diese künstlerin arbeitet durch collagen ihre persönliche migrationsgeschichte auf

Gerade erst ihren Abschluss in der Tasche, hat die junge Grafikerin einiges vor.

von Alexandra Bondi de Antoni
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03 Februar 2017, 9:35am

Hast du dich schon einmal so gefühlt, als würdest du nirgends dazugehören? Die Künstlerin Valerija Ilcuka schon. Obwohl sie in Lettland geboren ist, besitzt sie nur einen sogenannten Alienpass und hat keine wirkliche Staatsbürgerschaft. Grund dafür ist ihre Familiengeschichte: Ihr Großeltern kamen während des Zweiten Weltkriegs von Russland nach Lettland und sind auch nach dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion dort geblieben. Das Land gab ihnen aber niemals die Staatsbürgerschaft, sondern nur die eben schon erwähnten Alienpässe und obwohl Valerijas Eltern — wie auch sie — in Lettland geboren wurden, wurde ihnen nie die Staatbürgerschaft zu gesprochen. Ihre Leben verbrachte die junge Künstlerin auf ständiger Reise, es zog sie von einem Land ins nächste und hat das auch genau in ihrer Diplomprojekt verarbeitet. „Meine Diplomarbeit ist ein künstlerischer Bildteppich, der meine persönliche Migrationsgeschichte erzählt. Was mich zu diesem Projekt geführt hat, war der Drang, alle Sprachen, die ich über die Jahre gelernt habe, in einer Arbeit zusammenzubringen", erzählt sie. Ihr Arbeiten sind farbenfroh, durchdacht und lassen einen zweimal hinschauen. Nach ihrem Praktikum bei Mirko Borsche in München lebt sie mittlerweile wieder in Wien und hat die letzten Monate intensiv an ihrem Diplomabschluss — dem so eben erwähnten Teppich — gearbeitet. Wir haben ihren Abschluss als Anlass genommen und sie zum Gespräch gebeten.  

Collage für Super Paper

Du hast gerade deinen Abschluss gemacht. Kannst du mir etwas über dein Abschlussprojekt erzählen?
Meine Diplomarbeit ist ein künstlerischer Bildteppich, der meine persönliche Migrationsgeschichte erzählt. Was mich zu diesem Projekt geführt hat, war der Drang, alle Sprachen die ich über die Jahre gelernt habe in einer Arbeit zusammenzubringen. Ich spreche fließend Russisch, Englisch, Türkisch und Deutsch und als Kind konnte ich Aserbaidschanisch und Bosnisch. Der Grund für meine Mehrsprachigkeit ist meine migrantische Vergangenheit. Die ersten 25 Jahre meines Lebens habe ich in Lettland, Aserbaidschan, Bosnien und Herzegowina, der Türkei, Österreich und Deutschland verbracht und dabei eine sehr spezielle Migrationsgeschichte durchlebt. Über die einzelnen Stationen meıner Vergangenheit erzähle ich anhand von Kindheits- und Jugenderinnerungen, die ich in diesen Ländern gesammelt habe, und beschreibe sie mithilfe von kulturellen Ikonografien in Form des Bildteppichs. 

Das inhaltliche Leitmotiv des Teppichs bilden die sechs Sprachen, die ich im Laufe meines Lebens gelernt habe. Ich möchte dadurch einen Eindruck vermitteln, wie es für mich als Kind war, in jedem neuen Land mein Leben in einer jeweils anderen Sprache fortzusetzen. Exemplarische Alltagsanekdoten, die auf den ersten Blick fast banal wirken, stellen Momentaufnahmen aus meinem Leben dar, und sind so ausgewählt, dass sie sich als Reflexionen der kulturellen Kontexte der verschiedenen Länder dienen.

Was bedeutet Heimat für dich und wie verarbeitest du das Thema in deinen Arbeiten?
Eigentlich nichts. Ich habe einen lettischen Alienpass, der mich jeden Tag daran erinnert, dass ich nicht mal in meinem Geburtsland eine Staatsbürgerin bin. Da ich in keinem der Länder, in denen ich gelebt habe, jemals Staatsbürgerin geworden bin, ist die Frage „Woher kommst du?" für mich nie leicht zu beantworten gewesen. Ich bin gleichzeitig von überall und nirgendwo und habe jetzt nicht mehr diesen romantischen Zugang zum Begriff Heimat, den viele vielleicht mit „Da, wo meine Familie oder Freunde sind" beschrieben würden. Mein Abschlussprojekt ist eigentlich das erste Mal, das ich mich mit diesem Thema ganz konkret auseinandergesetzt und dadurch auch erst richtig realisiert habe, dass es mir eigentlich an richtigen Wurzeln fehlt. Meine frühere Arbeiten waren eher eine unbewusste Auseinandersetzung mit diesen Emotionen.

