pradas nicht ganz so bescheidene spring/summer 16 kollektion

„Bescheidenheit ist nichts mehr für heute, also muss sie übertrieben werden“, sagte Miuccia Prada nach ihren Resort- und Men’s-Shows in Mailand.

von Anders Christian Madsen
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23 Juni 2015, 8:35am

​Photography Jason Lloyd Evans

Eines der größten Paradoxe der Modebranche ist die Hassliebe der Branche mit Erfolg. Darauf beruht die ganze Zunft und doch sind die Designer, die den begehrten Stempel Cool aufgedrückt bekommen, immer introvertiert Intellektuelle: Martin Margiela, Phoebe Philo und auch Miuccia Prada, die sogenannte nachdenkliche Damen- und Herren-Designerin. Pradas Spring/Summer-16-Resort-Kollektion und Herren-Kollektion kann auf vielfältige Weise als gerissener, aber humorvoller Hinweis an Kunden gesehen werden, die Mode mit Bedeutung kaufen wollen. „Alles fing mit der Idee eines T-Shirts an", sagt Miuccia backstage. „Es ging um das visuelle Konzept hinter der Bedeutung von Kleidung. Der Versuch der Analyse eines Konzeptes zwischen Ehrlichkeit, Menschlichkeit und Schlichtheit, im Vergleich zur Notwendigkeit, mutig, aggressiv und laut zu sein."

Prada greift damit auf das zurück, was in vorherigen Saisons unter „Normcore" diskutiert wurde, bei Prada heißt der Look Post-Modesty (so viel wie Post-Bescheidenheit). Ein unscheinbarer Look, der so gezwungen aussieht, dass er ein Widerspruch in sich ist. „Die Kleider sind letztlich natürlich nicht bescheiden, weil sie alle von Hand genäht sind. „Man kommt an der Punkt, an dem man realisiert, dass man als Luxusmarke kein T-Shirt präsentieren kann", lacht sie. Natürlich war nichts bescheiden an den Mänteln mit Pailletten, grafisch gestreiften Oberteilen, Röcken und Kleidern mit Kaninchen- und Augen-Motiven. Stattdessen geht es bei Post-Modesty-Prada um die Ironie, etwas Bedeutungsloses mit Bedeutung aufzuladen oder anders ausgedrückt, etwas Teures billig aussehen zu lassen. „Wir verwendeten die infantilsten Symbole", sagt sie über die Motivauswahl, bei der jeder Showbesucher über tiefere Bedeutung dieser Raketen- und Rennwagen-Symbole rätselte, wenn sie tatsächlich überhaupt keine Bedeutung haben. 

„Ich wollte Bescheidenheit mit etwas Mutigem verbinden, also kann man diese Zeichen und Symbolen als Grundideen sehen", sagte Miuccia Prada. „Ich mag es aber nicht, mit Symbolen zu arbeiten, weil ich Gedanken nicht vereinfachen möchte. Gedanken sind so kompliziert, dass man sie nicht auf ein Symbol, das irgendetwas transportiert, reduzieren kann, also haben wir die dümmsten genommen. Es ging uns nur um die Grafik." Nichts könnte natürlich weiter von der Wahrheit entfernt sein und Prada weiß das. Die Symbole, die aus ihrer magischen Diskursmaschine kommen, haben mehr Bedeutung als jemals zuvor. Diese Idee findet sich auch in der Menswear-Kollektion wieder, bei der glänzende Shorts und knappe Westen nur eins bedeuteten: Konzentration auf das Wesentliche, sorgfältig gestylt als Veranschaulichung falscher Bescheidenheit. „Wir wollten nicht sportlich sein. Natürlich ist es so, dass wir immer wenn Shorts machen, letztlich da enden, aber in dieser Kollektion geht es darum, nackt, menschlich und normal zu sein", erklärt Miuccia Prada.

Für sich betrachtet, umgibt die Menswear eine natürliche Bescheidenheit, die die Womenswear nicht zeigt. Aber die übergreifende Identität der Kollektion wurde durch das extreme Styling bei jedem Look sichtbar. Der Überfluss versucht basic auszusehen: perfekt zerknitterte Socken oder die langen, dünnen Ärmel, die aus den Pullovern zu quellen scheinen. Am Ende bleibt der Eindruck, dass es eine wirklich tolle Sommerkollektion geworden ist - süß und schlicht, so wie sich Miuccia Prada gedacht hat und gleichzeitig mit so vielen Ebenen unter der schönen Oberfläche. In diesem Sinne war es eine spektakuläre Illustration des paradoxen Modestempels Cool: Es bedeutet etwas, weil es nichts bedeutet und das ist cool. Man könnte sagen, dass das ein Witz auf unsere Kosten ist, aber wir lachen zuletzt.

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Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Jason Lloyd Evans

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