im gespräch mit grimes

Wir sprachen mit der bekennenden Veganerin über den Klimawandel, Emanzipation und die Mongolei im Mittelalter.

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05 November 2015, 10:30am

In ihrer Vorstellung sieht sich Claire Elise Boucher aka Grimes als The-Rock- oder Vin-Diesel-Typ („Ich wäre gerne genauso stark und hätte gerne eine Glatze, aber ich wäre auch freundlich"). Geboren wurde die 27-jährige Kanadierin im Jahr des Drachen und hat sich über die Jahre zu einer der spannendsten Musikerinnen entwickelt, die durch ihren bezaubernden Experimentalpop mit verträumten Vocals, die gerne auch einmal rückwärts gespult werden, bekannt wurde. Sie nimmt ihre Zuhörer mit auf einen Gefühlstrip. Daneben führt sie bei ihren Musikvideos auch noch selbst Regie und verwandelt ihre funkelnden Träume in Realität.


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Irgendwann saß Grimes bei ihrem Freund Sean Nicholas Savage und hat sich breitschlagen lassen, die Back-Vocals zu singen. „Es war nicht so schwer, wie ich mir das vorstellt hatte", erinnert sie sich. „Ein anderer Freund zeigte mir dann, wie man Beats auf einer 404 bastelt - im Gegenzug hat er Essen bekommen." Die in Vancouver geborene Sängerin ging zum Studium nach Montreal und entdeckte ihre Liebe zur Musik. Sie sei froh, dass sie so erfolgreich damit sei, dass sie nichts anderes tun müsse, sagt sie. Es dauerte nicht lange, bis sie als Supportact für Lykke Li vor Tausenden Leuten auftrat und ihr Lampenfieber überwunden musste. Auch nach drei Alben rät sie jüngeren Leuten davon ab, in ihre Fußstapfen zu treten: „Erfolg in dieser Industrie beruht auf Glück, Zufall und oberflächlichen Trends", erklärt sie mir. „Die Welt braucht Ärzte und Lehrer; Leute, die sich etwas bewegen, und der Menschheit wirklich etwas bringen."

Noisey hat Sean Nicolas Savage zum Interview getroffen.

Nach allerlei Gerüchten darüber, wie es zu ihrem Künstlernamen kam, herrscht jetzt Klarheit. Grimes entstand als MySpace das Genre Grime als Optionsmöglichkeit einführte. Claire setzte das Wort in den Plural und nahm den Namen an, bevor sie im Internet Grime-Musiker entdeckte. „Ich liebe Dizzee", sagt sie. „Er ist so kreativ in seinen Videos. Skepta ist auch badass. Grime ist super." That's Not Me hat es ihr besonders angetan. „Ich finde toll, wie das Set-up im Musikvideo wie in meinen Videos ausschaut. Ich spüre den Vibe." Momentan hört Grimes Musik von Sinéad O'Connor und Nine Inch Nails sowie von den Newcomern Dollanganger, Tei Shi, Aristophanes, Perfume Genius, Courtney Barnett, Conrad Tao und Shamir. Sie ist außerdem ein großer Fan von Dolly Parton. In ihrer Freizeit twittert sie gerne über Dinge, die andere zwar denken, aber sich nie zu posten wagen würden: „Am Valentinstag werde ich ein ganzes Glas Haselnussbutter essen und in einer abgedunkelten Kammer zwölf Stunden alleine vor mich hinarbeiten", schrieb sie im Februar. „Wenn ich einen Schwanz hätte, würde ich den in ein Hot-Dog-Brötchen stecken und fotografieren".

Sie interessiert sich für Geschichte und findet die Mongolei im Mittelalter dabei besonderes spannend. Angetan haben es ihr die Bücher von Historiker Jack Weatherford: „Seine Bücher sind im Prinzip so, als ob man Game of Thrones schaut, außer das alles wirklich passiert ist." Schnell schiebt sie hinterher, dass sie die Eroberungsfeldzüge nicht gutheißt: „Die Massaker waren schlimm, ansonsten aber war es eine echt coole Gesellschaft. Die Mongolen hatten Stil und gute Mode, sagt sie. „Ich bin allgemein von mittelalterlicher Kriegsführung und Rittern. Kaum zu glauben ist doch zum Beispiel, dass Leute in Metallrüstungen versucht haben, mit großen, kalten und spitzen Gegenständen zu kämpfen." Wie viele, so ist Grimes auch von der HBO-Serie besessen und als bekennender Fantasy-Fan scheut sie auch nicht davor zurück, ihre Liebe zu zeigen. Auf Twitter adoptierte sie den Nachnamen Targaryen, posierte für ein Foto auf dem Eisernen Thron während der Comic Con und sie traf den Autoren. Die Fernsehserie dient ganz offensichtlich als Inspiration zu ihrem Video „Go", in dem Grimes eine Schwert-schwingende Kriegerin spielt, die durch die Wüste zieht. Wer ist ihr Lieblingscharakter? „Ich mag Brienne und wie gender-fluid sie ist", antwortet sie. „Ich habe im Fernsehen noch nie einen Charakter gesehen, mit dem ich mich so sehr identifiziere."

