intime porträts einer orthodoxen jüdischen familie

Um die orthodoxe Community besser kennenzulernen, hat Fotograf Kovi Konowiecki überall auf der Welt Familienmitglieder einer orthodoxen Familie porträtiert. Wie sieht ihr Glauben aus? Was leitet sie dabei? Das hat er uns im Interview erklärt.

von Emily Manning
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18 November 2016, 8:40am

Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 nimmt die jüdische Bevölkerung in New York wieder zu: über 1,1 Millionen New Yorker sind Juden, das ist jeder Achte. Der Anstieg hat vor allem mit dem Wachstum der orthodoxen Community in der US-Metropole zu tun, besonders in South Williamsburg, einer der ältesten und am dichtesten besiedelten chassidischen Enklaven in New York. Ständig kommen wir mit der orthodoxen Welt in Kontakt, wir sitzen neben orthodoxen Juden in der U-Bahn, in Bars liegen jiddische Zeitungen neben der neuesten Ausgabe der Elle. Doch eigentlich wissen wir wenig über unsere Nachbarn und was für radikal andere Leben sie leben. Um die orthodoxe Community besser kennenzulernen, hat Fotograf Kovi Konowiecki eine orthodoxe Familie überall auf der Welt fotografiert. Wie sieht ihr Glauben aus? Was leitet sie dabei? 

Für seine Fotoserie Bei Mir Bistu Shein ist der 24-jährige Konowiecki um die Welt gereist. Angefangen hat er in Long Beach in Kalifornien, dann ist er nach London gereist, wo er gerade seinen Master in Fotografie an der University of the Arts macht, und schließlich ist er in mehreren Dörfern um Jerusalem untergewesen. In der Serie, mit der er für den Taylor Wessing Photographic Portrait Prize nominiert wurde, verbindet er sein Interesse für Modefotografie mit seiner langjährigen Faszination für Dokumentarfotografie. Wir haben mit ihm vor der Preisverleihung in der Londoner National Portrait Gallery getroffen und mit ihm über Mode, Familie und seinen jüdischen Glauben gesprochen.

Ich habe mir deinen Hintergrund näher angeschaut und war überrascht, dass du einen Großteil deines Lebens professionell Fußball gespielt hast.
Ja, mein Leben drehte sich zwischen meinem 13. Lebensjahr bis vor ein paar Jahren nur um Fußball, bevor ich ernsthaft mit Fotografie angefangen habe. Ich bin mit 13 Jahren nach Deutschland gezogen, um für die Profi-Jugendmannschaft von 1860 München zu spielen. Ich habe dann weiter im College in den USA gespielt und dann in Israel. Das war ein großer Schnitt!

Waren Fußball und Fotografie immer Dinge, die sich in deinem Leben gegenseitig ausgeschlossen haben oder hast du beides gleichzeitig verfolgt?
Ich habe mich schon immer für Kunst interessiert. Meine Eltern sind mit mir als Kind oft in Ausstellungen gegangen. Aber das war immer etwas, das ich mir gerne angeschaut und geliebt habe, aber von dem ich nie gedacht habe, dass ich es selbst einmal machen würde. Erst auf dem College, ich habe an der Wake Forest University in North Carolina studiert, habe ich eine Kamera in die Hand genommen und drauflos fotografiert. Ich habe die Menschen in meiner Umgebung in North Carolina fotografiert, die aus der homogenen Masse an der Uni herausgestochen haben. Fußball war zwar damals immer noch wichtig, ich habe für die beste Collegemannschaft im Bundesstaat gespielt, aber es hat sich schon herauskristallisiert, dass Fotografie meine wahre Leidenschaft ist. Das war alles, woran ich denken konnte. In North Carolina war es gar nicht so leicht, Leute zu finden, die anders waren. 

Wie bist darauf gekommen, orthodoxe Juden zu fotografieren? Was hat dazu inspiriert?
Ich komme aus einer jüdischen Familie und habe die jüdische Tagesschule besucht, als ich jünger war. Das war eine Grenzerfahrung, ich habe mein Jüdischsein verstanden und mich dem verbunden gefühlt. Ich habe aber auch staatliche Schulen besucht und überall auf der Welt gewohnt. Mein Glaube hat in meinem Leben keine große Rolle gespielt. In London und in Israel habe ich orthodoxe Juden gesehen und sie waren mir vertraut, gleichzeitig aber auch so fremd. Ich wollte mich mit ihnen auf einer tieferen Eben verbunden fühlen und diese Leute kennenlernen. Sie sind sehr gastfreundlich. Gastfreundlichkeit gilt als gute Tat. Andererseits leben sie sehr zurückgezogen vom Rest der Gesellschaft. Sie sind sehr privat und leben für uns archaisch. Wenn man nicht Teil des inneren Zirkels ist, sind sie einem sehr verschlossen gegenüber. Sie sehen mit ihrer Frisur und ihren Hüten auch rein äußerlich anders aus. Ich wollte mit den intimen Aufnahmen dafür sorgen, dass man sie körperlich und individuell erleben kann.

