The archive includes hundreds of personal photos. This one is captioned: "Ariadne Kane is pictured smiling in the mirror, likely after getting hair and makeup done".

das erste digitale transgender-archiv

Zum ersten Mal werden dadurch Materialien aus 60 Jahren Trans-Geschichte für die breite Öffentlichkeit erlebbar.

von Wendy Syfret
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01 März 2016, 11:40am

The archive includes hundreds of personal photos. This one is captioned: "Ariadne Kane is pictured smiling in the mirror, likely after getting hair and makeup done".

Lange Zeit hatten Transgender keine Stimme, sie wurden ignoriert oder ihre Geschichte ausgelöscht. In diesem Jahr wurde das Digital Transgender Archive ins Leben gerufen. Ziel des Archivs ist es, Trans-Geschichte zu bewahren und zugänglich zu machen. Angestoßen hat das Projekt K.J. Rawson, ein College-Professor für Englisch in Neuengland. Colleges, Universitäten, NGOs und private Sammlungen aus der ganzen Welt wirken am Archiv mit. Es ist das erste Mal überhaupt, dass eine so umfangreiche Sammlung über die Geschichte von Transgender der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Comic aus Chrysalis Quarterly, 1991.

Im Gespräch mit uns sagte Initiator K.J. Rawson, dass die Fertigstellung zwei Jahre gebraucht habe. Die Idee, eine öffentliche Sammlung über die Geschichte von Transgender zusammenzutragen, habe er aber schon seit Jahren gehabt. Ohne eine umfangreiche Datenbank wären die Recherchemöglichkeiten für Privatpersonen und Akademiker zur Trans-Geschichte ziemlich begrenzt.

Gedichte und Illustrationen aus Vanguard Magazine, 1970

Vieles, was in dem Archiv zu sehen ist, war vorher noch nie in digitaler Form verfügbar. Arbeiten und Recherchen zum Thema Transgender haben sehr viel mit Rhetorik und Wörtern zu tun. Da das Wort Transgender selbst relativ jung ist und aus dem Englischen ins Deutsche übernommen wurde, ist eine Datenbank, um mehr darüber zu erfahren um so wichtiger. In vielen Dokumenten, die ins Archiv aufgenommen wurden, kommt das Wort gar nicht vor.

„Uns ist es wichtig zu betonen, dass das Digital Transgender Archive keine Materialien über Trans als Identität bereithält, sondern dass es eher um Trans-Praktiken geht. Das ist wichtig, denn es erweitert den Fokus der Sammlung und sie ist dadurch zeit- und ortsunabhängiger. Wir sind so nicht auf Materialien beschränkt, die aus einer Zeit oder einem Ort stammen, wo Transgender bereits ein eigenständiger Identitätsbegriff ist", so K.J. Rawson. Die Entscheidung spiegelt den Geist des Archivs wider. Das Archiv möchte mit seinen Beständen „cross-kulturelle Erfahrungen präsentieren."

Das Archiv ist zweifelsohne eine wertvolle akademische Ressource, gleichzeitig bietet es auch einen überraschenden und intimen Einblick in den Alltag von Trans-Menschen aus über 50 Jahren.

Dutzende private Fotos von Alison Laing wurden ins Archiv aufgenommen.  

Die ältesten Materialien in dem Archiv stammen aus den 1950ern, dazu zählen Veranstaltungsflyer, unabhängige Publikationen und persönliche Fotos. Zeitschriften wie Vanguard, Cross Talk und Chrysalis Quarterly wurden über ein halbes Jahrhundert publiziert. In den Artikeln geht es um alles, von Ideen für Halloweenkostüme, über Star Trek, Make-up, Outfits, Bürgerrechte, das Aussehen und die Forderung nach einem Trans-Archiv.

Du kannst dich stundenlang durch das Archiv klicken und Artikel wie die Fotostrecke „Sluts a Go-Go!" oder der 1991 im Chrysalis Quarterly erschienen Artikel über „Gender Support in the Computer Age" lesen. Am eindrucksvollsten sind aber vielleicht die Familienfotos, die einfach den Alltag von Trans-Leuten zeigen. Das bekannteste Gesicht im Archiv dürfte Alison Laing von der International Foundation for Gender Education [Internationale Stiftung für die Aufklärung über Geschlechterfragen] sein. Im Archiv gibt viele persönliche Fotos von ihr: Urlaubsschnappschüsse, Abendessen und zu Hause mit ihrer Ehefrau Dottie. Das sind Fotos, die auch im Fotoalbum deiner Oma stecken könnten. Das sind keine Leute, die Geschichte schreiben wollen. Das sind Leute, die einfach nur ein sichtbares Mitglied der Gesellschaft sein wollen. 

Das Cover von International TranScript, 1992

Aus einem Fotoessay aus International TranScript, 1992.

Wendy Parker zu Hause, 1990. Ein Großteil des Materials ist ganz gewöhnlichen persönlichen Momenten gewidmet. 

Foto von einer Gegendemonstration in Vanguard Revisited, 2011. Die Demonstranten aus dem Jahr 1966 protestieren gegen einen Aufruf „die Straßen in San Francisco von Drogenabhängigen, jugendlichen Prostituierten, Lesben und Schwulen zu säubern".

Eine Illustration zum Thema geistige Gesundheit innerhalb der Trans-Community aus Vanguard Revisited, 2011.

Alison und Dottie Laing auf einer Fähre. Datum unbekannt.

Naomi Owen in Abendgarderobe bei einer Veranstaltung der International Foundation for Gender Education in Houston, 1992.

Alison Laing (links) und Rosalyne Blumenstein (rechts) auf einer Veranstaltung. Datum unbekannt.

Alison Laing, 1963.

Unbekanntes Model, dem am Strand das Make-up gemacht wird. Datum unbekannt.

Credits


Text: Wendy Syfret
Alle Fotos: Courtesy of the Digital Transgender Archive