Teppich des Abschlussprojekts

Wie bist du zum Grafikdesign gekommen?
Vor ungefähr zehn Jahren, als ich noch im Gymnasium in Istanbul war, habe ich begonnen, mit den Modemagazinen, die ich damals hatte, Collagen zu machen und sie zu bemalen. Nach dem Schulabschluss war es meine Priorität, ohne einen genauen Plan zu haben, die Stadt zu wechseln. So bin ich durch meinen Freund auf Wien und die Universität für angewandte Kunst gekommen, wo ich mich für Malerei, Druckgrafik, Transmediale Kunst und Grafikdesign beworben habe. Meine Mappe wurde in drei von diesen Klassen aufgenommen und durch Schicksal bin ich dann letztlich in der Grafikdesign-Klasse gelandet.

Wie hat sich dein Arbeitsprozess seit dem Anfang geändert?
Als ich mit den Collagen angefangen habe, habe ich nur analog gearbeitet. Während meines Studiums habe ich gelernt, mit verschiedenen Gestaltungsprogrammen umzugehen und die Ästhetik von meinen bisherigen Collagen auch digital umzusetzen. Durch mein Praktikumsjahr bei Bureau Borsche habe ich mich dann in Bereich Print- und Layoutgestaltung vertieft und dadurch viel Erfahrung gesammelt, vor allem im Team als auch Kundenorientiert zu arbeiten.

Arbeit für Elfie Semotan

Welche Rolle spielen Körper und Nacktheit in deinen Arbeiten?
Ich würde es vielleicht nicht konkret als Körper oder Nacktheit definieren, aber zum Beispiel Modefotografie hat bei meinen Arbeiten sowohl als Inspiration als auch als Material bei der visuellen Darstellung des Unausdrückbaren eine große Rolle gespielt. Außerdem finde ich es wichtig, als Designerin die visuelle Kultur immer in Betracht zu ziehen und sie als Input zu nutzen. Bei meinen künstlerischen Arbeiten geht es eher um universelle Emotionen, die man je nach persönlichen Empfinden übersetzen sollte. Bei Designaufträgen ist sowieso ein ganz anderer Zugang, den ich in dem Sinne gar nicht beschreiben würde.

Collage für Super Paper

Gibt es ein Projekt, das du gerne mal umsetzen würdest?
Es hat sich so entwickelt, dass ich mich bis heute eher auf Printdesign konzentriert habe, aber je nach Idee kommen natürlich auch neue Mittel und Herausforderungen zum Einsatz. Aktuell arbeite ich an einem audiovisuellen Projekt ın Zusammenarbeit mit der Musikerin Mavi Phoenix, was für mich etwas ganz was Neues und Spannendes ist. Ich kann mır vorstellen, Projekte dieser Art auch in Zukunft umzusetzen.

Gibt es eine Arbeit, auf die du besonders stolz bist? Etwas, was du anders machen würdest?
Mein Abschlussprojekt. Vor allem weil es mich emotional sehr herausgefordert hat. Etwas Konkretes würde ich wahrscheinlich nicht ändern, aber natürlich könnte man jede Arbeit an das Jetzt neu anpassen. Was mir im Laufe der Jahre viel wichtiger geworden ist, ist die Dokumentation der fertigen Arbeiten. Darauf hätte ich mich früher mehr konzentrieren können.

Du lebst und arbeitest in Wien. Wie würdest du die kreative Szene da beschreiben?
Da bin ich sehr zwiegespalten. Ich kenne auch die Kunstszene in Istanbul und es gibt überall viele Talente, aber auch viele, die ich nicht unterstützen würde. Was ich schade finde: Dass es heutzutage machmal mehr darum geht, wenn man kennt, und dass das reine Talent nicht ausreicht. Dadurch ist es leichter, auch ohne Talent bekannt zu werden

valerijailcuka.com

Collage für Super Paper

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Collagen: Valerija Ilcuka

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