Wie hast du die Leute kennengelernt, die du fotografiert hast?
Ich habe mich bei einem Rabbi in Long Beach gemeldet und ihm das Projekt erklärt. Dass ich mich stärker mit meiner jüdischen Identität auseinandersetzen will und fotografieren möchte. Das erste Shooting fand dann mit dem Rabbi, seiner Frau, seinen Kindern, Enkeln und erweiterten Familie statt. Ich hatte keine Ahnung, wie groß das alles werden würde oder wie wichtig ihnen die Familie ist. Die Familie ist zentral in der Community und wurde selbst zu einem wichtigen Element in dem Projekt. Mit zwei Ausnahmen sind in den Fotos ein und dieselbe Familie zu sehen. Ich möchte jedes Familienmitglied fotografieren. Das erste Bild ist in Long Beach entstanden, dann habe ich in London fotografiert, dann war ich in Jerusalem und dann in einem Dorf in Israel. Orthodoxe Juden sollten sich eigentlich nicht fotografieren lassen, aber diese Familie hat Gefallen daran gefunden und hatte kein Problem damit, dass ich sie fotografiere. Ich habe ihn Abzüge von den Fotos geschenkt, damit sie etwas anfassen und mitnehmen können. Die Jüngeren haben noch nicht mal alle Menschen getroffen, die ich fotografiert habe. Für sie war es natürlich schön Fotos von Familienmitgliedern zu sehen, mit denen sie noch nichts zu tun gehabt haben.

Unterscheiden sich die orthodoxen Communitys in den jeweiligen Städten?
Natürlich, die Kleidung unterscheidet sich in Feinheiten. Ich mache gerade meinen Master in Modefotografie und für mich sind diese Porträts Modefotos, weil die Kleidung eine so zentrale Rolle spielt und wie sie getragen werden, ist extrem wichtig.

Das ist verrückt, dass du das sagst. Ich habe einen chassidischen Juden als Nachbarn und denke das schon seit Jahren, besonders was die Spielsachen für Kinder angeht.
Das war zwar nicht der Grund, warum ich mit dem Projekt angefangen habe, aber die orthodoxen Juden haben ihren eigenen Modestil und ihre Kleidung unterscheidet sich von Ort zu Ort. In Israel hat ein Familienmitglied verrückte Socken getragen, die ich sonst nirgendwo gesehen habe. In Long Beach war die Kleidung zurückhaltender und traditioneller. Die Haare, Beikeles und die Locken unterscheiden sich von Land zu Land.

Im Begleittext schreibst du, dass die Menschen auf den Fotos in einem Grenzland zwischen Geschichte und Modernität leben würden. Die, die in Städten mit einer großen orthodoxen Community leben, wissen was damit gemeint ist. Wir besuchen dieselben Orte und machen ähnliche Erfahrungen, aber man hat nicht viel miteinander zu tun.
Das stimmt. Es gibt so viele Aspekte ihres Privatlebens, die für uns so veraltet und archaisch erscheinen, wie am Sabbat keinen Strom benutzen zu dürfen oder eine Frau nicht umarmen zu dürfen. Aber sie sind Teil unserer modernen Gesellschaft und sie interagieren mit ihr. Wie du gesagt hast: Sie benutzen die U-Bahn, sie haben alle Handys. Das ist eine Grenzerfahrung. 

Hast du Pläne, die Serie in Zukunft zu erweitern?
Ich bin kein professioneller Fotograf, ich gehe noch zur Uni. Ich habe noch so viele andere Ideen. Ich möchte erstmal eine Pause einlegen und mich um andere Projekte kümmern. Aber ich möchte die Serie weiterführen. Ich identifiziere mich sehr mit dem Projekt und habe eine starke Verbindung, weil ich so daran gewachsen bin. Die Familie, die ich fotografiere, hat noch Mitglieder in Kanada und Südafrika, die ich fotografieren soll. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt Teil ihrer Gemeinschaft bin. Sie wünschen mir jeden Freitag „Shabbat Shalom!". Mehrere Familienmitglieder schreiben mir das, das finde ich wirklich toll und freut mich. Einer der älteren Männer, die ich fotografiert habe, ist vor ein paar Monaten verstorben. Das war wahrscheinlich das letzte Foto von ihm und eines der ersten, das überhaupt von ihm existiert. Ich habe ihn kennengelernt und habe mit seiner Familie zu Abend gegessen. Das ist mehr als ein Fotografieprojekt.

Noch bis zum 27. Februar 2017 kannst du dir in der Londoner National Portrait Gallery die Gewinner des diesjährigen Taylor Wessing Photographic Portrait Prize anschauen. Hier findest du mehr Informationen.

Credits


Text: Emily Manning 
Fotos: Kovi Konowiecki

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