deutsche aktivistinnen verraten, worum es am frauentag wirklich geht

Warum Deutschland in Sachen Gender Equality noch einen langen Weg vor sich hat, erklären euch unter anderem Hengameh Yaghobbifarah und Trust the Girls.

von i-D Staff
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08 März 2017, 10:50am

Na klar, heute ist die Welt eine bessere für Frauen, als das noch zu Zeiten unserer Großeltern und Eltern der Fall war. Weil besser aber noch lange nicht gut genug ist, werden am heutigen Weltfrauentag auch dieses Jahr wieder Millionen Frauen für ihre Rechte weltweit auf die Straße gehen. Wir haben einige der führenden feministischen Stimmen Deutschlands gefragt, wofür sie protestieren — und warum wir Feminismus im Jahr 2017 immer noch so dringend brauchen. 

„Ich kann nur aus meiner Perspektive sprechen. Darüber was ich als fette, nicht-binäre, muslimische, queere Person of Color mit Behinderung erlebe. Für andere geht es vielleicht vor allem um die Tatsache, dass das Recht in Hinsicht auf sexuelle Belästigung so unglaublich rassistisch ist. Dass wenn sich ein Opfer gegen einen Täter ausspricht, das Opfer damit rechnen muss, dass sie abgeschoben wird, wenn sie keine deutschen Papiere hat — das kann ein Familienmitglied oder ein enger Freund sein. Das ist ein riesiges Problem für Women of Color, ganz besonders geflüchtete Frauen. Um dieses Problem zu lösen, brauchen wir ein Unterstützungs-System für Überlebende sexueller Gewalt und Gesetze, die Opfer schützen, ohne Sexismus gegen Rassismus auszuspielen. 

Für andere kann es heute um die Tatsache gehen, dass Pflegearbeit und emotionale Arbeit nicht ausreichend bezahlt wird, sodass ihre wichtige Arbeit nicht gewürdigt wird — und das einen negativen Effekt auf ihre mentale Gesundheit hat und zum Beispiel in einem Burn-out endet. Wir brauchen Arbeiterrechte und höhere Löhne für Menschen im Pflegesektor. Und: Anstatt Sexworker zu kriminalisieren, stigmatisieren und zu outen, müssen wir ihre Rechte verbessern."

Hengameh Yaghoobifarah, Aktivistin — Im Interview hier.

„Auf den ersten Blick haben Frauen die gleichen Möglichkeiten — zum Beispiel erfolgreich Karriere zu machen. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft tief beeinträchtigt von einem Androzentrismus, der angemessene Emotionen, Haltungen und Verhaltensweisen für Frauen festlegt. Die Frauen, die nicht in dieses Schema passen, sondern ihre eigene Form von Weiblichkeit leben wollen, haben es in dieser Gesellschaft schwer. Es ist wichtig, das Bewusstsein darüber zu stärken, dass diese sozialen Strukturen immer noch existieren — und Frauen Ideen zu anderen Perspektiven zu geben. Und da ist immer noch ein großes emotionales Problem: Neid. Wenn Frauen sich nicht vertrauen und gegenseitig unterstützen, wird immer die Missgunst siegen. Wir reden nicht über die Art von Feminismus durch Hashtags in Sozialen Medien oder darüber, ein feministisches Logo auf einem T-Shirt zu tragen — wir glauben an echte Lebenserfahrungen. Wie soll der Neo-Feminismus sich jemals als reale Erfahrung behaupten, wenn es niemand so richtig versucht?"

Women's Collective INNEN — Unser Gespräch mit der Frauenkollektive findest du hier

„Eines der Hauptprobleme, mit dem Frauen heute in meinem Land konfrontiert sind, ist der Mangel an Respekt, Wissen und Anerkennung für ihre Arbeit und ihre Fähigkeiten. Und ich rede nicht nur über Frauen in höheren Positionen und Frauen, die versuchen dort hinzukommen, sondern auch über die, die unsere Zukunft großziehen — unsere nächste Generation —, und über die, die das beides zur gleichen Zeit versuchen — Mütter. Es ist frustrierend, dass wir in dieser Zeit immer noch für Gleichberechtigung kämpfen müssen. Die (Super)-Mächte, die jede Frau in sich trägt, sind endlos und sollten als solche anerkannt und gefeiert werden. Es ist unsere Aufgabe UND die unseres Landes, eine Umgebung zu schaffen, in der jedes kleine Mädchen das Gefühl hat, dass es keine Grenzen dafür gibt, wer sie werden möchte und wir müssen sicherstellen, dass jedes einzelne Mädchen für ihre Erfolge gleich gefeiert wird, wie eine Person des anderen Geschlechts."

Dominique Booker, Gründerin Positiv / Negativ — Hier findet ihr den offenen Brief der Bloggerin zum Thema Rassismus.

„Als eine Woman of Color habe ich im Jahr 2017 das Gefühl, dass eines unserer größten Probleme Stereotypen sind. Es ist enttäuschend, zu sehen, wie weit wir immer noch gehen müssen, um uns zu beweisen. Viele Women of Color haben immer noch das Gefühl, keine Stimme in der Gesellschaft zu haben. Als ein Land sollten wir versuchen, Frauen, die eine breite Aufmerksamkeit verdient haben, zu pushen. Gleichzeitig sollten wir sicherstellen, dass unsinnige Stereotypen verschwinden."

Olive Duran, Black Life Matter Organisatorin Berlin — Unser Portrait zu Olive findet ihr hier.


„In Deutschland haben wir immer noch einiges zu tun, um ein soziales System der Gender-Gleichberechtigung zu erreichen, da hierzulande sexistische Ideologien in allen Teilen der Gesellschaft verbreitet sind, Sexismus in der Werbung und den Medien Bestand hält und gleiche Bezahlung ein unerreichtes Ziel bleibt (Frauen verdienen immer noch 20 Prozent weniger als Männer mit dem gleichen Job), Hygieneprodukte für Frauen sind voll versteuert, weil sie vor dem Gesetz nicht als Notwendigkeiten eingeordnet werden, Manager-Positionen werden zu großen Teilen immer noch von Männern innegehalten, Gender-Minderheiten wie Women of Color, Frauen mit Behinderungen und Transfrauen werden nicht mit Respekt behandelt und eine Frau wird immer noch eher in der Küche erwartet, als unter der Motorhaube eines Autos. Jetzt ist die Zeit, für einander aufzustehen, unsere Stimmen zu erheben für all diejenigen, die gelitten haben, für alle diejenigen, die Unterdrückung erlebt haben."

Trust the Girls — Die Gründerinnen erklären dir hier, wie Feminismus heute funktionieren kann.

Credits


Einleitung: Catherina Kaiser
Durchführung: Alexandra Bondi de Antoni
Foto: Liz Lemon via FlickrCC 1.0

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