Foto von Matt Lambert

Wir erkunden Ludovic de Saint Sernins Finstagram—nicht auf Arbeit anklicken!

Der Pariser Designer hat eine queere, Sex-positive Instagram-Community geschaffen, die sein Luxuslabel perfekt verkörpert.

von Aaron Mills
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15 April 2020, 4:00am

Foto von Matt Lambert

Viel hat sich getan, seit wir letzten Sommer mit Ludovic Saint Sernin sprachen. Das nach ihm benannte Label erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Zu seiner Liste von Auszeichnungen kam zuletzt der Woolmark-Preis hinzu; seine SS20-Kollektion, die online Furore machte, langt gerade in den Geschäften (und auf ranken Körpern) in aller Welt ein. “Es ist es irgendwie seltsam, bei allem, was gerade vor sich geht, ein Interview zu geben, weil es so eine ungewisse Zeit ist”, sagt er am Telefon aus seinem Designstudio-Schrägstrich-Apartment in Paris.

Es ist jedoch offensichtlich, dass wir inmitten des Kummers, der Isolation und der Verwirrung, die wir alle gerade empfinden, auch zu Tode gelangweilt sind. “Und geil”, lacht Ludovic. Wir alle brauchen schöne Dinge und die Möglichkeit mit anderen in Verbindung zu treten: “Es ist echt toll, dass ich heute mehr denn je in engem Kontakt zur Community stehe, die ich geschaffen habe, und ich denke, es ist sehr wichtig, online präsent zu sein.” Die Community, von der hier die Rede ist, sind die treuen Anhänger seines Finstagram-Accounts @ludovicdesaintserninx. Im August 2018 als Alternative zum hauptsächlichen Label-Account gestartet, bedient er ein kleineres, spezifisch männliches Publikum. “Die Idee ist, den Körper und Queerness zu feiern”, sagt Ludovic von dem sexuell aufgeladenen Feed, der manchmal seine Produkte präsentiert, vor allem aber darauf zielt, einen sicheren Ort für seine schwulen, mehrheitlich männlichen Fans zu schaffen, wo sie kunstvolle Schönheit und queerer Sexualität wertschätzen können. Inspiriert von Robert Mapplethorpe und Madonna, die beide nicht jugendfreie Foto-Kollektionen veröffentlicht haben, sind die Postings voller Sinnlichkeit, nackter Haut und taktiler Stoffe—alles Dinge, die auch in Ludovics Kollektion eine Rolle spielen. “Es ist eine Plattform, die nicht zwingend mit Mode zu tun hat”, sagt er. “Es geht einfach um Sex, aber auf kuratierte und wunderschöne Weise.”

@antonin_the2nd
@antonin_the2nd

Wie also entstand die Idee für die Seite? “Das Label bedient seit den Anfängen eine schwule Nische”, sagt er. “Ich wollte, dass die Hauptseite für ein breiteres Publikum zugänglich ist, ohne das schwule Publikum darüber zu vernachlässigen.” Obwohl zweifellos eine smarte Marketingstrategie, ist es auch aus einer Frustration über die offenbare Unterdrückung von LGBT+ Content auf den sozialen Medien entstanden. “Instagram zensierte zu der Zeit viel schwule Sachen. Ein Hetero-Pärchen, das am Strand rummacht, war okay, aber dasselbe Bild mit zwei Jungs fiel der Zensur zum Opfer. Irgendwann fand ich das ziemlich frustrierend.”

Bilder, die Liebe im LGBT+ Milieu darstellen, werden häufiger gemeldet, obwohl sie nicht unbedingt gegen die Instagram-Richtlinien verstoßen, schlicht weil viele Nutzer voreingenommen sind. Ludovic will jedoch kein Bürgerschreck sein. Er erklärt, “es war nicht meine Absicht, Unruhe zu stiften oder mich mit irgendjemandem anzulegen.” Stattdessen kanalisierte er seine Frustration in einen sanfteren Zugang und erfand (in Absprache mit einem Mitarbeiter von Instagram) einen kreisförmigen Weichzeichner, der alles, was verschwommen sein soll, verschwimmen lässt [füge hier ein Aubergine-Emoji ein]. Seither hat er kaum Probleme mit der Zensur. Zwar teilt der private Account grenzüberschreitenden und sexualisierten Content, aber weil die Abonnenten von Ludovic selbst handverlesen sind, gab es bisher kaum Beschwerden. Für den Fall, dass ihr selbst Schwierigkeiten mit der Zensur habt, lautet die Lektion: Sucht den Kontakt und das Verständnis eurer Community, versteht die Grenzen eurer Plattform, und macht euch mit den Datenschutzeinstellungen vertraut. Das ist keine Lösung, aber immerhin ein Anfang.

