, die du nicht überall siehst, mit denen du dich identifizieren kannst.
Über die meisten Ängste redet niemand, dabei fühlt sie eigentlich jeder. Man kann zwar sagen, dass es blöd ist, was ich da mache, aber nicht, dass es falsch ist. Es ist nur meine Wahrheit. Ich hatte und habe immer noch Probleme mit mir. Es ist dumm, so etwas an einem Wort festzumachen, aber ich habe eine Sozialphobie. Das bedeutet, dass ich Angstzustände unter Leuten bekomme, bei denen ich mich nicht richtig wohlfühle. Es gab sogar eine Zeit, in der ich nur noch zu Hause war, bis ich mich dazu entschieden habe, in eine Klinik zu gehen. Danach ging es mir viel besser und ich habe angefangen, mich sehr stark auf die Fotografie zu konzentrieren. Dadurch habe ich mich freier und verstandener gefühlt. Dadurch kam das Gefühl in mir auf, dass es OK ist, so wie ich bin.

Fuck Me Josh Kern

Wer sind die Menschen auf deinen Bildern?
Die Menschen, die mich umgeben. Die mir wichtig sind und mit denen ich meine Zeit verbringe. Und eigentlich auch die einzigen sind, mit denen ich mich wohlfühle. Mir fällt es schwer, mit Freunden von Freunden abzuhängen. Seit ich angefangen habe zu skaten, habe ich dieselben fünf Freunde, die man auch alle im Buch sieht.

Warum hast du dich gerade für den Titel Fuck Me entschieden?
Ich habe diese beiden Worte immer wieder in meine Notizen gekritzelt, auch wenn ich gar nicht wusste wieso. Am Anfang war ich selbst nicht wirklich überzeugt von dem Titel, weil ich ihn zu persönlich fand, aber es spiegelt auch das Selbstdestruktive wider, das im Buch zu sehen ist. Auf der einen Seite kann Fuck Me auch etwas Gutes bedeuten, auf der anderen ist es dieses Gefühl von "Scheiß drauf, ich mach’s jetzt einfach".

Fuck Me Josh Kern

Auf einem deiner Bilder steht "words do not express feelings very well". Welche Rolle spielt Poesie in deinen Arbeiten?
Wenn ich Wörter aufschreibe, mache ich mir keine Gedanken darüber, wie sie am Ende zusammenpassen. Auch nicht, wie sie zum Bild passen könnten, neben dem sie stehen. Mir hilft es total, meine Gedanken aufzuschreiben, wenn ich gerade nicht weiß, was mit mir los ist. Wenn ich mich schlecht fühle, schreibe ich darüber. Danach bin ich klarer im Kopf. Es gibt dieses Gedicht von Charles Bukowski, Blue Bird, das schwirrt schon ewig in meinem Kopf herum. Bukowski schrieb darin, dass er einen Vogel in sich trägt, den er nicht rauslässt – nur manchmal nachts, wenn er betrunken ist. Und genau so ein Gefühl habe ich auch in mir. Etwas, das ich mich eigentlich nie traue zu zeigen und nur durch meine Notizbücher und meine Fotos herauskommt.

@_kjosh

Fuck Me Josh Kern
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Josh Kern Fuck Me
Josh Kern Fuck Me
Josh Kern Fuck Me

"Fuck Me" von Joshua Kern ist bei dienacht erschienen und ab sofort hier erhältlich.