„meine fotos reflektieren, wie ich über die welt denke“

Der in Berlin lebende Fotograf Phillip Koll hat ein Auge für unscheinbare Szenen im Alltag. Wir haben mit ihm über seine Arbeitsweise und fotografische Einflüsse gesprochen.

von Tereza Mundilová
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27 April 2016, 9:00am

Verschwommene Strukturen und sanft beleuchtete Oberflächen—der 25-jährige Fotograf Phillip Koll entdeckt Szenen im Alltag, die sonst kaum Beachtung erfahren würden und verleiht in seinen Fotos dem Unscheinbaren eine ganz neue Bedeutung. Die Vielschichtigkeit seiner Motive lässt abstrakte Bilder mit einer ganz besondere Atmosphäre entstehen, welche auch bei seiner Modefotografie stark spürbar ist. Wir haben den in Berlin lebenden Fotografen nach seinen Einflüssen gefragt und mit ihm über Trends und seine Meinung zu digitaler Fotografie gesprochen.

Du hast eine Zeit lang Grafikdesign auf dem Central Saint Martins College in London und an der Rietveld Universität in Amsterdam studiert. Welcher Weg führte dich zur Fotografie?
Schon vor dem Studium habe ich fotografiert, aber ich interessiere mich auch für Grafikdesign und habe deshalb letzteres studieren wollen, da ich das Gefühl hatte, als Fotograf und Fotoassistent schon auf einem ganz guten Weg zu sein. Ausschlaggebend war für mich das Magazin Derzeit, das in Berlin immer während der Fashionweek erschienen ist. Die Fotografen, die ich über die Arbeit dort kennengelernt habe, haben mein Interesse für Fotografie vergrößert, speziell für Modefotografie, und ich habe mehr und mehr angefangen, selbst Fotos zu machen. Die meisten Leute aus dieser Zeit sind nach wie vor Freunde und auch so etwas wie Mentoren für mich.

Beeinflussen deine Freunde beziehungsweise diese Mentoren deine Fotografie?
Freunde und Familie beeinflussen mich oft in der Hinsicht, dass ich durch sie über mich und meine Umgebung lerne, was sich dann wiederum auf meine Arbeit auswirkt. Fotografen und andere Kreative, mit denen ich arbeite, beeinflussen mich darüber hinaus natürlich auch in Bezug auf technische Aspekte wie Lichtaufbau, Motive und deren Details.

Was beeinflusst deine Art zu fotografieren noch?
Ich finde, dass es schwer ist, das zu definieren. Eigentlich kann alles Einfluss auf einen haben. Die Fotografie hat mir jedenfalls gezeigt, dass jedes Motiv interessant sein kann, selbst der Müll auf den Straßen.

Wie definierst du für dich das Medium Fotografie?
Fotografie ist Informationsverarbeitung. Meine Fotos reflektieren, wie ich über die Welt denke und was mich interessiert. Sie regt mich zum Denken an und hat mir als Karriere tolle Möglichkeiten geboten.

Welche Möglichkeiten wären das denn zum Beispiel?
Als Assistent konnte ich beispielsweise nach Italien reisen und als Fotograf nach Tunesien. Für mich ist das besser als Urlaub. Wenn ich dafür bezahlt werde, in einem anderen Land zu arbeiten und zu fotografieren, brauche ich diesen eigentlich gar nicht mehr. Ich bin irgendwie mit 19 Jahren langsam zur Fotografie gekommen und jetzt bestimmt sie quasi mein Leben. Während meiner Zeit in London und Amsterdam habe ich ebenfalls viel über mich selbst gelernt. Dank dem Weg, den ich eingeschlagen habe, bin ich als Mensch sehr gewachsen und ich würde das niemals durch eine sicherere Karriere eintauschen wollen.

