segregation im 21. jahrhundert: gillian laub dokumentiert die proms in georgia

Nach dem Brief einer Weißen, die nicht gemeinsam mit ihrem schwarzen Freund auf den Abschlussball gehen konnte, reiste Fotografin Gillian Laub in die Kleinstadt im Montgomery County im US-Bundesstaat Georgia und fand eine Gemeinschaft mit einem...

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18 Juni 2015, 11:25am

Über 13 Jahre lang übernachtete die in New York lebende Fotografin Gillian Laub regelmäßig im AmericInn Motel in Vidalia, Georgia. Im Frühling waren die Zimmer bereits schon Monate im Voraus ausgebucht, Zeit des alljährlichen Vidalia Onion Festivals. Für die naheliegende Gemeinde Mount Vernon (2.301 Einwohner) war April auch Zeit der Highschool-Abschlussbälle.

Alle Fotos: Gillian Laub / Courtesy of Benrubi Gallery

Laubs daraus entstandenes Projekt Southern Rites dokumentiert die Veränderung von den getrennten Abschlussbällen im Jahr 2002 der Montgomery County High School in Mount Vernon bis zum ersten gemeinsamen Abschlussball 2010 und darüberhinaus. Der Zeitraum umfasst mehr als zehn Jahre ihres eigenen Lebens und das in der ländlichen Kleinstadt - ein Ort, an dem Frauen immer noch Tank-Tops mit der Südstaaten-Flagge tragen. Außerdem erzählt es die Geschichte des 2011 erschossenen schwarzen Teenagers Justin Patterson, der von einem weißem Mann erschossen wurde, mit deren Tochter Justin etwas hatte. Justin war ihr Prom-Date und erste Liebe von Keyke Burns, eine der Schülerinnen der Highschool, mit der Gillian Laub besonders eng befreundet war.

Die Bilder von Laub fangen die intensiven Bindungen zwischen den Highschool-Schülern ein - besonders von den wenigen, geheimen Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen, aber auch die Bindungen, die die Fotografin selbst innerhalb der Gemeinschaft geknüpft hat. Es waren Laubs Bilder, die 2009 zuerst als Fotoessay im New York Times Magazine veröffentlicht wurden, die zur Entscheidung der Stadt geführt haben, ihre Praxis, einen Abschlussball für Weiße und einen für Schwarze und eine weiße Homecoming-Queen und eine schwarze Homecoming-Queen zu küren, zu überdenken.

Eine Videodokumentation - auch unter dem Titel Southern Rites - von Laub feierte im Mai seine Premiere. Anfang dieser Woche wurde der letzte Teil des Projekts veröffentlicht, ein Bildband. Wir trafen die Fotografin und sprachen mit ihr darüber, was sich seit 2002 geändert hat.

Fühlt sich die Buchveröffentlichung wie ein Schlusspunkt an?
Über 13 Jahre konnte ich Augenzeuge der Veränderungen in dieser Gemeinschaft sein und die Geschichten der Leute teilen, die großzügigerweise ihre Leben für mich geöffnet haben. Aber es ist eine komplizierte Geschichte. Niesha, die 2009 zur Promqueen des schwarzen Abschlussballs gekürt wurde, sagte mir 2011, dass sie stolz darauf sei, dass es endlich einen gemeinsamen Abschlussball gibt und sie Teil dieser Veränderung war, aber dass sie auch tief bestürzt über den Tod ihres engen Freundes Justin Patterson sei. Sie sagte: „Wir machen einen Schritt vorwärts und zwei Schritte rückwärts". Ich fand das sehr stark. Es ist so schwierig, endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen, aber die jungen Leute in der Gemeinschaft geben mir Hoffnung, dass der Fortschritt dort weitergeht.

Erzähle uns über deinen ersten Besuch in Mount Vernon 2002.
Ich habe von Mount Vernon und der Gegend durch den Brief einer sehr mutigen Schülerin der Montgomery County High School an das SPIN Magazine erfahren, in dem sie jemanden bat, in ihre Stadt zu kommen und der Welt zu zeigen, was da vor sich geht. Es war ein Hilfeschrei. Sie war am Boden zerstört, dass sie ihren Freund nicht mit auf den Abschlussball nehmen konnte, weil er schwarz und sie weiß war und sie getrennte Abschlussbälle hatten.

