Riccardo Chiacchio: „Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass Pride und Selbstakzeptanz in allem stecken, was ich tue”

Um Calvin Klein’s Pride Kollektion zu feiern, sprechen wir mit wegweisenden, jungen queeren Künstler*innen aus ganz Europa. Als nächstes erzählt uns der Mailänder Stylist und Art Director Riccardo Chiaccho warum 2020 für ihn ein Wendepunkt zu seiner Selbs

von Created with Calvin Klein
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01 Dezember 2020, 5:54pm

Das Jahr 2020 war alles andere als eine große, geile Party – vor allem für queere Menschen, die weder einen CSD noch in ihren safe spaces feiern konnten. Dennoch hat die queere Community mit großer Hartnäckigkeit bewiesen, dass es mehr gibt, als nur Partys und Paraden, um sich zu zeigen und zu feiern. Denn: Queer Pride ist etwas, das jeder in sich selbst trägt und dadurch jeden Tag aufs Neue zelebrieren kann. 

Um genau diesen Spaß am Selbstausdruck zu feiern und das volle Spektrum der LGBTQIA*-Identitäten zu feiern, launcht die Modemarke Calvin Klein nun #PROUDINMYCALVINS. Eine Kampagne, mit der neun innovativen, queeren Persönlichkeiten von überall auf der Welt eine Plattform gegeben wird, um ihr authentisches Selbst in einer Reihe von Videos und Bildern auszudrücken. In diesem Jahr hat Calvin Klein außerdem verschiedene Vorreiter der queeren Community zusammengetrommelt, um Themen wie Liebe, Familie, Coming-Out und Identität zu thematisieren.

Natürlich darf bei Calvin Klein auch die Mode nicht zu kurz kommen, immerhin ist sie ein Teil des Selbstausdrucks und der Kern der Marke: Zu #PROUDINMYCALVINS wurde eine Pride-Kollektion gedroppt, die das ganze Jahr über erhältlich ist – nicht nur, wenn gerade CSD-Saison ist.

Wir bei i-D möchten Teil dieses Movements sein und haben fünf aufstrebende LGBTQIA-Künstlerinnen gefragt, was ihnen Pride bedeutet, welcher Community sie sich zugehörig fühlen, was das queere Leben in ihrer Stadt so aufregend macht und welche Veränderungen sie sich für die queere Gleichberechtigung in der Zukunft wünschen. 

Heute sprechen wir mit Riccardo Chiacchio. Er ist bekannt für seinen tief emotionalen Ansatz, mit Mode zu arbeiten und Bilderwelten zu kreieren. Chiacchio arbeitete schon mit einer ausführlichen Liste an renommierten Fotograf*innen – unter ihnen etwa Laurence Ellis und Jordan Hemingway. 

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Was bedeutet Pride für dich?
Es geht darum anzuerkennen, was auch immer in deinem Leben gerade abgeht. Es geht darum, es zu verstehen und mit Selbstvertrauen zu sagen, dass das was du tust und fühlst, richtig ist. Und es ist egal, ob es um die Entscheidung ‘Der Look muss Double-Denim sein’ geht, oder darum, ob du deine Beziehung beendest. Und es geht um Liebe. Wenn du pure Liebe empfindest, ob für dich selbst, oder für eine andere Person, oder sie bekommst, wäscht das alles sauber, und genau das verleiht uns Pride. 

Was an dem, was du tust, erfüllt dich mit Stolz?
Selbstakzeptanz. Dieses Jahr bin ich meine erste Beziehung eingegangen. Und ich habe meiner Schwester und meinen Eltern von meinem neuen Freund erzählt. Ich würde sagen, dass Pride wirklich mein Wort des Jahres 2020 ist. Zum ersten Mal empfinde ich Pride und Selbstakzeptanz in allem, was ich tue. 

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Wie haben Mode und das Kreieren von Bildern dir ermöglicht, dich selbst darzustellen und deine Identität zu erforschen?
Ich denke, das alles, was mit meiner Arbeit zu tun hat eigentlich meine Art ist, mich auszudrücken. Als ich mit 18 Jahren anfing, als Creative zu arbeiten und von Neapel nach London gezogen bin, und dort fünf Jahre geblieben bin, hat meine Arbeit mein persönliches Leben wirklich sehr inspiriert. Ich habe eine neue kreative und mentale Freiheit erlebt, die sich sofort auf mein persönliches Leben ausgedehnt hat. 

Als ich in Neapel lebte, habe ich meine Sexualität nicht wirklich reflektiert und erst recht keine Jungs gedatet. In London war dann aber alles so frei und offen, dass es ganz organisch kam, dass ich neue Erfahrungen ganz ohne Vorurteile machen konnte und mich so selbst fand. Wie jeder hatte ich eine Phase, in der ich nicht so besonders stolz auf mich selbst war – aber heute bin ich das Gegenteil, ich bin extrem stolz darauf, wer ich bin und was ich tue. Und das wiederum inspiriert meine Arbeit.

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Was ist das Beste daran, als queere Person in Mailand zu leben?
Hier ist es sehr besonders, weil viele von uns ähnliche Lebensgeschichten haben. Du findest sofort Brüder und Schwestern. Obwohl Mailand im Norden Italiens liegt, kommt im Prinzip die Hälfte der Leute aus dem Süden, wo es sehr viel religiöser und konservativer zugeht. Es ist sehr viel härter, dort unten man selbst zu sein. 

In unserer Community fühlen wir mit den Situationen der anderen mit und gehen gemeinsam wichtige Schritte – wie ich schon sagte, bin ich seit diesem Jahr in einer Beziehung und zufällig hat einer meiner besten Freunde vor Kurzem auch eine Beziehung angefangen. Wir beide haben unseren Familien zur selben Zeit davon erzählt. Außerdem ist die Gay Community in Mailand recht klein, wir kennen uns alle untereinander. Es gibt nur drei Clubs und dort treffen sich nicht nur Leute aus der Modebranche: Menschen mit unterschiedlichen Karrieren und Lebensentwürfen hängen an denselben Spots zusammen ab. Und typisch für Italiener: Für uns ist es ganz natürlich, einander sehr nahe zu stehen. Es ist tatsächlich so, als wäre ich Teil einer großen Familie. 

Oft wird gesagt, dass die erste Pride-Parade ein Protest war – ein halbes Jahrhundert nach Stonewall: Was glaubst, wofür wir heute noch kämpfen müssen?
Italien ist ein Land mit sehr strenger Kultur und Traditionen. Ich möchte nicht, dass wir diese löschen oder ändern, aber ich finde, wir müssen uns langsam in diese integrieren und den Menschen zeigen, dass es uns gibt und das Neuerungen ok sind. Es geht darum, langsam Teil des Mainstreams zu werden, ohne Menschen zu schocken. Sowas gestaltet sich an einem Ort wie London einfacher, weil es eine riesige Stadt ist, die schon immer für ihren rebellischen Geist bekannt war.