In diesen Zeichnungen wird die Absurdität der Popkultur und Politik deutlich

Eric Yahnker hat unter anderem Donald Trump, Prince und Rachel Dolezal verewigt.

von i-D Staff
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17 März 2016, 12:30pm

In der über zwei Meter großen Zeichnung auf Papier „Purple Lives Matter" interpretierte Eric Yahnker das Cover des Kultalbums Purple Rain von Prince neu. Zu sehen ist Prince mit Rüschenhemd und violettem Anzug, wie er auf einem Honda-Motorrad sitzt und von zwei weißen Polizisten mit gezogener Waffen umzingelt wird. Das Bild ist nur eines von vielen neuen Zeichnungen des amerikanischen Künstlers, die die Zevitas Marus Galerie in Los Angeles in der Ausstellung Noah's Yacht zeigt.


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In jedem Werk verbindet er Popkultur mit Politik, so trägt Golum ein „Make America Great Again"-Basecap—der Spruch ist ein Slogan von Donald Trumps Präsidentschaftskampagne. Er setzt sich mit Rassismus, Sexismus und Elitismus auseinander. Yahnkers Arbeiten sollen den Betrachter provozieren, er möchte, dass wir unsere eigenen Meinungen und Rollenmuster hinterfragen, genauso wie er es selbst beim Zeichnen getan hat. „Ich kann ehrlich sagen, dass der Prozess für mich ebenso eine unangenehme Selbstbeobachtung war wie eine Kritik an der Gesellschaft ist", so der Künstler.

Deine Ausstellungen sind immer Ergebnisse akribischer Planung. Du hast sie mir mal als Barbie-Traumhäuser beschrieben: Alles gehört zusammen, aber die Einzelteile werden separat verkauft. Was ist das Konzept hinter der neuen Ausstellung?
In der Ausstellung geht es um den gegenwärtigen neo-progressiven, soziopolitischen Zeitgeist—oder genauer gesagt um eine Gruppe von hauptsächlich weißen, gebildeten Millenials und Leuten der Generation X aus der Mittel- und Oberschicht, die sich in einer Art Schwebezustand befinden. Einerseits wollen sie im Kampf um tiefgreifende Sozialreformen mitwirken und gleichzeitig das Stigma ihres eigenen privilegierten Lebens und ererbte Familienbande lösen, um sich angemessen zu verhalten. Das ist ein innerer Kampf, der zu Überkompensation, Ignoranz und Diskriminierung führt.

Erzähle uns mehr über den Titel der Ausstellung Noah's Yacht?
Der Titel ist ganz offensichtlich eine Referenz an die Arche Noah, in dem Fall aber eine viel kleinere, elegantere und exklusivere Variante, für die der Fahrschein, und damit das Überleben, von Privilegien und Reichtum abhängt. Es sollte ein visuelles Gedicht werden, in dem die Töne, Rhythmen und Verse die individuellen Konzepte widerspiegeln und gleichzeitig eine spürbare persönliche Selbstbeobachtung stattfindet.

War es unangenehm, weil du selbst einer dieser weißen, gebildeten Millenials aus der Mittel- und Oberschicht bist, die du vorhin beschrieben hast?
Um es kurz und knapp zu beantworten: Ja! Ich bin Anhänger der Theorie, dass alles in der Kunst letztlich ein Selbstporträt ist. Wenn ein Künstler etwas versteckt oder oberflächlich ist, dann merkt es das Publikum oder der Betrachter. Das bedeutet zwar nicht, dass ich schmutzige Wäsche wasche oder meine Tagebücher veröffentliche, aber ich versuche, so authentisch wie möglich zu sein. Im Moment—und auch schon vorher—dreht sich bei mir alles um die Frage, ob ich Teil des Problems oder Teil der Lösung bin. So progressiv und offen wie ich mich auch fühle, kann es trotzdem sein, dass ich es einfach nicht verstehe?

Warum erschaffst du etwas, was dir unangenehm ist?
Ich glaube, dass es eine gute Sache ist. Wenn ich mich nicht selbst unangenehmen Situationen aussetze, dann mache ich meine Arbeit nicht richtig. Ich bin nicht an Skandalisierung interessiert. Ich scheue aber nicht vor schwierigen Themen zurück. Für mich sind meine Arbeiten eine Art Spiegelbild oder Rorschachtest für den einzelnen Betrachter, anstatt strikt didaktisch zu sein.

Woher kommen die Ideen zu deinen Motiven? Wie entscheidest du, dass Lincoln Cornrows bekommt?
„Abe Lincorn" habe ich direkt gemacht, als ich in den Nachrichten von Rachel Dolezal gehört hatte. Die weiße und ehemalige Vorsteherin eines Ortsverbands vom NAACP, die als Schwarze lebte. Ich habe wie andere auch darüber gelacht, aber letztlich habe ich ihr Ansinnen verstanden. Ich habe einiges an der Schuld, an den Assoziationen und an der Langeweile von „einfach nur Weiß-Sein" verstanden. Ich habe ihre Verehrung der Black Culture verstanden. Die meisten meiner eigenen Helden sind schwarz. Das meinte ich vorhin mit der unangenehmen Selbstbeobachtung. Ich kann meine Meinungen artikulieren und Kunst machen, in denen ich die Probleme Schwarzer anspreche, aber natürlich kann ich selbst weder schwarz sein noch jemals völlig verstehen, was es bedeutet, in den USA schwarz zu sein.

„Purple Live Matter" zeigt zwei weiße Polizisten, die mit Waffen auf Prince zielen. Was artikulierst du in diesem Kunstwerk?
Dieses Kunstwerk gehört zu jenen, bei denen ich mich selbst nicht wohlfühle. Ganz offensichtlich geht es darin um den ganzen Bereich „Black Lives Matter" versus „All Lives Matter". Diese Auseinandersetzung trennt die Spreu vom Weizen. Es wurde deutlich, wer ein offener und versteckter Frömmler ist. Prince habe ich deswegen ausgewählt, weil er nicht nur einmal seinen Namen geändert hat, sondern weil er auch für mich einen Mittelweg in der ganzen Auseinandersetzung darstellt. In vieler Hinsicht steht er für das ultimative All: er ist Pop und Kult, er ist maskulin und feminin, er ist schwul und hetero, er ist religiös und ein Sünder, er ist schwarz und weiß. Deshalb ist Violett der perfekte Farbton, um das Spannungsfeld zwischen Emanzipation und Ignoranz darzustellen.

Neben den großen Zeichnungen hast du Plastiken für die Ausstellung angefertigt.
Neben neuen Werken zeige ich zum ersten Mal überhaupt ein Kunstwerk aus dem Jahr 2006. Ich hatte noch nie die Gelegenheit, es zu zeigen. Es heißt Erasing Time und ist eine Ausgabe vom Time Magazine, die ich komplett von der ersten Seite bis zur letzten Seite ausradiert habe. Das dauerte zweieinhalb Monate und es ist sehr kostbar. Deswegen habe ich es bisher auch nicht ausgestellt. Aber es ist ein wichtiges Werk in dieser Ausstellung geworden. Außerdem gibt es eine Installation aus ungefähr 350 Flaschen Händedesinfektion, die ich mit Muscheln gefüllt habe und als dreidimensionale Tapete angebracht habe. Der ganze gesamte Ausstellungsraum ist damit eingehüllt.

Credits


Fotos: Courtesy of Zevitas Marcus

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