Als ich von diesem Brief erfuhr, war ihr Abschlussball bereits vorbei. Aber die nächste segregierte Veranstaltung war Homecoming, also bin ich im Herbst 2002 nach Montgomery County gefahren, um die segregierten Homecoming-Festlichkeiten zu dokumentieren. Ich war von Montgomery County fasziniert und gequält zugleich und musste tiefer graben, um zu verstehen, was die Mitglieder dieser Gemeinde antreibt, so etwas zu tun. Es fühlte sich an, als ob die Rituale der Segregation Symptome von etwas Größerem waren. Es hat keinen Sinn gemacht, da diese Gemeinschaft integrierter wirkte, als die meisten Orte, an denen ich war - einschließlich meiner eigenen Stadt New York. Aber in dieser Gemeinschaft gab es mehr öffentliche Demonstrationen von Rassismus, als ich vorher jemals gesehen hatte.

Wie viele Paare mit unterschiedlicher Hautfarbe hast du getroffen? Inwiefern verstießen die Jugendlichen gegen die Gewohnheiten der Stadt?
Ich traf viele Leute, die nur vertraulich über ihre Beziehung mit einer Person anderer Hautfarbe sprachen. Aber es war kein Gefühl der Rebellion. Es fühlte sich so an, als ob sie wirklich Angst vor den Konsequenzen ihrer Eltern und der Gemeinschaft haben. Diese Jugendlichen sind zusammen aufgewachsen und kennen einander seit dem Kindergarten, dennoch gab es im Zusammenleben eine unsichtbare Mauer, die einige Eltern ziehen wollten und große Anstrengungen dafür unternahmen. Aber die Dinge haben sich geändert und jetzt sehe ich viele Paare mit unterschiedlicher Hautfarbe in der Öffentlichkeit - etwas, was ich bei meinem ersten Besuch 2002 sehr selten gesehen habe.

Was steckt hinter der Entscheidung nach dem Artikel im New York Times Magazine-Artikel, die beiden Abschlussbälle zu verschmelzen? Fand ein echter Sinneswandel statt oder ging es um die öffentliche Wahrnehmung?
Ich denke, dass die meisten Schüler einen Abschlussball haben wollten, um mit ihren Freunden zusammenfeiern zu können. Aber erst als die Eltern, die die Kontrolle hatten und die Tradition aufrechterhalten wollten, realisiert haben, dass der Rest der Landes diese Praxis moralisch verwerflich fand, entschieden sie sich, die Dinge zu ändern.

Es gibt eine Szene in der Dokumentation, in der dir eine Kamera aus der Hand geschlagen wird. Was ist da passiert?
Ich wurde vom Sheriff des Countys attackiert, weil ich eine öffentliche Parade gefilmt und fotografiert habe. Das war ein Mann des Staates, der eigentlich meine Rechte beschützen sollte und nicht verletzen. Das war ziemlich erschreckend, vor allem weil dadurch eins deutlich wurde: Ich habe aus erster Hand die Angst verstanden, über die die Leute gesprochen haben.

Die Veröffentlichung der Dokumentation und jetzt die Veröffentlichung des Buches fällt in eine Zeit einer ziemlich aufgeheizten Atmosphäre in Amerika, nach allem was in Baltimore, Ferguson und gerade letzte Woche in Dallas passiert ist. Was bedeutet das für das Buch? Was sollen die Leute aus deinem Projekt lernen?
Es wirkt so, als ob es jetzt ein Bewusstsein und die Aufmerksamkeit gibt und dass Leute über diese sehr ernsten Probleme sprechen. Schießereien auf unbewaffnete junge Schwarze finden schon viel zu lange statt. Es macht Hoffnung, dass die Leute dem jetzt Aufmerksamkeit schenken. Als ich 2002 mit den Arbeiten zu Southern Rites anfing, schien keiner in diesem Land über Rassismus reden zu wollen. Jetzt wird darüber diskutiert, was mit Sicherheit ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Gillian Laub: Southern Rites

ist bei DAMIANI erschienen.

gillianlaub.com
southernritesproject.com

Credits


Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Gillian Laub / Courtesy of Benrubi Gallery