AS TOLD TO G/D THYSELF, The Ummah Chroma (2019

Jenn Nkirus Kunst ist eine Einführung in kosmische Archäologie

Die britisch-nigerianische Filmemacherin entwirft unvergleichliche Bilder für die schwarze Erfahrung.

von Rolien Zonneveld
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13 Februar 2020, 6:00am

AS TOLD TO G/D THYSELF, The Ummah Chroma (2019

Ein einsamer Saxophonspieler wandert durch eine Industrielandschaft in Schwarz-Weiß. Die Häuser im Hintergrund scheinen verwittert, die Musik ist eine sanfte Mischung aus Jazz und Soul, gefärbt von Hip-Hop. Der Musiker ist Kamasi Washington, ein amerikanischer Künstler und Komponist, der mit seinen formsprengenden musikalischen Improvisationen Aufsehen erregt hat. Die Szene ist Teil von AS TOLD TO G/D THYSELF, einem zweiundzwanzigminütigen Kurzfilm, der vielleicht am besten als ausgedehntes Musikvideo beschrieben ist: eine Sequenz aus immersiven Fragmenten, die auf den ersten Blick nicht ganz zusammenfinden.

Der Film feierte seine Premiere dieses Jahr in Sundance, gerade ist er in Het Nieuwe Instituut in Rotterdam zu sehen, als Teil des internationalen Filmfestivals, das dort jedes Jahr stattfindet. Vorwiegend in Baltimore gedreht, zeigt der Film eine kosmische Reise entlang von Motiven wie metaphysische Transzendenz, Spiritualität und Selbstdarstellung. Das konkretisiert sich in Szenen von mythischen Ritualen in Wäldern, neben surrealen Straßenansichten von fluoreszierenden Hunden. Zusammen rufen sie ein beunruhigendes Gefühl von Vorahnung hervor.

Der Film entstand als Kamasi Visuals für sein neues Album entwarf und sich dafür an einige der aufregendsten visuellen Künstler der Gegenwart wandte: Kameramann Bradford Young (bekannt für seine preisgekrönte Arbeit in Arrival), Cutter Marc Thomas (gefeiert für sein Debüt Black America Again), Regisseur Terence Nance (bekannt für seine bezaubernde Fernsehserie Random Acts of Flyness), und Jenn Nkiru (die an Beyoncé und Jay-Zs “Apeshit” mitwirkte). Davon inspiriert, wie organisch diese Zusammenarbeit sich anfühlte, entschlossen sie sich, ein Kollektiv zu bilden: The Ummah Chroma oder ‘Community of Colour’.

Die in Peckham ansässige Jenn Nkiru ist die einzige Britin des Kollektivs—und in der Tat die einzige Frau—und gerade in Rotterdam, um eine Masterclass zu geben. “Wenn ich beschreiben sollte, wie dieses Projekt zustande kam, würde ich sagen, dass wir Jazz gemacht haben”, führt sie aus. “Was den Prozess betrifft, haben wir wirklich Kamasis Album gespiegelt. Wir wurden zu einer Band: Jeder spielte seine Rolle und wir ergänzten einander.” So “frei schwebend” das auch klingen mag, schiebt Jenn gleich nach, so ist das Ziel des Kollektivs doch das glatte Gegenteil. “Ummah Chroma hat eine präzise Mission”, sagt Jenn, “und das ist, Bilder für die schwarze Erfahrung zu schaffen, wie man sie noch nie gesehen hat. Auf unsere je eigene Art erkunden wir Ideen wie Transzendenz, Spiritualität und Innerlichkeit.”

Jenn fasste im jungen Alter von fünfzehn Jahren Fuß in der Filmindustrie, als ihr surrealistischer Kurzfilm über einen gefallenen Außerirdischen von BBC und Tate in Auftrag gegeben wurde. Es war der Anfang einer Filmkarriere, die stets vom Übernatürlichen geprägt war—was Kritiker nach einer Weile dazu verleitete, ihr Werk als ‘afrofuturistisch’ einzuordnen. “Mir liegt nicht viel an solchen Labels, aber wenn ich meinem Schaffen ein Genre aufstecken müsste, würde ich sagen, es neigt eher in Richtung Afro-Surrealismus.” Dieses Genre—das es schwarzen Künstlern ermöglicht, durch eine Perspektive frei von aller Orthodoxie Gefühle der Beunruhigung, der Unabhängigkeit und der Ungerechtigkeit zu artikulieren—hat zuletzt eine Art Revival erlebt. Man denke nur an Donald Glovers Atlanta, oder an die Arbeiten von Filmemachern wie Khalil Joseph und Arthur Jafa, die der Musik von Kendrick Lamar bzw. Solange einen traumartigen Dreh geben.

