„Jeder soll sich von meiner Mode angesprochen fühlen“

Die New Yorkerin Olivia Ballard entwirft Kleidungsstücke, die unmittelbar mit dem Körper harmonieren und mehr zeigen, als sie verbergen. Trotzdem wirken die Träger:innen darin nicht nackt, sondern stark und selbstbewusst.

von Julika Reese; Fotos von Shauna Summers
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08 Dezember 2021, 9:56am

„Mein Label ist während des Lockdowns entstanden. Man könnte denken, dass niemand in dieser Zeit an Mode gedacht hat, aber ich glaube, es gab eine große Sehnsucht danach, sich wieder richtig zu kleiden. Vielleicht ist sie jetzt sogar größer denn je.“ Olivia Ballard designt für ihr gleichnamiges Label kurze Trägertops, semitransparente Rollkragenpullover und geschlitzte Kleider, die den Köper wie eine zweite Haut umspielen und von variierbaren Bänderkonstruktionen zusammengehalten werden. In ihrem Neuköllner Studio fertigt sie die Kleidungsstücke aus einem Mesh-Material per Hand an, überlange Ärmel und Farbverläufe in Marmoroptik sind zu ihrem Erkennungszeichen geworden. „I love to get my hands dirty, für mich ist das fast meditativ“, erklärt Olivia ihren Arbeitsprozess. Überzeichnete Nähte wendet sie bei ihren Designs nach außen und macht so den Konstruktionscharakter, der in der Mode oft verborgen bleibt, sichtbar.

„Fashion hat für mich die Aufgabe, möglichst diverse Ideen von Schönheit zu repräsentieren. Meine Sachen sollen niemanden ausgrenzen, sich der Anatomie der Träger:innen anpassen und an jedem Körper interessant aussehen.“ Dieser Grundgedanke prägt die Identität von Olivias Label, starrer Geschlechtergrenzen verwischen dabei. Wir haben Olivia in ihrem Studio besucht und mit ihr über das Chaos beim Designen und Färben, Jahreszeiten als Inspiration und Kleidungsstücke, die den Körper weder entblößen, noch verstecken, gesprochen.

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Olivia in OLIVIA BALLARD, Foto Shauna Summers

Olivia, erzähl mal, wie dein Label entstanden ist
Meine erste Mitbewohnerin hier in Berlin hatte eine Swimwear-Linie, deshalb standen bei uns in der Wohnung immer Nähmaschinen herum, mit denen ich angefangen habe, mir cute Outfits zum Weggehen zu schneidern, da ich keine große Shopperin bin. Daraufhin habe ich viel positives Feedback bekommen und wurde immer wieder von Leuten gefragt, ob ich ihnen auch etwas anfertigen kann. Halb scherzhaft habe ich dann irgendwann ein paar Outfits bei Instagram gepostet und dazu ‚Taking your orders’ geschrieben. Die Bestellungen kamen dann tatsächlich-  und bald darauf aber auch der erste Lockdown. Ohne Ablenkung habe ich die Zeit genutzt und mich ganz auf meine Entwürfe konzentriert. Irgendwann kamen dann auch die ersten Anfragen von Magazinen, die meine Kleider für Fotoshoots ausleihen wollten. So ist daraus ganz organisch ein Label entstanden.

Worauf achtest du besonders beim Entwerfen?
Das Allerwichtigste ist mir, dass mein Label so inklusiv wie möglich ist. Am Anfang habe ich deshalb Fitting Days veranstaltet, an denen ich Freunde mit den unterschiedlichsten Körpergrößen und -formen in mein Studio eingeladen habe, um meine Designs an ihnen zu sehen. Ich wollte wissen, wie sie sich in dem Outfit fühlen und womit sie es kombinieren und stylen würden. Diese Art von Feedback ist so special für mich. Jeder soll sich von meiner Mode gemeint fühlen, ich will meine Designs an Leuten mit den unterschiedlichsten Figuren, Hautfarben und Geschlechtern sehen. Schönheit hat so viele Formen! Durch das Stretchmaterial sind die Kleidungsstücke flexibel und funktionieren an allen Körpertypen. Ich wünsche mir, dass jeder meine Designs auf eine individuelle Weise tragen kann, deshalb sind auch keine Labels eingenäht, denn es gibt bei mir kein vorne und hinten. Das macht es spielerischer und für mich auch interessanter; ich liebe es zu sehen, wie Leute meine Mode für sich interpretieren.

Wie würdest du die DNA oder Ästhetik von deinem Label beschreiben?
Meine Designs sollen sich anfühlen, wie eine zweite Haut und dem Körper erlauben, wirklich präsent zu sein. Ich möchte ihn in all seiner Unterschiedlichkeit feiern und nicht durch zu viel Stoff verstecken - aber auch nicht entblößen. Für mich geht es nicht nur um Ästhetik, sondern auch um den Ausdruck von Werten. Es geht mir darum, Stereotypen rund um Geschlecht und Identität aufzubrechen und neu zu definieren, was Feminität bedeuten kann. Die dünnen, transparenten Stoffe, mit denen ich arbeite, stehen für eine selbstbestimmte Weiblichkeit, für Softness und Stärke. 

