Photos courtesy of the students.

Wie Modestudenten auf der ganzen Welt mit der Coronavirus-Krise umgehen

Während Abschlussshows und -zeremonien gestrichen werden, finden Studierende neue Wege, ihre Fertigkeiten und ihr Innovationsvermögen einzubringen.

von Erica Euse
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27 April 2020, 4:00am

Photos courtesy of the students.

Kou Yanga war gerade dabei, die Damenkollektion für seinen Studienabschluss zu entwerfen, als er herausfand, dass die Parsons School of Design in New York angesichts der Coronavirus-Pandemie ihre Pforten schließen und zu Online-Unterricht übergehen würde. Die Nachricht erreichte ihn im entscheidenden Semester seines Masterstudiengangs in Modedesign—zu einem Zeitpunkt, wo er eigentlich die letzten Stücke für seine aufwändige, vom Tanz inspirierte Abschlusskollektion entwickeln sollte.

“Die Frühjahrsferien sind eigentlich dazu da, unseren Look zu entwickeln, Samples herzustellen, die Schnittmuster zu finalisieren und so weiter”, erklärt Yanga. “Stattdessen warten wir auf Informationen über den Online-Unterricht, was für Modestudenten praktisch keinen Sinn macht.”

Von Mailand bis nach New York bemühen sich Studenten auf Heimlernen umzusteigen, was Kunst- und Modestudenten wie Yanga jedoch im Unklaren darüber belässt, wie sie ihre Arbeit fertigstellen sollen. Viele haben den Zugang zu den Studios, Ausrüstungsgegenständen und Stofflieferanten verloren, auf die ihre Arbeit angewiesen ist.

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KOU YANGAS ABSCHLUSSKOLLEKTION.

“Bevor mein College auf unbestimmte Zeit schloss, war es uns gelungen, uns Zutritt zu verschaffen, ein paar unserer Dinge einzupacken und so viel wie möglich nach Hause zu bringen—und ich habe das Glück, zu Hause eine Nähmaschine zu haben und einen Ort, an dem ich arbeiten kann”, erklärt Jillian Vessey, eine Modestudentin am New Brunswick College of Craft and Design in Kanada gegenüber i-D. “Viele meiner Klassenkollegen leihen sich Nähmaschinen für den Heimgebrauch und finden Alternativen für Schnittmusterpapier, um ihre Arbeit fortsetzen zu können.”

Während viele Studierende dankbar sind über die Eigeninitiative ihrer Schulen im Umgang mit der globalen COVID-19-Pandemie, scheint es nun immer wahrscheinlicher, dass sie ihre Kollektionen nicht auf den jährlichen Abschluss-Modeschauen präsentieren werden können. Diese weltweiten Veranstaltungen bieten einen wichtigen Zugang zur Presse und zu Modefachleuten—und natürlich die Gelegenheit, ihre Arbeiten vorzustellen, an denen sie jahrelang gesessen haben.

“Die Abschluss-Show findet im September statt, wir haben im Moment also keinen blassen Schimmer, ob das funktionieren wird”, sagt Yanga und fügt hinzu, dass er sich in einer noch schwierigeren Situation befindet. Er muss sofort nach seinem Studienabschluss einen Job finden, um sein Visum für die USA zu behalten.

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TATIANA PIUSSI UND NATALIE SZEGENY VERSCHICKEN MASKEN IN PRAG.

Auf der anderen Seite des Atlantik, am Institut für Mode-Design im schweizerischen Basel, finden sich Corinne Baumann und ihre Studienkollegen in einer ähnlichen Situation wieder. Nur einen Tag bevor sie ihre Abschlusskollektion vor einem beinahe tausendköpfigen Publikum hätten präsentieren sollen, hat die Schweizer Regierung die Versammlungsfreiheit eingeschränkt. Die Studenten des Abschlussjahrgangs improvisierten, indem sie in kleinen Gruppen arbeiteten, um ihre Kollektionen abzufilmen—das Ergebnis ist demnächst online zu sehen.

“Es ist schade, dass wir nach all der langen und harten Arbeit an unseren Abschlusskollektionen nicht die Möglichkeit bekommen, sie stolz vor unseren Freunden, Familien und der Fachpresse zu präsentieren”, sagt Baumann. “Unsere Gedanken sind im Augenblick alle woanders. Es fühlt es sich einfach so an, als ob niemand an unserem Abschluss interessiert wäre.”

