Kleidung: Prada

Ein ausführliches Gespräch mit Kendrick Lamar

In einem seiner seltenen Interviews haben wir mit dem US-Rapper über Obama, Trump und echte Veränderungen gesprochen.

von Touré; Fotos von Craig McDean; Übersetzt von Michael Sader
|
Okt. 16 2017, 2:59pm

Kleidung: Prada

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer neuen The Sounding Off Issue, no. 350, Winter 2017.

"Ich … weiß … nicht", antwortet Kendrick Lamar auf die Frage, wie Donald Trump zum Präsidenten der USA werden konnte. Nur wenige Menschen verstehen, wie Amerika tickt, Kendrick Lamar ist einer davon. Also muss doch einer wie er eine Antwort darauf haben, wie das mit dem milliardenschweren Reality-TV-Star passieren konnte. Wir sitzen an einem Sonntagnachmittag backstage in einem kleinen und dunklen Raum des Barclays Centers in Brooklyn. Er trägt silberfarbene Nike Air Max und einen kastanienbraunen Trainingsanzug, seine Hose und sein Oberteil ziert das TDE-Logo. TDE steht für Top Dawg Entertainment, das Label, bei dem Kendrick Lamar unter Vertrag steht. Er ist ruhig, redet leise, dabei doch intensiv, weil er seine Worte sorgsam wählt. Kendrick sagt nicht viel, aber was er sagt, hat umso mehr Gewicht. Er ist scharfsinnig, weise und ziemlich brillant. Wie so viele andere Amerikaner auch ist er immer noch wegen Trump schockiert. "Wir sind alle sprachlos", sagt er. Die Veränderung spürt Kendrick auch persönlich, weil Obama nicht nur ein Präsident war, den er respektiert und bewundert hat, sondern auch ein Freund, der seine Musik liebt und ihn ins Weiße Haus eingeladen hat.


Auch auf i-D: Lil Yachty im Porträt


"Ich habe mich mal mit Obama unterhalten", erklärt er, "und das Verrückteste, was er gesagt hat war: 'Wow, wie sind wir beide hier gelandet?'. Das hat mich echt umgehauen. Das war einfach ein surrealer Moment, als da zwei schwarze Menschen saßen, denen sonst gesagt wird, dass sie diese Flure nie betreten würden." Es folgt eine lange Pause. Er erinnert sich an seine Oma, die starb, als Kendrick noch ein Teenager war, und wie unglaublich sie das gefunden hätte: ein schwarzer Mann als Präsident, der sich mit ihrem Enkel unterhält. "Das hat mich so geflasht. Zu wissen, was er für einen Einfluss nicht nur auf mich, sondern auf meine Community hat. Das erinnert mich immer wieder daran, wie viel wir erreicht haben und wie viel weiter wir noch gehen können. Obama ist ein Symbol dafür, dass wir alles erreichen können, was wir wollen. Er hat uns daran erinnert, dass wir über das Wissen, das Geschick und die Intelligenz verfügen."

Beiden teilen ein ähnliches Schicksal: Sie kommen aus dem Nichts und haben dank der Stärke ihrer Worte und ihrer Redebegabung den Status einer Legende erreicht. Doch wie sind beide da hingekommen, wo sie heute stehen? Damals noch als Gast werden beide vom aktuellen Weißen Haus als Staatsfeinde empfunden. "Das ist doch komplett krank", sagt Lamar über diese Entwicklung.
"Obama und Trump unterscheiden ihre Moral, Würde, ihre Prinzipien und gesunder Menschenverstand", so der US-Rapper. Während Obama eine Inspiration war, fällt es ihm schwer, Trump zu respektieren. "Wie kann man jemandem folgen, der nicht mal weiß, wie man mit Leuten höflich und mit Mitgefühl und Sensibilität spricht?" Aber der Aufstieg von Trump hat auch neue Seiten in Kendrick hervorgebracht: "In mir brodelt es. Das motiviert mich nur noch mehr".

