"The Reasons I Cry" erforscht weibliche Emotionen im Film

Die italienische Fotografin Clara Giaminardi fordert mit ihren Bildern den Körper – und die Tränen – der Frauen zurück.

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28 September 2017, 9:16am

In ihren bisherigen Arbeiten hat sich die italienische Fotografin Clara Giaminardi auf den Frauenkörper und seine Darstellung in den Medien konzentriert. Auf einem Foto wölbt eine Woman of Colour ihren Rücken und streckt ihre nackten Brüste in den Himmel. Auf einem anderen sehen wir eine nach vorne gebeugte Frau von hinten. Die Fotos sind romantisch, emotional und haben ein ganz bestimmtes Ziel. "Wir bedienen uns der Objektifizierung, um das Eigentumsrecht auf unseren eigenen Körper einzufordern", schreibt Clara in einem Manifesto auf ihrer Seite.


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Doch in ihrer neuesten Serie hat die Fotografin ihren Fokus von der Darstellung der weiblichen Figur auf die weiblichen Emotionen in den Medien verschoben. Für The Reasons I Cry hat Clara eine Reihe Porträts geschossen, die unterschiedliche Emotionen zeigen und von weiblichen Charakteren aus Filmen von Fassbinder, Kubrick und Von Trier inspiriert sind. "Die Serie reicht von falschen bis echten Tränen aus rotgeweinten Augen, die das Herz berühren", erklärt Clara. "Das emotionalste Foto für mich ist das mit der einzelnen Träne; es liegt immer so viel Schönheit in einem ruhigen Moment." Mit uns hat Clara über feministische Literatur, Frauenfeindlichkeit und darüber, was sie selbst zum Weinen bringt, gesprochen.

Auf deiner Seite heißt es, dass deine Vision der Weiblichkeit durch feministische Literatur geprägt ist. Welche Autoren oder Bücher haben deine Sichtweise am stärksten beeinflusst?
Die Autoren, die mich in den vergangenen Jahren am stärksten geprägt haben, sind Elizabeth Grosz (vor allem ihr Buch Volatile Bodies aus dem Jahr 1994) und Rae Langtons Bücher. Grosz inspiriert meine Arbeiten immer wieder, sowohl in Hinsicht auf ihre Texte über die Objektifizierung als auch die über die Frau als Körper und Emotionalität.

Warum sind der Frauenkörper und ihre Objektifizierung Mittelpunkt deiner Arbeiten?
Ich komme aus einem Land, in dem die Mainstream-Medien Frauen überwiegend als sexualisierte Objekte darstellen und damit komplett auf den Male Gaze ausgerichtet sind. Es ist ein so schädliches Phänomen, das die Vorstellung junger Mädchen darüber, wie ihre Rolle in der Gesellschaft sein könnte, total verzerrt. Es sabotiert jegliche Ambitionen und will jungen Frauen zu verstehen geben, dass, egal was sie auch erreichen, es viel wichtiger ist, den Vorstellungen der Männer bezüglich ihres Aussehens zu genügen. In der breiten Gesellschaft verändert sich das dank einer globaleren Vision langsam, die sich vor allem durch das Internet verbreitet, doch mit jedem Schritt vorwärts gehen wir mindestens einen halben wieder zurück. Es ist nicht einfach, Ansichten zu verändern, die seit Jahrzehnten (oder sogar Jahrhunderten) Teil unserer Kultur sind. Als ich vor drei Jahren nach London gezogen bin, hatte ich die Möglichkeit, zurückzutreten und alles durch die Linse einer neuen Kultur zu betrachten. Das hat mich ursprünglich dazu inspiriert, mich in meinen Arbeiten mit diesen Themen auseinanderzusetzen — ein idealistisches Verlangen danach, Zuhause eine Diskussion darüber in Gang zu setzen. Man kann nur etwas verändern, wenn man darüber spricht, und es ist wichtig, dass diese Vorstellungen in die Mainstream-Gesellschaft durchdringen, statt nur in den Künstlerkreisen zu bleiben.

Lässt du dich für deine Arbeiten auch von Kunst inspirieren?
Meine Arbeiten sind vorrangig von Performancekunst und modernem Tanz inspiriert. Ich bewundere die Arbeit von Choreographinnen wie Anne Teresa De Keersmaeker und Pina Bausch sowie die von Tänzerinnen wie Ana Mendieta und Valie Export, die Frauenkörper zum Thema ihrer Arbeit gemacht haben. Ich bin mir auch der verinnerlichten Inspirationen bewusst, denen meine Arbeiten unterliegen. Der Einsatz von Licht und Struktur ist wahrscheinlich das Ergebnis der vielen Jahre, in denen ich von italienischer Kunst umgeben war

Worum geht es in The Reasons I Cry ?
Es ist ein persönliches Projekt, das von Tränen in Kinofilmen inspiriert wurde. Die Fähigkeit von Filmen, Zuschauer zum Weinen zu bringen, hat mich schon immer fasziniert, und auch gut an ein anderes Projekt angeknüpft, in dem ich mich mit der weiblichen Emotionalität beschäftigt habe. Es interessiert mich, wie weibliche Emotionen in der Kunst und den Medien dargestellt werden und wie sie allgemein in der Gesellschaft gesehen werden. Ein offener und ehrlicher Ausdruck seiner Gefühle ist immernoch ein Tabu, und das schadet sowohl Frauen als auch Männern. In The Reasons I Cry versuche ich, die unauthentischen Darstellungen von Gefühlen in Filmen und anderen Medien aufzulösen.

Und was bringt dich selbst zum Weinen?
Da gibt es viele Sachen: wenn ich sauer bin, gewisse Filmausgänge sowie die Musik von Max Richter. Und natürlich auch Herzschmerz, Hormone und Glück.

@claragiaminardi

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.