Da kein Ende abzusehen ist, tun die Studierenden ihr Bestes, um sich an die neue Wirklichkeit anzupassen. Viele improvisieren mit behelfsmäßigen Studios und Zubehör von zu Hause, aber je länger die Quarantäne andauert, desto schwieriger wird es sein, sich das nötige Material zu verschaffen.

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EIN LEERES STUDIO AM INSTITUT FÜR MODE-DESIGN IN BASEL.

“Da ich nicht ins Stoffgeschäft gehen kann, musste ich improvisieren mit dem, was mir zur Verfügung stand. Wenn du auf deine Vorräte beschränkt bist, denke ich, kann das deine Kreativität und dein Denken tatsächlich erweitern, besonders in dieser Situation”, sagt Francis Cooney, ein Modestudent im ersten Jahr an der Parsons School.

Allen Widrigkeiten zum Trotz gibt die Pandemie Modestudenten eine einmalige Gelegenheit sich dem Kampf gegen das Coronavirus anzuschließen, indem sie ihre Fertigkeiten einsetzen, um jenen zu helfen, die keinen Zugang zu dringend nötigem medizinischen Zubehör wie Gesichtsmasken oder Krankenhaushemden haben. Bis letzte Woche haben Modestudierende an der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag hunderte Masken zur Verteilung an besonders gefährdete Menschen genäht.

“Wir hörten einen Aufruf der lokalen Behörden; sie baten um Hilfe, um Sozialarbeiter, die mit Senioren und behinderten Mitbürger zu tun haben, mit Masken zu versorgen”, erklärt Pavel Ivančic, der Direktor des Designstudios der Universität, gegenüber i-D. “Wir haben sofort unsere Studenten kontaktiert, Stoffe aus unserem Lager zur Verfügung gestellt und angefangen, Masken zu produzieren.”

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KOU YANGAS ABSCHLUSSKOLLEKTION IN ENTWICKLUNG.

Ähnliche Aufrufe haben sich über die sozialen Medien auf der ganzen Welt verbreitet. Modestudierende sind dabei Teil einer größeren Initiative der Modeindustrie—an der Seite von Herstellern und Modedesignern wie Christian Siriano, Collina Strada und Pyer Moss—mit dem Ziel, den weltweiten Mangel an persönlicher Schutzkleidung und -ausrüstung zu lindern.

“Alle Studenten, auch die des Abschlussjahrgangs, arbeiten gemeinschaftlich und teilen Materialien, Werkzeuge und Nähideen. Es ist wichtig, schnell zu arbeiten und zugleich gründlich”, erläutert Sára Sedláková, eine Studentin der Prager Akademie, die selbst mehr als 200 Masken hergestellt hat. “Und es sind nicht nur ein paar Leute, sondern die ganze Modeindustrie. Angehörige der Modebranche bieten ihre Maschinen an, damit wir die Masken schneiden können, und auch Material.”

Auch wenn Modestudierende auf der ganze Welt sich ihr Abschlussjahr anders vorgestellt haben mögen, stellt die kommende Generation von Designern dennoch unter Beweis, dass sie es auch ohne Abschluss-Shows versteht, ihr Talent und ihr Innovationsvermögen für bedeutendere Zwecke denn je einzubringen.

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ANNA, BARBORA UND MARTINA MACHEN MASKEN IN PRAG.

“Wir sind uns nicht immer sicher, ob wir im richtigen Berufsfeld sind, denn Mode ist eine der dreckigsten und oberflächlichsten Industrien der Welt, aber diese Krise gibt uns eine komplett andere Perspektive”, schreiben Natálie Szegény and Tatiana Piussi, zwei Studentinnen an der Prager Akademie für Kunst, in einer gemeinsamen Stellungnahme via Email.

“Unserer Meinung nach haben viele Leute realisiert, wie wichtig es ist, lokale Produzenten und Designer zu haben und zu unterstützen. Wie wichtig es ist, zu wissen, was und von wem du einkaufst. Abgeschnitten von der Außenwelt, müssen wir uns aufeinander verlassen können.”

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