Dieses innere Feuer hat zu seinem neuesten Album Damn geführt. Sein viertes Studioalbum ist nicht nur ein kommerzieller Erfolg, sondern wurde auch in höchsten Tönen gelobt: Es wurde bereits über zwei Millionen mal verkauft und Pitchfork bezeichnet Damn als "ein Meisterwerk des Raps voller Beats, wütender Rhythmen und einzigartigem Storytelling über Kendricks Schicksal in Amerika." Für Damn hat er sich und seinen Produzenten eine Frage gestellt: "'Was können wir tun, damit es sich zwar noch nach uns anhört, wir uns aber gleichzeitig auch weiterentwickeln?'. Das Motto war 'Zurück in die Zukunft'. Wir wollten einen Sound kreieren, den man noch nie vorher gehört hat, aber den man doch kennt." In der HipHop-Welt ist man sich einig, dass der größte MC auf der Welt gerade Kendrick Lamar heißt. Er würde locker jedes Rap-Battle gewinnen, er ist der unbestrittene King of HipHop.

Und Kendrick Lamar macht das, was ein HipHop-König eben so macht: Im Studio sucht er nach dem perfekten Beat und dem ultimativen Reim. "Manchmal blende ich die ganze Welt aus, um Lyrics zu schreiben, die für mich perfekt sind", sagt er. "Ich kann den ganzen Tag im Studio verbringen. Ich mache einfach mein Handy aus und kann dann komplett abschalten. So kann mich keiner stören." Im Gegensatz zu vielen anderen MCs ist Kendrick nicht high, wenn er aufnimmt. "Ich möchte meine Musik so nüchtern wie möglich machen. So weiß ich, dass ich die Musik mache und nicht der Alkohol!" Wenn man HipHop als Spiel begreift, dann möchte Kendrick das Spiel gewinnen. "Für mich bedeutet HipHop zweierlei: Es ist ein Sport und auch etwas, mit dem man sich durch das Songwriting verbunden fühlt. Ich bin mit den Battles zwischen Nas und Jay-Z aufgewachsen, das ist die sportliche Seite für mich. Da kann ich sagen was ich will, wie ich es will und wann ich es will. Dann gibt es die andere Seite: Da kann ich den Leuten etwas zeigen, mit dem sich andere identifizieren können. Ich stelle mich dem Wettbewerb, aber ich kann auch über Dinge sprechen, die real sind."

Hat er den perfekten Reim gefunden? Kendrick selbst findet, dass Fear, der zwölfte Track auf Damn, seine bisher besten Lyrics enthält. "Er ist komplett ehrlich", sagt er. "Die erste Zeile ist alles, wovor ich mich als 7-Jähriger gefürchtet habe. Die zweite zeigt meine Angst als 17-Jähriger. Und in der dritten geht es um alles, wovor ich mich als 27-Jähriger gefürchtet habe." Diese Ehrlichkeit hat er sich in all den Jahren bewahrt. "Nicht alles, was man schreibt, ist dope", erklärt er. "Auch wenn du ein guter Songwriter bist, sind einige der Sachen schlecht. Aber die meisten haben keine Leute in ihrer Umgebung, die ihnen ehrlich sagen: 'Das ist schlecht'." Doch Kendrick Lamar hat Freunde, die ihn darauf hinweisen, wenn etwas nicht funktioniert. "Ich habe im Studio schreckliche Lyrics und Hooks geschrieben. Und meine Homeboys, Freunde und Leute, denen ich vertraue, haben mir gesagt: 'Das ist Müll'. Ich habe mir eine dickere Haut zugelegt, bin wieder ins Studio und habe nochmal von vorne angefangen. Ich habe gelernt, mich selbst herauszufordern."

