Ölgemälde für die Generation Instagram

Tristan Pigott ist der David Hockney des Post-Internet-Zeitalters.

von Alice Newell-Hanson; illustriert von Tristan Pigott
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05 November 2015, 12:20pm

Man kann sich mit den Bildern von Tristan Pigott sofort identifizieren. Seine Porträts wirken wie Instagram-Schnappschüsse: Bildern von halbnackten Freunden, die auf dem Boden sitzen, sich schminken, frühstücken oder einfach nur fertig aussehen. In seinen Bildern fängt er schräge Momente ein, die einem irgendwie bekannt vorkommen und die man schon gesehen hat, aber gleichzeitig ist alles auch surreal.

Big Softie zeigt einen Mann, der neben dem Herd darauf wartet, dass die Pasta kocht und währenddessen seine Hand in die Unterhose steckt. Durch den eindimensionalen ockerfarbenen Hintergrund wird Big Softie aus dem scheinbar normalen Kontext gelöst und es entsteht der Eindruck einer Traumlandschaft. Seine Bilder kritisieren eine Geisteshaltung, die das Dokumentieren des Banalen feiert. Er macht sich über die Leute, die sich und ihr Leben für ach so wichtig und spannend halten und es auf Social Media für alle posten müssen, lustig.


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Der Brite stellte dieses Jahr bereits in zwei der ältesten Galerien der Insel aus. Das Porträt seiner Bekannten Josephine, das den Titel The Cynic trägt, wurde für die BP Award Show in der National Portrait Gallery ausgewählt und die Royal Academy zeigte Werke von ihm im Rahmen ihrer jährlichen Sommerausstellung. Drei Ausstellungen in einem Jahr sind für jeden Künstler schon beeindruckend, aber Tristan wurde 1990 geboren. Wir stellten dem jungen Maler ein paar Fragen.

Big Softie

Was hast du als Erstes gemalt?
Ich erinnere mich nur daran, dass ich im Alter von acht bis zwölf viele Stillleben malte - Stiefel, Rehschädel. Dann hatte sich das Thema Stillleben erst mal für zwölf Jahre erledigt. Ich fing erst dieses Jahr mit Save the Cacti wieder an.

Wann wusstest du, dass du ein professioneller Künstler werden willst?
Als ich vor Entscheidung stand, entweder für den Rest meines Lebens den Abstand von Kleiderbügeln bei einer Sportswear-Kette zu überprüfen oder die Malerei ernst zu nehmen.

Wer hat dich inspiriert?
Das Tolle an den Kunstschulen heute ist, dass sie ihren Schülern keine technische Grundausbildung aufzwingen. Die Schüler können ihre eigenen Stile entwickeln. Ich orientierte mich an Leuten wie Hieronymus Bosch, Bronzino, Goya, John Currin oder Ken Kiff, um herauszufinden, was mir gefällt und was nicht.

Wie entstand der Titel der Ausstellung?
Der Titel ist ein ironischer Seitenhieb auf die Art und Weise, wie Modelle posieren. Außerdem spielt es auf das Format des Stilllebens an, worüber ich mich mit Lemon Peeler lustig mache. Gegenstände, die früher eine soziale Bedeutung hatten oder die Reichtum symbolisierten, werden zu Kitsch.

Was ist dein Lieblingsbild?
Contrary Mary. In der rechten unteren Ecke sieht man die Magazine. Sie stehen für die Objektivierung des weiblichen Körpers durch Männer in der zeitgenössischen Kunst. Hinter dem Bild steckt die Frage, was Frau-Sein im 21. Jahrhundert bedeutet. Es geht darum, durch den Rückgriff auf die Geschichte der westlichen Kunst einen Kommentar darüber abzugeben, wie der Künstler die Frau in der heutigen Gesellschaft sieht.

Hast du die Situationen, die du malst, in der Realität beobachtet?
Ich spiele in meinen Bildern mit der Ernsthaftigkeit und der traditionellen Sichtweise auf figurative Ölgemälde und mache mich über den Stellenwert, dem wir einem Bild beimessen, lustig. So verpasse ich dem Porträt einen satirischen Unterton. Bilder werden oft nur für ein paar Sekunden betrachtet, deshalb es wichtig ist, dass die Message unmittelbar erkennbar ist. Grundlage für meine Werke bilden häufig Fotos, weil sie einem große Freiheit geben. Für mich ist es aber am einfachsten, wenn es gar keine Bezugspunkte beim Malen gibt.

Du setzt deine Modelle oft vor Hintergründe, in denen du mit veränderten Perspektiven oder Color-Blocking spielst. Wie wirkt sich das auf das Bild aus?
Dadurch soll die Theatralik der Szene betont werden. Ich spiele mit der Art und Weise, wie die Figuren gemalt sind. Die Gesichter sind so realistisch wie möglich und der Hintergrund entsteht durch mehrere Farbschichten, die dann abgeschliffen werden, um dem Bild eine Zweidimensionalität zu verleihen. Der abstrakte Hintergrund soll die Aufmerksamkeit auf den Geisteszustand der Dargestellten lenken.

Was hat sich seit den Ausstellungen in der Royal Academy und der National Portrait Gallery für dich verändert?
Dass ich verschiedene Dinge ausprobieren möchte, wie die Installation mit lebendigen Fliegen und einem Nokia 3310. Ich finde es toll, dass in diesen altehrwürdigen Institutionen solche Kunst gezeigt wird. Aber die Kunst, die mich interessiert, kann man kaum in traditionellen Kunstmuseen sehen. Rashid Johnson bei Hauser & Wirth war zum Beispiel fantastisch oder Samara Scott bei The Sunday Painter.

Welches Auftragswerk wäre dein Traum?
Ich würde gerne ein Porträt des Schweins, mit dem David Cameron eine intime Beziehung hatte, malen.

@tristanpigott

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