Jenns Werk ist ein assoziatives Patchwork von Fragmenten aus verschiedenen Quellen: ob aus Popkultur und Philosophie, oder aus der Geschichte schwarzer Musik, dem Black Arts Movement und dem Kino der schwarzen Diaspora. “Auch meine Träume und Alltagserfahrungen spielen eine Rolle in meiner Arbeit”, fügt sie hinzu. “In Nigeria, dem Land meiner Herkunft, haben sie eine wichtige gesellschaftliche Funktion.” Das ist einer der Gründe, weshalb sie ihren Ansatz als “kosmische Archäologie” bezeichnet, ein Begriff der zunächst vage klingen mag, aber Sinn macht, wenn man ihn weiter aufdröselt. Es hat mit der Idee zu tun, dass die Erinnerungen, die wir alle in uns tragen, sich kollektiv zu einer Art kosmischer Energie formieren—Schicht um Schicht von gemeinsamen Eindrücken, Wissen, Ideen und Erfahrungen, die ausgegraben werden können. Angesichts der riesigen Dimension ihres Gegenstands ist die Art, wie sie ihre Praxis angeht, unglaublich fluide und jedes Mal anders. “Ich würde sagen, mein Zugang ist eine Mischung aus Reklamation und Kreation—ich löse mich nicht unbedingt von bestehenden Ausdrucksformen, aber stelle sie nicht in die gewohnten filmischen Schemata.” Ein gutes Beispiel dafür ist das Bild von Beyoncé und Jay-Z, die im Musikvideo von Apeshit (für das Jenn als Second Unit Director zeichnet) vor der Mona Lisa stehen. Es zeigt, wie zwei People of Colour sich in einen Museumsraum eintragen, der traditionell weiß besetzt ist.

“Ich würde mich nie als cinephil bezeichnen, aber das Kino hat sich als perfekte Brutstätte für meine verschiedenen Interessen und Ideen erwiesen”, setzt sie fort. Eines ihrer jüngsten Projekte, Black to Techno, ist ein gutes Beispiel dafür. Indem der Film in die Ursprünge von Techno in Detroits schwarzer Community in den 1980er-Jahren eintaucht, verbindet er die ehemalige Automobilindustrie mit dem mechanischen Sound, den DJs in aller Welt übernahmen. Indem er die reichhaltige Geschichte von Techno nachzeichnet—anstatt einfach Berlin als Geburtsort anzuführen—fördert der Film einen historisch schwarzen Sound als Grundlage des Genres zutage. “Herauszufinden, dass Berlin und Detroit tatsächlich Partnerstädte sind, hat wirklich zur Idee einer universellen Verbindung beigetragen, die ich faszinierend finde”, fügt Jenn hinzu.

Es kommt daher kaum als Überraschung, wenn uns jemand im Museum informiert, dass Baltimore und Rotterdam ebenfalls Partnerstädte sind. Wie sich herausstellt, wurde die Rotterdamer Innenstadt Anfang des Zweiten Weltkriegs zerstört; als die Stadt wiederaufgebaut werden sollte, entschloss man sich, die Zukunft mit offenen Armen anzunehmen anstatt die Vergangenheit wiederzubeleben. Auch das Stadtzentrum von Baltimore wurde 1904 von einem großen Feuer zerstört und hinterher von Grund auf wiedererrichtet. Beide entwickelten sich in weiterer Folge zu modernen Städten mit einer diversen Einwohnerschaft, was sowohl Möglichkeiten als auch Probleme mit sich brachte. “Es ist verrückt, oder?” meint Jenn. “Ich finde es verblüffend, dass ähnliche historische Umstände solche geteilten politischen und gesellschaftlichen Ideen hervorbringen.”

Begleitend zur Vorführung des Films stellt das Museum die erste installative Arbeit des Kollektivs aus: G/D THYSELF: Spirit Strategy On Raising Free Black Children ist ein Raum von fast hundert Quadratmetern, der Besucher einlädt, selbst kontemplative Rituale in Form von Gebeten, Performances und Tanz auszuführen—was das Kollektiv “spirit strategies” nennt. Besucher sind gefragt, existenzielle Themen laut durchzuspielen: Wer sind wir und was ist unsere Rolle in dieser Geschichte?

Die Installation G/D THYSELF: Spirit Strategy On Raising Free Black Children ist bis 28. Juni 2020 in Het Nieuw Instituut zu sehen.

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