Bevor Kendrick den Thron des HipHop-Olymps besteigen konnte, musste er mehr lernen, als den perfekten Reim zu finden. Er ist im kalifornischen Compton aufgewachsen, eine raue Gegend, in der es viele verlorene Seelen gibt. In der Gangs regieren, Mord an der Tagesordnung ist und tote Körper die Rosecrans Avenue säumen. Der Rapper hat dort bis vor Kurzem auch gewohnt. Musik bot ihm nicht nur einen Ausweg daraus, er brauchte sie auch, um seinen Geist zu retten. Die Helden seiner Jugend waren Snoop, Dre, Pac, Public Enemy, KRS-One, Rakim, Jay-Z, Kanye, Michael Jackson, Quincy Jones, Prince, Marvin Gaye, die Isley Brothers, Luther Vandross und auch Malcolm X. "Seine Ideen haben meinen Zugang zur Musik geprägt", sagt er. Nachhaltig hat ihn die Autobiografie von Malcolm X beeinflusst, die er als Jugendlicher gelesen hat: "Ich habe eine erste Vorstellung davon bekommen, wie ich Musik angehen kann. Die einfache Idee, dass ich mich selbst durch mein Sein in dieser Geisteshaltung verbessern kann wie bei Malcolm auch". Musik hat ihm einen Sinn und Zweck gegeben, ohne sie wäre er womöglich verloren gewesen. "Zu uns in die Gegend kamen immer diese erfolgreichen Menschen, die uns gesagt haben, was gut und was schlecht auf der Welt ist. Aber von unserer Perspektive aus gesehen hat das alles nichts bedeutet. Die haben uns von den ganzen positiven Dingen erzählt, aber wenn wir dann wieder raus sind auf die Straße wurde jemand erschossen. Dann vergisst du den ganzen Scheiß, den sie dir erzählt haben. Das untergräbt das Selbstbewusstsein. Man fühlt sich sehr klein. Je mehr Gewalt du als Kind erlebst, desto mehr zerstört sie dich. Die meisten Kinder, mit denen ich zu tun hatte, sind daran zerbrochen. Sie haben sich nur noch gedacht: 'Scheiß auf alles, ich mache das, was ich tun muss, um zu überleben'". Wie ist er da rausgekommen? "Bevor es mich hundertprozentig erwischt hat, hatte ich die Musik."

Später an diesem Abend wird Kendrick Lamar im ausverkauften Barclays Center in Brooklyn ein kreischendes Publikum begrüßen. Er wird einen gelben Trainingsanzug tragen, der so aussieht wie Bruce Lee in Mein letzter Kampf. Seine Präsenz erfüllt die ganze Arena. Er tanzt nicht, wie Rakim und Nas auch, sondern bleibt immer ernst. Das Publikum beobachtet jeden seiner Schritte. In den Pausen zwischen den Songs ist Kendrick auf dem großen Bildschirm in seinem eignen Film zu sehen, The Legend of Kung Fu Kenny, zu dem er von Martial-Arts-Filmen aus den 70ern inspiriert wurde. Es geht hier nicht um Kostüme, sondern um Identitätsfragen. In Kung-Fu-Filmen geht es oft darum, irgendwelche Fähigkeiten zu lernen, seine Fertigkeiten vorzuführen und in internen Battles zu gewinnen. Das ist Kendrick als Musiker: Er konzentriert sich darauf, seine Fähigkeiten zu verbessern, sein Können zu zeigen und sich selbst immer neuen Herausforderungen zu stellen, um noch besser zu werden. Gibt es außer "Perspektive" noch andere Lieblingswörter? "Disziplin", sagt er. "Ich liebe das Wort, weil es zeigt, wer man wirklich ist. Es gibt so viele Laster auf der Welt, besonders in der Unterhaltungsbranche. Man wird ständig damit konfrontiert. Was auch immer du brauchst, es ist verfügbar. Aber wie viel Disziplin hast du, wenn die Kameras aus und keine Scheinwerfer auf dich gerichtet sind? Es inspiriert mich, wie ich dem widerstehen kann. Denn das zeigt, wer du wirklich bist. Die ultimative Macht ist es, dich selbst zu kontrollieren."

Kendrick lernt immer mehr, sich selbst zu kontrollieren, auch dank täglicher Meditationsübungen am Morgen. "Ich muss einfach 30 Minuten am Tag reflektieren", sagt er. "Das Business ist so schnell", er schnippst mit seinen Fingern, "die Jahre fliegen nur so an dir vorbei, weil du nur arbeitest und für die nächsten Monate und das nächste Jahr vorplanst. Ich muss mich einfach mal hinsetzen und für 30 Minuten nachdenken." Durch das Meditieren kann er neue Perspektiven gewinnen.

