chim↑pom ist das subversive gesicht von japans zeitgenössischer kunstszene

Chim↑Pom arbeiten seit über zehn Jahren zusammen, aber das Künstlerkollektiv ist außerhalb Asiens kaum bekannt. Ändern könnte sich das mit ihrer Ausstellung am Ende des Jahres in der Saatchi Gallery. Wir sprachen mit den Mitgliedern Ryuta und Ellie...

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Mai 6 2015, 10:25am

Black of Death (above 109, Shibuya, Tokyo), 2007, Courtesy of the artists and MUJIN-TO production, Tokyo

Das Künstlerkollektiv Chim⇡Pom ist seit zehn Jahren das satirische Herz von Japans zeitgenössischer Kunstszene. Ihre Arbeiten in Form von Videos, Installationen und Performances haben mit ihrer schwarzhumorigen Sozialkritik Spuren in der kulturellen Landschaft Japans hinterlassen.

Als sie angefangen haben und nach einem Namen für das Kollektiv suchten, hatte Ellie einen Aha-Moment, als ein Zug in Tokio an ihr vorbeirauschte. Sie entschied sich für den Namen Chim⇡Pom, einfach aufgrund des Klangs. Zufälligerweise klingt es wie das japanische Slangwort „Chimpo" für Penis. Sie haben erst daran gedacht, als es zu spät und der Name bereits etabliert war. „Wir wollten einen Namen, der japanisch klingt, wir haben nie in Betracht gezogen, dass wir uns ständig als Chim⇡Pom vorstellen würden und dass die Leute die ganze Zeit lachen und es mit ‚Penis' verwechseln", erklärt sie. „Wenn wir in den Nachrichten sind und die süße Nachrichtensprecherin Chim⇡Pom sagen muss, lacht jeder immer noch, weil sie denken, sie sagt Penis", erklärt Ryuta.

Das Kollektiv besteht neben Ellie und Ryuta aus Masataka, Motomu, Toshinori und Yasutaka. Zum ersten Mal trafen sie sich im Studio des japanischen Künstlers Makoto Aida, dessen Arbeiten mit einem anspruchsvollen Ansatz die japanische Gesellschaft unter die Lupe nehmen, deren Archetypen, Stereotypen und psychologischen Hang-ups. „Er ist ein Genie, aber lebt wie ein Assi. Sein Lebenswandel ist so schlimm. Er trinkt ständig, schläft überall. Aber er ist etwas Besonderes", sagt Ryuta. Makoto Aidas Außenseitertum faszinierte das Kollektiv. Größtenteils sind sie alle Autodidakten, lediglich Ellie besuchte eine Kunstschule. Mit ihrer kritischen, rebellischen Stimme erweitern sie die japanische Kulturszene, indem sie sich mit geschicktem Humor und subversivem Frohsinn mit den sozialen Missständen in Japan auseinandersetzen.

Zu ihren Arbeiten zählen tote Ratten als Pikachu, sie schlichen sich in die Atomsperrzone von Fukushima, trieben eine Herde Kühe durch die Straßen Tokios, sprengten Ellies Vuitton-Handtaschen mit kambodschanischen Landminen in die Luft, lebten für zwei Wochen in einer Galerie mit einer Ratte und einem Rabe, schrieben PIKA in den Himmel über Hiroshima und veranstalteten Rückwärtsauktionen ihrer Arbeiten, bei denen die Erlöse als Spenden an Charity-Organisationen flossen. Die Gebote fingen bei 50 Millionen Pfund an, dieselbe Summe, die für Damien Hirsts For The Love of God floss.

SUPER RAT, 2006, Courtesy of the artists and MUJIN-TO Production, Tokio

Aber eines ihrer frühesten Werke bleibt immer noch eines ihrer bekanntesten. Das Kollektiv fing Ratten, stopfte sie aus, malte sie als Pikachu an und stellte sie aus. „Diese Ratte ist aus Shibuya, von der Hauptstraße in Shibuya, wo alle Teenager abhängen und als ich jung war, bin ich dahin und bin immer vor McDonald's gesessen. Eines Tages sah ich all diese Mädchen, die dort Burger von McDonald's gegessen haben, und es gab überall Ratten, die ihre Reste fraßen. Es gab so viele Ratten, so dass die Leute vom Veterinäramt versucht haben, sie zu töten. Sie wurden aber gegenüber dem Gift resistent und waren zu clever für die Fallen. Dann sah ich eines Tages ein Mädchen in einem Pikachu-Kostüm die Straße entlanglaufen; es war einfach lustig, sie verkleidet als Cartoon-Ratte inmitten dieser realen Super-Ratten zu sehen", erklärt Ellie. Dieses Kunstwerk steht exemplarisch für Chim⇡Poms Werk: sie behandeln ernste , soziale und politische Themen und den Einfluss von Konsumerismus und Kapitalismus auf die Jugendkultur mit einer bilderstürmenden Einstellung. Super Rat, so der Titel des Kunstwerks, ist auf merkwürdige Weise süß und eine unheimliche Annäherung an das Memento-mori-Motiv, das mit kapitalistischen Symbolen von zeitgenössischer Kultur und japanischer Kunstgeschichte spielt. Der Titel klingt wie Super Flat, Murakamis postmoderne Auseinandersetzung mit japanischer Graphic Art.

Es ist kaum vorstellbar, dass diese beiden höflichen, freundlichen und stylischen Individuen - eine Mischung aus Kawaii und Punk - dieselben Leute sein sollen, die CNN einmal als „Enfant terrible der japanischen Kunst" bezeichnet hat und die seit über zehn Jahren die japanische Gesellschaft regelmäßig mit ihren Stunts und Projekten schockieren.