Auch das Thema Umweltschutz liegt der 27-Jährigen am Herzen. Sie versteigerte auf eBay Kunstwerke, um Gelder für das kanadische Umweltschutzblatt National Observer zu sammeln. „In Kanada gibt es viele unerschlossene Rohstoffe. Deswegen spielt das Land eine wichtige Rolle in der ganzen Öl vs. Klimawandel-Diskussion", erklärt sie. Im April unterstützte sie ihre Landsmännin Naomi Klein bei einem Greenpeace-Klimamarsch. „Ich möchte zumindest helfen, die jungen Wähler zu mobilisieren, da die Regierung pro-Öl ist [zum Zeitpunkt des Interviews war der Konservative Stephen Harper Premierminister des Landes] und wir bald landesweite Parlamentswahlen haben. Die Wahlbeteiligung unter jungen Leuten ist nicht so hoch. Dabei geht Klimawandel alle etwas an." Grimes Mutter kandidierte für ein politisches Amt auf kommunaler Ebene und ihr Aktivismus scheint sich auf ihre vegan lebende Tochter übertragen zu haben. „Die Regierung macht nur Politik für die schlimmste Sorte von Reichen und verarscht die Ärmsten in Kanada. Die Jobs, die die Ölindustrie beim Bau von Ölpipelines schaffen will, wären doch nur auf zwei Jahre befristet. Es gibt Leute in Kanada, deren Trinkwasser nicht sauber ist, und die Regierung gibt trotzdem das Geld aus, um diesen Müll zu finanzieren. Sie interessiert sich nicht für die echten Probleme. Würde die Regierung das Geld in erneuerbare Energie investieren, würden Jobs entstehen und die Wirtschaft würde florieren. Alles ist so durchschaubar, dass es fast schon wieder unterhaltsam ist. Dann muss ich aber daran denken, dass das real ist und das finde ich krank."

Grimes spricht auch darüber, wie viele Männer Schwierigkeiten damit haben, dass sie nicht nur das Gesicht ihres Musikprojektes ist, sondern gleichzeitig auch die Produzentin. Für Tavi Gevinsons Rookie Yearbook schrieb in einem Essay darüber, was es bedeutet, eine junge, weibliche Chefin zu sein. Darin gibt sie viele gute Ratschläge und zitiert Dolly Parton. „Ich bezweifle, dass wir zu unseren Lebzeiten eine echte Gleichstellung von Mann und Frau erreichen werden", erklärt die Kanadierin. „Feminismus als Modeerscheinung ist einfach dumm, denn es ist keine Modeerscheinung. Behandelt alle Menschen einfach gleich und bezahlt alle gleich - davon profitiert jeder. Weder Frauen noch überhaupt jemand sollte vergewaltigt oder missbraucht werden. Mein Gott! Eigentlich ist es so einfach!" Recht hat sie!

@grimes

Ihr Album Art Angels erscheint am 5. November. Im Februar 2016 kannst du sie live auf Deutschlandtour erleben. Alle Daten findest du hier.

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Credits


Text: Francesca Dun
Fotos: Alasdair McLellan
Styling: Max Clark
Haare: Diego Da Silva at Tim Howard Management
Make-up: Maki Ryoke at Tim Howard Management verwendete Tom Ford Beauty
Nägel: Emi Kudo at Opus Beauty verwendete Ciate London
Fotoassistenz: Lex Kembery, James Robjant, Daniel Kintz
Stylingassistenz: Bojana Kozarevic
Make-up-Assistenz: Megumi Asai
Produktion: Heather Burgoyne at LaLaLand
Produktionsassistenz: Justin McMahan, Trace Barrett, Michael Anstead
Nachbearbeitung: Output Ltd