Aber er lebt immer noch in den USA unter Trump, wo der Rassismus immer offenkundiger und gewalttätiger wird. Einige Aktivisten haben sein To Pimp A Butterfly's Alright als ihre Hymne ausgewählt — und Kendrick weiß, welche Power dieser Song hat. "Für mich ist das einer meiner besten Songs, weil es den Kids eine Stimme gegeben hat. Sie sind aktiv und sorgen für Veränderungen. Sie gehen raus, machen etwas und reden — ob es nun in ihren Communitys oder im Freundeskreis ist. Sie wollen etwas verändern." Verspürt er eine Verantwortung für die Community? "Ja, es ist definitiv eine Verantwortung", gibt er zu. "Ich bin zwar immer noch ein Individuum, mit einer Familie und meinen eigenen Problemen, aber ich muss der Welt auch etwas geben. Ich glaube, dass das meine Verantwortung ist, aus meinen Fehlern zu lernen und mein Wissen und meine Weisheiten mit anderen zu teilen. Das ist für mich nicht nur ein Job und mir geht es dabei nicht nur um Unterhaltung. Das biete ich der Welt."

Genauso wie er die globale Popkultur beeinflusst, profitiert auch seine Umgebung von seinem Erfolg. Er hat vielen in seinem Alter dabei geholfen, Jobs zu finden, mit denen sie ihr Leben bestreiten können und nicht nur Geld verdienen. "Es braucht einfach nur Hilfseinrichtungen in diesen Vierteln, man gibt diesen Leuten einen Job, weil sie sonst nirgendwo anders angestellt werden. Man sorgt selbst für die Möglichkeiten und das tue ich persönlich. Denn sobald ich ihnen Verantwortung gebe, können sie diese weitergeben und wiederum weitergeben. Die Leute glauben nicht, dass es so funktionieren kann. Aber jemand muss anfangen." Dr. Dre sowie Venus und Serena Williams engagieren sich ebenfalls in Compton und die 35-jährige Bürgermeisterin Aja Brown sorgt für echte Veränderungen. "Diese Generation hat Möglichkeiten, die meine Generation nicht hatte", bemerkt er an und fügt hinzu, dass die Präsenz in diesen Communitys etwas bedeutet. Es ist nicht genug, zu spenden, starke Songs zu schreiben oder auf Twitter aktiv zu sein. Man muss vor Ort sein und es auch beweisen. "Es gibt viele, die Angst vor ihren eigenen Leuten haben. Da ist immer noch die Gang-Kultur, aber man braucht keine Angst zu haben, sondern vor Ort sein, weil es Vertrauen zeigt — nicht nur in sich selbst, sondern an das Viertel. Die Leute wollen immer einen Grund haben, warum sie dich hassen können. Gib ihnen diesen Grund nicht. Gerade erleben wir einen Wandel: Wir haben keine Angst mehr davor, woher wir kommen. Und das geben wir weiter."

Viele Leute wollen etwas ändern. Aber wie sorgt man für eine strukturelle Revolution? Ist Alright nur ein Song oder steckt mehr dahinter? Lamar verspricht uns zwar, dass wir OK sind, aber wie schaffen wir das? Wie wohl kann man sich in so einem verrückten Land fühlen? "Ich gehe immer wieder zurück in meine Community", erklärt Lamar zum Schluss. "So einfach ist das. Diese Kinder wachsen ohne Väter auf. Sie wissen nicht, dass es ihnen besser gehen kann. Man muss ihr Selbstbewusstsein stärken. Sie sollen wissen, dass ich auch von dort komme und dass man etwas verändern kann." Kendrick Lamar ist ein Musiker, der weiß, dass er die Macht hat, die Welt zu verändern und daran arbeitet er auch. "Wenn ich mal nicht mehr bin", sagt er, "dann weiß ich, dass ich mitgeholfen habe, die Gegenwart zu verändern."

Credits


Text: Touré
Fotos: Craig McDean
Fashion Director: Alastair McKimm

Grooming: Francelle Daly / Art and Commerce.
Fotoassistenz: Nick Brinley und Maru Teppei.
Digitaltechnik: Nick Ong.
Stylingassistenz: Sydney Rose Thomas und Madeleine Jones.
Groomingassistenz: Ryo Yamazaki.
Produktion: Gracey Connelly und Dyonne Wasserman.
Kendrick trägt Prada.