Sie werden auch als Neo-Dada beschrieben. Sie dekonstruieren die Absurdität der Welt, wie Dada, jedoch wurde Chim⇡Pom aus der politischen Situation Japans, in der die Mitglieder aufgewachsen sind, geboren. Es erscheint ziemlich reduktiv, sie in die Geschichte der westlichen Avantgarde-Kunst hineinpressen zu wollen. Ihre politischen Ansichten sind fast immer mit ihrem anarchischen Sinn für Humor und ihren ernsthaften Bemühungen verbunden. Mit ihren lustigen und politisch engagierten Arbeiten ist es verwunderlich, dass sie jetzt gerade erst in Europa ausstellen.

Vielleicht liegt es daran, dass sich ihre Arbeiten mit den einzigartigen und besonderen Bedingungen der japanischen Gesellschaft beschäftigen: ob es der lange, dunkle Schatten von Atomwaffen und Atomenergie, der sich von Hiroshima über Godzilla bis Fukushima über Japan gelegt hat, ist oder es einfach um Pokémons geht: die Oberfläche der japanischen Gesellschaft und um die Besonderheiten seiner Jugend- und Konsumkulturen stehen im Vordergrund. Aber wie uns Ellie erklärt, war die atomare Apokalypse eine weltweite Paranoia in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die einen dunkleren Schatten in der japanischen Geschichte hinterlassen hat. Und es ist auch nicht so, dass Kapitalismus, Globalisierung und Umweltprobleme nicht auch Auswirkungen auf uns alle haben.

Real Times, video still, 2011, Courtesy of the artists and MUJIN-TO Production, Tokio

Nach dem Erdbeben 2011 und der Kernschmelze in Fukushima befasste sich das Künstlerkollektiv in einer Reihe von Arbeiten mit diesem bestimmten Zeitpunkt in der japanischen Geschichte auf der Suche „nach etwas, auf das die Leute zurückblicken werden", sagt Ryuta. In einer Performance betraten sie die Sperrzone rund um das Atomkraftwerk und dokumentieren was sie dort sahen. Zu einer Zeit, als keine Medienorganisationen die 30 Kilometer um den Reaktor betreten wollten, waren Chim⇡Pom genau dort. „In unseren Arbeiten setzen wir uns mit der Realität auseinander. Deshalb haben wir es Real Times getauft. Es gibt viele Künstler, die die Gesellschaft durch ein Gemälde oder durch eine Skulptur darstellen. Ich glaube daran, dass Kunst die Gesellschaft beeinflussen kann, einfach weil Kunst dorthin gehen kann, wo andere nicht hingehen. Und wir sind den Dingen schon immer auf den Grund gegangen", erklärt Ryuta.

Im Bahnhof Shibuya gibt es das riesige Wandgemälde „Der Mythos von Morgen" des japanischen Künstlers Okamoto Taro - sechs Meter hoch und 30 Meter lang -, es ist so etwas wie das japanische Guernica, ein Tribut an die Schrecken des Krieges. Chim⇡Pom haben sich unter den wachsamen Augen der Wachmänner hineingeschlichen und ein Schild mit dem Hinweis auf die atomare Kernschmelze in Fukushima angebracht. Die sozialen Medien in Japan drehten nach der Aktion durch. „Wir wussten nicht, wie Leute reagieren würden. Aber es ist ein so wichtiges Kunstwerk für die japanische Gesellschaft, wir wollten es nicht beschädigen, also stellten wir etwas her, was man sehr einfach abhängen konnte. Keiner hat das anfangs realisiert. Also blieb es über Nacht dort", sagte Ellie.

It's The Wall World, Installation view: "Asian Art Biennale Bangladesh 2014," Bangladesh Shilpakala Academy, Bangladesh, 2014, Courtesy of the artist and MUJIN-TO Production, Tokio

Die Faszination mit Fukushima setzt sich in einem anderen Projekt - Don't Follow The Wind - fort. Dieses Projekt ist eine Gruppenausstellung, die sie innerhalb der Sperrzone von Fukushima kuratieren. Sie nennen es „Kunst für die Zukunft", weil keiner es sehen wird, bis nicht die Strahlung rund um den Atomreaktor so weit zurückgegangen ist, dass das Gebiet wieder betreten werden kann.

Das Kunstwerk, das sie gerade in der Londoner White Rainbow Gallery ausstellen, ist untypischerweise im Ton gedämpft. Ein Puzzle so groß wie eine Wand, das sich in den weißen Cube-Space der Galerie einfügt. Jedes Puzzleteil repräsentiert dabei eine Wand aus einem anderen Land der Erde und wurde so in die Londoner Galerie verpflanzt - von Hiroshima über Liverpool bis zu Dhaka in Bangladesch. Das Künstlerkollektiv erkundet so die Verflechtungen, die unsere moderne Welt ausmachen. Wandelemente, die Tokioter und Londoner Fashion-Stores darstellen, werden Wandelemente der Fabriken in Bangladesch, in denen diese Kleidung hergestellt wird, gegenübergestellt.

Es scheint nur passend, dass sie zum zehnjährigen Jubiläum des Kollektivs endlich für Aufsehen in Europa sorgen. „Wir haben uns kaum verändert. Man kann sagen, dass wir immer noch so frech sind wie am Anfang oder vielleicht werden wir einfach nie erwachsen?", fragt Ellie abschließend.

chimpom.jp

Credits


Text: Felix Petty
Fotos: Courtesy of Chim⇡Pom und MUJIN-TO production, Tokio