Wie siehst du das Verhältnis zwischen digital und analog?
Analog- und Digitalfotografie stehen sich für mich in nichts nach. Beide Techniken haben ihre Stärken und Schwächen und funktionieren auf die unterschiedlichsten Arten—immer abhängig davon, in welchem Kontext sie gebraucht werden. Ich mag analoge Fotografie sehr, aber die Art und Weise, wie ich im Moment fotografiere, sehe ich am besten in digitaler Form umgesetzt.

Eine Zeit lang war der Trend sehr stark, analog zu fotografieren. Siehst du da momentan generell einen Umschwung?
Ich glaube, beide Techniken haben sowohl in der Amateur- als auch in der Profi-Fotografie ihren Platz. Letztendlich überwiegt mittlerweile natürlich die Digitalfotografie in beiden Bereichen, aber die analoge Fotografie ist noch lange nicht am Schwächeln. Viel mehr Leute beschäftigen sich heutzutage mit der Fotografie, weil es ein zugänglicheres Medium ist. Darunter sind auch viele Leute, die analog fotografieren und selbst ihre Filme entwickeln.

Was hältst du allgemein von Trends in der Fotografie?
Der Begriff Trend fühlt sich an, als wäre er noch nicht sehr alt. Heutzutage, wo die Fotografie oder auch das Grafikdesign eine viel größere Gemeinschaft zu haben scheinen, beziehungsweise, wo wir durch das Internet alles sofort sehen können, sind auch Trends schneller sichtbar. Ich denke, sie sind als Einstieg in das Medium nicht schlecht, aber man sollte versuchen, sich ihnen zu entziehen, da sie eine relativ genaue Vorgabe darstellen und man nur wenig persönlichen Charakter in seine Arbeit einfließen lassen kann.

Wer definiert diese Trends?
Ich weiß nicht genau, wo Trends herkommen, sie sind aber heutzutage früh spürbar, wenn bestimmte Fotografen überall im Internet auftauchen und die Magazine dominieren. Ich denke, Trends gehen im Fall von Modefotografie entweder von den Labels oder den Magazinen aus, die Fotografen entdecken und mit ihnen zusammenarbeiten. Eine Modekampagne kann großen Einfluss auf die Fotografie nehmen. Momentan ist es wahrscheinlich Trend, warme und weiche Fotos zu machen, mit fast Makro-anmutenden Porträts und vor rotem Hintergrund.

Trends gehen Hand in Hand mit der technischen Weiterentwicklung. Heutzutage eröffnet sich durch unterschiedliche Social-Media-Plattformen eine neue Welt der Fotografie. Wie stehst du dazu? Wenn die Fotografie heute für jeden so leicht zugänglich ist, wodurch kann man sich dann heutzutage noch differenzieren?
Ich habe mich lange Zeit vor Instagram gesträubt und bis heute bin ich kein Freund von Filtern, aber eine Menge guter Fotografen haben mir gezeigt, dass Apps und Blogs eine ansprechende Darstellungsform sein können. Durch das Internet hat sich die junge Fotografie schnell entwickelt und hat im Falle von Instagram in Verbindung mit Smartphones sogar zu ganz neuen Techniken geführt. Ich selbst habe sehr davon profitiert, mit meinem Handy zu fotografieren und die Bilder auf einem Instagram-Account zu sammeln. Die heutige Entwicklung ist aber nicht nur ein Segen. Vor allem die Masse an Bildern, die wir tagtäglich über unsere Geräte konsumieren, bringt die Gefahr mit sich, dass wir abstumpfen und unsere visuell ästhetische Kultur, die wir ja mittlerweile maßgeblich mit beeinflussen, als etwas Selbstverständliches ansehen. Egal, wie sich die Fotografie in den nächsten Jahren entwickelt—eigentlich gab es alles schonmal und doch dann wiederum auch nicht. Es ist alles eine Frage der Zusammenstellung und ich denke, wenn man sich wirklich für etwas begeistert, dann wird man früher oder später seine eigene Sprache in diesem Medium entwickeln.

phillip-koll.com

Credits


Text: Tereza Mundilová
Fotos: Phillip Koll

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