wenn raven illegal ist: die underground-szene im iran

Das Verbot westlicher Musik hält junge Leute in dem arabischen Land nicht vom Feiern ab. Wie sie ihr eigenes Party-Utopia in einem der repressivsten Länder der Welt erschaffen, zeigt die neue Dokumentation „Raving Iran“. Wir haben mit der Regisseurin...

von Wendy Syfret
|
22 Juni 2016, 9:05am

2005 hat der Iran Musik aus dem Westen verboten. Die Radiostationen durften plötzlich beliebte nicht mehr Hits spielen, der CD-Schwarzmarkt wurde ein heißes Pflaster und der Dirigent vom Teheraner Symphonie-Orchester verließ aus Protest das Land. So sah die Welt der beiden jungen Männer Anoosh und Arash aus, die im Mittelpunkt der Dokumentation Raving Iran von Susanne Regina Meures stehen. Trotz der Verbote haben sich die beiden in Dance-Musik verliebt und unter dem Namen Blade&Beard angefangen, Musik zu machen. Mit illegalen Raves und Releases haben sie sich unter jungen Iranern eine treue Fangemeinde aufgebaut.

Anoosh wurde schließlich von den iranischen Behörden festgenommen, weil er die Musik der Beiden verkauft hat. Es sah alles danach aus, dass sie ihre Leidenschaft aufgeben müssen. Bis sie von den Veranstaltern der Züricher Street Parade eingeladen wurden: die größte Techno-Party in Europa. Dort standen sie dann vor der Wahl: Sie mussten zwischen ihren Familien, Freunden und der Vergangenheit wählen, um sich eine Zukunft in der Musik aufzubauen. Wir haben mit Regisseurin Susanne Regina Meures über die beiden mutigen Männer und ihre neue Dokumentation Raving Iran gesprochen.

Wie haben Anoosh und Arash überhaupt Techno für sich entdeckt? Die Musik war ja verboten, als sie noch jünger waren.
Sie sind beide Mitte zwanzig und mit dem Internet groß geworden. Auf YouTube und Soundcloud haben sie Künstler aus der Elektro-Szene entdeckt. Die meisten Websiten über westliche Politik, Gesellschaft und Kunst sind im Iran gesperrt, doch die Leute nutzen VPN-Clients, um die Sperren zu umgehen.

Überall wird illegal Musik heruntergeladen. Der Unterschied ist wohl, dass sie aber im Iran mehr als eine Geldbuße befürchten müssen. Was passiert mit den Leuten, die diese Musik machen oder hören?
Das Problem ist die Willkür. Alles kann passieren. Vielleicht ist der Polizist, der auf deiner Party auf der Matte steht mit Bakschisch zufrieden (Trinkgeld oder Bestechung). Aber die Chancen stehen genauso hoch, dass sie dich mit auf die Polizeistation nehmen, du vor Gericht kommst und ins Gefängnis wanderst. Kürzlich hat die iranische Polizei eine Studentenparty in Teheran aufgelöst: Alle Studenten wurden zu 99 Peitschenhieben verurteilt.

Das kann tödlich sein: Warum dann so viel für eine Partynacht riskieren?
Die iranische Mittelschicht, besonders in den Großstädten, ist sehr westlich orientiert. Die Leute schauen Satellitenfernsehen und nutzen soziale Medien wie wir. Die junge Leute sehen keinen Grund, warum sie nicht die gleichen Rechte wie der Rest der westlichen Welt haben sollten. Sie sehnen sich nach Freiheit und einem normalen Leben.

Im Westen wird gerne mal vergessen, wie wichtig eine Party-Kultur für junge Leute sein kann, für uns ist das selbstverständlich. Die Jungs sind als Blade & Beard lokal bekannt geworden, wie haben sie die Veranstalter der Street Parade gefunden?
Sie haben sich bei vielen Festivals auf der Welt beworben und die Street Parade war eins davon. Sie haben ihr illegal produziertes Album eingeschickt und Monate später haben sie dann eine Einladung zum Festival erhalten.

Nachdem du so viel Zeit mit den beiden verbracht hast: Hast du das Gefühl, dass Techno—mehr als andere Musikgenres—ein Gefühl der Befreiung und Ausdruck der Persönlichkeit ist?
Ich nehme an, dass das Gefühl der Freiheit und der Trance während Raves länger anhält. Wenn man auf ein Rockkonzert geht, dann dreht man vielleicht für eine Stunde durch. Aber wenn du auf einem Rave bist, tanzt du die ganze Nacht in deinem eigenen kleinen Utopia durch, bis die Sonne aufgeht. Techno bietet die eine Zuflucht für einen viel längeren Zeitraum.

VIDEO: i-D war unterwegs in der ukrainischen Underground-Raveszene

Wie hast du die beiden gefunden?
Ich wollte einen Film über den Underground im Iran drehen, also habe ich auf Facebook nach jungen Leuten gesucht, die in dieser Szene zu Hause sind. Dann bin ich nach Teheran geflogen und habe vor Ort recherchiert. Nachdem ich viele DJs und Musiker getroffen hatte, habe ich endlich den Kontakt zu Anoosh und Arash herstellen können. Sie stehen wirklich im Mittelpunkt von Irans Technoszene und—im Gegensatz zu anderen—waren sie auch bereit, mir ihre Geschichte zu erzählen. 

Wieso interessierst du dich für die iranische Technoszene?
Nachdem ich einen Artikel über Technopartys in der iranischen Wüste in einem englischen Magazin gelesen habe, habe ich dieses Bild einfach nicht mehr aus meinem Kopf bekommen: ausgelassene, bunte Kids in der Wüste, die unter dem strengen Auge eines der repressivsten, politischen Systeme der Welt feiern. Mich hat die Willensstärke dieser jungen Leute fasziniert und beeindruckt. Sie organisieren diese Partys, trotz der enormen Risiken. Ich wollte aber nicht ausschließlich einen Film über Partys machen, sondern darüber, was es bedeutet, in einem repressiven Staat aufzuwachsen.

Das ist ein wichtiger Punkt: Es geht hier nicht um Kulturtourismus oder um eine fremde Party-Kultur, sondern diese Partys sind ein Zeichen gegen Unterdrückung.
Anoosh und Arash stehen für eine größere Gruppe von jungen Leuten, die—auf ganz unterschiedliche Art und Weise—gefangen sind. Sie sind gefangen zwischen Ost und West. Sie sind gut ausgebildet, finden aber keinen Job mit anständiger Bezahlung, sie können nicht reisen und die Welt entdecken und sie werden nie offiziell für ihre Musik geehrt werden können. Ich wollte ursprünglich keinen politischen Film machen, aber diesen jungen Leuten eine Stimme zu geben, gibt ihnen auch Macht, und das ist hochpolitisch.

Wo sind Anoosh und Arash heute?
Sie haben die letzten zwei Jahre in einem Flüchtlingscamp in der Schweiz verbracht, im Gebirge mit Schafen und Kühen. Vor Kurzem hat die Regierung ihrem Asylantrag zugestimmt! Wenn also alles gut geht, dann können sie in Europa bleiben, weiterhin Musik machen und in Freiheit leben, so wie sie das immer wollten.

Mehr Informationen zu Raving Iran findest du hier.

Credits


Text: Wendy Syfret
Alles Fotos: via Raving Iran

Tagged:
Iran
raves
Kultur
Raving Iran
Unterdrückung
Freiheit
Dokumentationen
blade&beard