LDSS X Quinton Mulvey and Dylan Prince
@quintonmulvey and @dylancprince

Der Account ging ursprünglich mit Label-eigenem Content online—inklusive einer Hommage an Fire Island und schwule Fotografie der 60er und 70er Jahre—, wird seither aber vor allem von nutzergenerierten Postings angetrieben. Mit Grund dafür, dass der Inhalt interessant bleibt, sind so genannte Challenges, die Ludovic an die Community richtet. Als der inzwischen berühmte Jüngling, der mit nichts als einem Handtuch angetan ist, zur neuen Meme-Queen des Labels aufstieg, sah Ludovic, dass das Bild viele Nachahmer fand… so war der #LDSSTowelChallenge geboren. Beim Relaunch anlässlich der Verkaufsfreigabe von Ludovics jüngster Kollektion war die Challenge von zentraler Bedeutung: Sende ein Selfie, auf dem du nur mit Handtuch bekleidet so sexy aussiehst wie möglich (je feuchter und geiler, desto besser), und das dann zum allgemeinen Genuss auf der Plattform geteilt wird. Ein Hinweis: Der Handtuch-Typ trug in Wirklichkeit Unterwäsche. “Tatsächlich hatte er, als er zur Anprobe kam, einen rosafarbenen Samt-Tanga an”, sagt Ludovic. “Ihm fiel das Handtuch runter, aber er tat so, als wäre es gewollt, und lief einfach weiter. Die Leute im Studio fielen alle in Ohnmacht und sagten, Wahnsinn, das müssen wir für die Show wiederholen. Und ich dachte nur, ja, das war ein ikonischer Moment, aber am Laufsteg können wir das nicht hinlegen!”

Es ist faszinierend, wie Ludovics Finstagram-Accout unsere Vorstellung von Nacktheit im Internet umwirft. Es muss sich nicht immer um ungefragte dick pics, Einladungen zu Sex, widerliche Typen in deinen Privatnachrichten oder, in extremen Fällen, Racheporno drehen. Orte wie dieser helfen, wenn auch unbeabsichtigt, uns ein wenig von solchen Assoziationen zu lösen und den nackten Körper einfach als etwas Kunstvolles und Wunderschönes anzusehen. Klar, einige der Postings werden sicher zu Kontaktaufnahmen geführt haben, aber das war nicht ihr primärer Zweck. “Ich wollte einen Ort schaffen, wo du nicht beurteilt wirst, wo du keine Angst davor haben musst, dein bestes, schönstes, sexuelles Selbst zu sein”, erklärt Ludovic. “Es geht um Körper-Positivität und die Befreiung der Köpfe, und es soll einfach Spaß machen.” Leute dazu zu bringen, ihre Angst zu überwinden und sich selbst genug zu lieben, um diese Bilder mit einer unterstützenden Community zu teilen, ist ein ziemlich guter Weg, die Debatte voranzubringen.

Und mal im Ernst, Nacktbilder werden wir so bald nicht los—eine Studie hat gezeigt, dass 75% aller schwulen Männer Nacktaufnahmen versendet oder erhalten haben—, warum also versuchen wir nicht, sie zu akzeptieren? (Keine Billigung: Don’t @ me.) Wenn du Liebe und Hype willst, ohne deine Privatsphäre zu riskieren, gibt es auch die Möglichkeit anonymer Einsendungen.

ludovic de saint sernin
@des_leon

Javier Des Leon, der mehrfach auf der Seite abgebildet ist, wurde zu einer Art Posterjunge für LDSS X. Die Seite und das, wofür sie steht, bedeutet ihm sehr viel. “Ich denke, der nackte Körper ist ein unerschöpflicher Quell des Ausdrucks. Er ist unser kostbarster und geheiligter Tempel”, erklärt er. “Manche denken, er sei etwas, wofür man sich schämen oder das der Intimsphäre vorbehalten sein sollte—ich nenne es einfach Kunst.” Auf die Frage, was er an der Seite so liebt und warum er ein Teil davon sein wollte, antwortet Javier, sie biete “die Gelegenheit deine Sexualität und Individualität zu offenbaren” sowie “einen der Verehrung von Sexualität und des männlichen Körpers gewidmeten Kult-Raum, der nackte Haut würdigt und unsere intimsten Fantasien und Begierden manifestiert.”

Die Plattform erlaubte Ludovic außerdem, neues Terrain für sich zu erschließen—sowohl kreativ als auch produkttechnisch. Zuletzt lief dort ein Kurzfilm über Masturbation, den Matt Lambert gedreht hat, um Ludovics Zusammenarbeit mit der japanischen Sexspielzeugmarke Tenga zu promoten. Das Produkt? Sex-Eier. “Die Sache mit dem Sexspielzeug ist eine lustige Geschichte”, sagt Ludovic. Nach dem viralen Erfolg (ein wiederkehrendes Motiv) seiner AW18-Kollektion, für die er einen Keramik-Eierbecher in ein Schulterstück verwandelte, verwies ihn ein Freund auf Tenga. “Einer meiner Freunde meinte ‘Oh, hast du von dieser Sexspielzeugmarke aus Japan gehört, die diese Eier herstellt?’ Und ich sagte, ‘Wahnsinn, die sind süß!’ Ich kam mit meinem Label nach Japan und wir sprachen über die Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Sie waren super begeistert.”

Die großen Modehäuser können viel von Ludovic und seinem Label lernen—nicht nur über Sex, sondern auch über Authentizität. Alle haben es darauf abgesehen, die nächste große virale Kampagne loszutreten, aber was Erfolg haben wird, lässt sich nicht so leicht vorhersagen. Wenn es komplett künstlich ist, fällt das rasch auf. “Modelabels lassen nichts unversucht, um solche Meme-Momente zu erzeugen, aber indem sie zu Nachahmern werden, geben sie sich und die Industrie der Lächerlichkeit preis. Ich denke, die Rechnung kann eigentlich nur dann aufgehen, wenn dein Content aufrichtig, authentisch und einmalig ist.”

LdSS Tenga by Matt Lambert
Foto von Matt Lambert
@malcomcdorl & @martindorl
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@twinknextdoor
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