Anzeige

wie schuhe zum fetisch-objekt werden

Sind die roten Absätze von Louboutin einfach nur ein modisches Detail oder verbirgt sich dahinter vielleicht viel mehr?

von Lisa Riehl
|
21 September 2015, 9:13am

Margiela

Oh, diese Louboutins! Das verlockende Rot ihrer Sohlen, das sich bei jedem Trippelschrittchen zeigt, ist für viele ein zeitgenössisches Synonym offensiver Sexyness. Zurückhaltung geht anders. Zurückhaltend ist nicht très Christian Louboutin. Die Heels des französischen Designers sind weiblich-sanft und gleichzeitig brutal. Einer von der Schuh-wahnsinnigen Carrie Bradshaw geprägten Generation bescheren seine Modelle Schnappatmung. Weil sie Schuhe mögen oder weil sie die Füße darin begehren. Schuhfetisch. Fußfetisch. Die einen stehen auf den inszenierten Fuß im Schuh, die anderen auf den Schuh um den Fuß.

Jurgi Persoons

„Anything can be a shoe" - alles kann ein Schuh sein. Unter diesem Leitfaden steht zurzeit die Ausstellung „Footprint" im Antwerpener Modemuseum MoMu. In einem tatsächlich leicht fetischistisch in Schwarz gehaltenem Setting führen ihre Kuratoren, die Schuhsammler Geert Bruloot und Eddy Michiels, durch die Schönheit und Grazie aber auch durch die Kuriositäten und die Abnormalitäten der Fußbekleidung. Alles kann ein Schuh sein, genauso kann ein Schuh alles sein. Und mit Absatz wird er eben schnell mal zum Fetisch-Objekt.

High Heels erheben eine Frau aufs Podest und verändern ihren Gang, lassen sie sanft schwingen aber auch bewegungseingeschränkt unterwürfig werden. Die verführerische Kraft von der geschwungenen Linie eines Fußes in einem extrahohen Schuh entdeckten die Frauen nach dem zweiten Weltkrieg. Natürlich gab es schon davor hohe Schuhe, doch jetzt schossen die Absätze so richtig hoch. Ein Grund dafür könnte sein, dass in den Vierzigerjahren die männliche Bevölkerung in der Unterzahl war und entsprechend heiß begehrt. Das weibliche Geschlecht musste sich irgendetwas einfallen lassen, um geheiratet und flachgelegt zu werden. Brust und Hintern raus, Bauch rein - heute kennt das Spiel jede Fünfjährige. Was damals die ihrer Triebe hilflos ausgesetzten Kerle aufs Kreuz legte, reicht heute, da der zehn-Zentimeter-Absatz seriös im Büro getragen werden darf, lange nicht mehr, um mit dem Prädikat „Fetisch" geehrt zu werden. Da muss man sich schon mehr einfallen lassen. Und damit noch einmal zurück zu Christian Louboutin.

Nachdem nun auch seine aggressiv dominante, knallrote Sohle heute niemanden mehr zum Orgasmus bringen kann, kreierte der Designer 2007 gleich eine reine Fetisch-Kollektion. Nicht völlig untragbar, aber auf jeden Fall unlauf- und unstehbar. Schuhsohlen mit spitzen Nieten, Absätze aus Metall, die entweder kürzer als der Schuh oder sogar länger als seine Schuhsohle sind, zwingen ihre Trägerinnen zur Unterwerfung im Sitzen oder Liegen. In der Ausstellung in Antwerpen kann die Kollektion und die dazu fotografierten Bilder von David Lynch nur mit einem Blick durch die Schlüssellöcher in einer Louboutin-Sohlen-roten Wand betrachtet werden - womit sich der Besucher am Ende selbst zum unterwürfigen Voyeur degradiert wird. 

VANDEVORST

Gleich in der gegenüberliegenden Vitrine stehen die Schuhe des belgischen Designer-Paares A.F. Vandevorst zur Schau. Ihre Modelle sind wie Korsetts geschnürt, haben die Form von Pferdefüßen oder suggerieren Nacktheit durch einen hautfarbenen Nylonstrumpf, der über ebenso fleischfarbene Pumps gestülpt wird. In der dazugehörigen Mode von An und Filip Vandevorst treffen Uniformen und Pferdegeschirr auf Seide und Lingerie. Dass sie damit ohnehin gerne mal in die Fetisch-Schublade gesteckt werden, war anscheinend beiden klar und so gaben sie ihrer Schuh-Linie gleich den adäquaten Namen dazu: „Fetish".

Trotzdem muss man bedenken, dass nicht nur die Intention eines Designers aus einem Schuh ein Fetisch-Objekt macht. Vielmehr manifestiert sich ihre Wirkung in den Wünschen und Sehnsüchten des Betrachters. So beginnt der Rundgang mit einem Schuhpaar des belgischen Designers Jurgi Persoons aus dessen Kollektion Frühjahr/Sommer 1997. High Heels - es sind tatsächlich nur die Absätze plus Fessel- und Knöchelriemchen -, bei denen Fußballen und Zehen direkt auf dem Boden liegen und dabei nicht nur Fußspuren auf dem Boden hinterlassen, sondern ebenso der Boden seine Abdrücke auf die Füße presst. Ein nackter Fuß auf nacktem Boden. Und vielleicht ein Fetisch-Objekt, das eben nicht als solches konzipiert ist.

Dirk Bikkembergs

Ebenso Dirk Bikkembergs, einer der heute weniger erwähnten belgischen Designer, der in „Footprint" mit seiner ersten Schuhkollektion von 1986 vertreten ist. Arbeiterschuhe für Herren, grob, hart und brachial. Die Männlichkeit dieser Modelle jedoch wird von dicken Schnürsenkeln in BDSM-Manier eingepfercht. An anderer Stelle besteht ein Schuh von Maison Martin Margiela lediglich aus der Schuhsohle samt Absatz. In der Show von 1996 wurden diese den Models mit Klebeband an den Fuß geklebt, was ziemlich schmerzhaft gewesen sein muss. 

Helmut Lang wiederum spielt mit dem Reiz menschlichen Haares. Seine Schuhe der Kollektion Herbst/Winter 2004/05, ebenfalls in der Ausstellung zu sehen, sind mit Pferdehaar bestückt. Eine Reminiszenz an Pony Plays im Fetisch-Club und gleichzeitig eine subtile Referenz an die Bondage-inspirierte Fotografie Robert Mapplethorpes? Allein der Betrachter entscheidet, was die pechschwarzen Haare über dem Absatz bedeuten. Ist es einfach nur ein Schuh mit Haaren oder unterschwellig doch viel mehr?

Der Stöckelschuh als Lustobjekt. Er begegnet dem Besucher noch bis zum14. Februar 2016 im Antwerpener Modemuseum. Bis zum nächsten Valentinstag, dem Tag der Liebe, der zumindest symbolisch ebenso in Rot getaucht ist wie Christian Louboutins Sohlen.

momu.be

Das könnte dich auch interessieren: 

  • Wir hinterfragen die perverse Besessenheit der Mode mit quasi-orthopädischer Footwear, von Teva-Sandalen über Birkenstocks bis hin zu Badelatschen.
  • Mehr Mode auf i-D findest du hier
  • Vice hat sich die neue Festisch-Dating-App Whiplr genau angeschaut. 

Credits


Text: Lisa Riehl 
Bilder: Foto Frederic Uyttenhove via Footprint