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swimwear line OLIVIA BALLARD, Foto QU1N5E
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outfit OLIVIA BALLARD, Foto HAAKON KORBI KOLSTAD

Für dich ist es zentral, dass man sich gut in deinen Designs bewegen kann, oder?
Meine Mode ist zum Leben gedacht. Sexy und easy-going. Ich stelle mir Leute von morgens bis nachts in den Kleidungsstücken vor. Das Schönste ist, zu sehen, wie jemand in einem meiner Kleider tanzt.

Weil wirklich lebendig werden Kleidungsstücke ja eh erst am Körper…
Egal was für Klamotten du besitzt, zieh sie an und mach sie schmutzig! Auch das schönste Kleid bedeutet nichts am Hänger. Mode fängt erst dann an zu leben, wenn sie getragen wird. Und auch wenn mal was reißt, ist das nur ein vermeintlicher Makel und kann ein Kleidungsstück sogar interessanter machen, weil es mit Erinnerungen verbunden ist. Anscheinend hat man darin ja etwas erlebt. Genau so, wie auch Narben und Tattoos eine Geschichte erzählen.

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Studio OLIVIA BALLARD, Foto Shauna Summers

Was sind deine Referenzen beim Entwerfen? Wie näherst du dich einer Kollektionen an?
Ich mag alles, was organisch ist. Natur ist meine größte Inspiration. Dabei berührt mich aber nicht nur, was blüht, sondern auch was verwelkt und morbide ist, denn Spuren des Verfalls gehören - genau wie Wachstum - zu unserem Leben. Das Schöne kommt zusammen mit der Vergänglichkeit. Wo wir Schönheit sehen, sehen wir immer auch ihr Vergehen. Mich interessieren diese Kreisläufe, deshalb sind die Farben meiner Designs von den vier Jahreszeiten inspiriert.

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Eartheater in einer Hose von OLIVIA BALLARD, Foto BILLY LOBOS

Du stellst alle deine Stücke in deinem Atelier selbst her. Wie genau kann man sich diesen Herstellungsprozess vorstellen?
Stoffe sind der Ausgangspunkt für meine Designs. Ich muss alles anfassen und fühlen, um zu entscheiden, woraus ich ein Kleidungsstück herstellen möchte. Es ist alles sehr physisch. Irgendwann habe ich Mesh für mich als signature Material entdeckt und angefangen, es einzufärben und damit zu experimentieren. Ich mag es, ein bisschen obsessiv und nerdy an einem Projekt zu arbeiten und wirklich darin einzutauchen. Beim Färbeprozess gefällt mir das Chaos und dass man nur bedingt Kontrolle über die Ergebnisse hat. Man muss loslassen können und sich überraschen lassen.

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Outfit OLIVIA BALLARD, Foto Sina Lesnik
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Outfit OLIVIA BALLARD, Foto PAMAS STUDIO

Wie geht es dir damit, aus einem Hobby ein Business zu entwickeln?
Business und Kreativität miteinander zu verbinden, ist mit Sicherheit die größte Herausforderung. Ich habe ja einfach designt, was mir selbst gefehlt hat, ohne wirtschaftliche Hintergedanken oder Businessplan. Gerade am Anfang war vieles noch angenehm ungeklärt, das hat auch Freiräume geschaffen, denn Konventionen schränken oft ein. Ich sehe meine Brand wie ein Abenteuer, trial and error, manchmal ist es tough, dann wieder berauschend. 

Jetzt musst du uns natürlich noch erzählen, was demnächst bei dir geplant ist. Also, what’s next for Olivia Ballard?
Diesen Sommer habe ich das Sortiment um eine Swimwear-Linie erweitert, demnächst ist auch ein Projekt mit einem New Yorker Tattoo Artist geplant, der Muster und Prints entwerfen wird, die wir dann auf Kleidungsstücke drucken. Mir ist es wichtig, neue Kollektionen in der Konversation entstehen zu lassen und mit verschiedenen Künstlern zu kollaborieren. Was mich hingegen überhaupt nicht interessiert, ist rein kommerziell zu entwerfen, denn ich finde es das Schönste, auch individuell auf Kundenwünsche durch die Made-to-order-Produktion einzugehen. Irgendwann hätte ich deshalb am liebsten ein offenes Atelier, wo demokratisch zusammengearbeitet und an neuen Ideen experimentiert werden kann.

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Studio OLIVIA BALLARD, Foto Shauna Summers
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Olivia in ihrem Studio, Foto Shauna Summers
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Olivia in ihrem Studio, Foto Shauna Summers
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Olivia in ihrem Studio, Foto Shauna Summers
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