via @filthyratbag

Wie haarige Achseln und Alltagsprobleme bei psychischen Problemen helfen

Die 16-jährige Künstlerin @filthyratbag illustriert die wirkliche Quarterlife Crisis.

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Aug. 2 2016, 7:50am

via @filthyratbag

Wer dem berühmten Instagram-Feed der Künstlerin Celeste Mountjoy aus Melbourne folgt, glaubt sicherlich eine Idee davon zu haben, was für eine Frau sich dahinter verbirgt. Ihre dunkel verzerrten Zeichnungen von Frauen, die trinken, feiern und der Selbstzerstörung frönen, wirken wie das Produkt einer alten Seele, die bereits alles im Leben gesehen hat—was vielleicht auch stimmen mag. Aber was du vielleicht nicht erwartet hättest, ist, dass Celeste erst 16 Jahre alt ist.

Unter dem Namen @filthyratbag begeistert sie ihre riesige Gemeinde aus Followern mit ihrer Fähigkeit, sich über gesellschaftliche Erwartungen, Konventionen und ihre eigenen persönlichen Unsicherheiten lustig zu machen. Ihre einfachen Linienzeichnungen sind Reflektionen über eine schwierige, aber unbestreitbar komische Welt und sind sicherlich sehr viel scharfsinniger als alles, was wir jemals während unserer Schulzeit gekritzelt haben.

Wann und wie hast du mit dem Zeichnen angefangen?
Ich war so ungefähr vier Jahre alt, glaube ich. Mein erstes Skizzenbuch stammt aus dem Jahr 2005 und darin sind hauptsächlich Zeichnungen. Meine Mutter hat sich mit mir hingesetzt und die Geschichten zu den Zeichnungen aufgeschrieben, weil ich noch nicht schreiben konnte. Sie hat einfach alles aufgeschrieben, was ich ihr gesagt habe. Das waren also Bilder mit Worten, was so ungefähr das ist, was ich auch heute noch mache.

Es ist verrückt: 2005 warst du vier Jahre alt. Was hast du damals so gezeichnet?
Ich habe gerne Geschichten über wirklich abgefuckte Beziehungen geschrieben—wie wunderschöne Prinzessinnen, die gezwungen werden, einen richtig hässlichen Typen zu heiraten. Witzigerweise habe ich am liebsten „hübsche" Frauen gemalt. Das ist heute anders.

Abgesehen von den hübschen Frauen, scheinst du deine großen Themen schon ziemlich früh gefunden zu haben. Wirst du mehr von anderen oder eher von deinem eigenen Leben beeinflusst?
Michael Leunig und David Bowie hatten schon immer einen großen Einfluss auf mich, aber ich lasse mich auch definitiv von den Leuten um mich herum und von meinem eigenen Leben inspirieren. Ich hatte schon immer mit Ängsten und traurigen, depressiven Stimmungen zu kämpfen, deswegen fällt es mir ziemlich leicht, darüber zu schreiben.

Erzähl mir, wie du Komik und Tragik in deinen Zeichnungen verbindest. Viele deiner Zeichnungen bieten einen sehr humorvollen Blick auf ziemlich erschütternde Momente
Wenn man zu ernst wird, erschreckt das die anderen. Ich glaube, es ist leichter, Dinge zu akzeptieren, wenn man es mit Humor macht. Manche Leute sagen vielleicht, dass man sich damit nur über psychisch kranke Menschen lustig macht, aber ich habe das Gefühl, dass sich Leute wohler fühlen, gewisse Dinge bei ihren Freunden anzusprechen, wenn man ernsten Themen etwas Unbeschwertes verleiht.

Es geht aber nicht immer nur um persönliche Probleme—du bist auch sehr politisch.
Als ich angefangen habe, Zeichnungen über politische Themen zu machen, war mir das gar nicht so bewusst. Die Themen waren mir einfach sehr wichtig, also habe ich sie in meine Kunst aufgenommen. Ich versuche, meine persönliche Meinung nicht zu sehr breitzutreten. Ich lasse gewisse Dinge weg, von denen ich keine Ahnung habe, weil ich mich nicht wohl dabei fühle, über etwas zu sprechen, was ich nicht selbst erlebt habe.

Damit muss man besonders vorsichtig sein, wenn man seine Arbeit und seine Meinung in den sozialen Medien teilt. Die Gegenreaktionen können brutal sein.
Ja, das habe ich auf alle Fälle gelernt, als immer mehr Leute anfingen, mir zu folgen. Wenn sich all die Meinungen von all den verschiedenen Leuten unter einem Post sammeln, kann das schon ziemlich beängstigend werden. Was aber interessant ist, ist, dass ich meine Arbeit selbst nie als kontrovers oder politisch betrachtet habe, bis ich sie veröffentlicht und mitbekommen habe, was die Leute dazu sagen.

Wie sind die Reaktionen im Großen und Ganzen so?
Als ich meine Arbeit zum ersten Mal veröffentlicht habe, was ich dreizehn oder vierzehn und hatte nur ein paar Follower. Aber ich habe den Eindruck, dass die Reaktionen damals sogar etwas rauer waren, weil ich noch so jung war und die Leute um mich herum ausgerastet sind, weil ich Frauen mit haarigen Achseln gezeichnet habe, die immer ziemlich viel tranken. Mittlerweile erreiche ich einfach ein breiteres Publikum, von denen mich viele anschreiben und mir sagen, dass sie sich darin wiedererkennen können und meine Arbeit lieben. Natürlich haben soziale Medien aber auch immer ihre Schattenseiten, wie irgendwelche alten Männer, die mich fragen, ob ich ihnen Fotos von meinen Füßen schicke und so was. Es ist hat alles seine Vor- und Nachteile.

Warum hast du den Entschluss gefasst, so offen mit deinen eigenen Erfahrungen mit psychischen Problemen umzugehen?
Man bekommt immer beigebracht, dass man psychische Probleme oder Gefühle gegenüber anderen Menschen oder angesichts der Situation, in der man gerade steckt, für sich behalten muss, weil man sich sonst blamiert oder als Freak abgestempelt wird. Aber wenn man seine Gefühle rauslässt, dann zeigt man damit auch, dass wir alle gewisse Erfahrungen machen und teilen und keiner damit allein ist. Die Möglichkeit zu haben, sich über menschliche Erfahrungen auszutauschen, anstatt sie einfach in sich hineinzufressen, ist für mich persönlich etwas äußerst Positives.

Es gibt immer mehr solcher wirklich persönlicher Arbeiten. Was glaubst du, sagt das über unsere Generation aus?
Ich denke, über unsere Generation wird wirklich viel Scheiße erzählt, weil wir angeblich so empfindlich, emotional und überdurchschnittlich expressiv sind. Aber soziale Medien bieten uns lediglich eine Plattform, um auszudrücken, wie wir uns fühlen. Diese Möglichkeit hatten frühere Generationen einfach nicht, obwohl sie sicherlich das Gleiche durchgemacht haben wie wir.

Genau! Wir sind nicht verrückt, wir sind nur sichtbarer. Wie kommt es, dass du all das schon begriffen hast, obwohl du erst 16 bist?
Viel davon habe ich sicherlich von meiner Mutter und anderen älteren Frauen, mit denen ich aufgewachsen bin. Meine Mutter hat schon immer ihr eigenes Ding gemacht und verlässt sich dabei niemals auf andere. Mir wurde schon immer beigebracht, dass ich als junge Frau mein eigenes Rollenvorbild sein kann. Das macht es sehr viel leichter, sich selbstbestimmt und autonom zu fühlen.

Es ist eine sehr schöne Vorstellung, sein eigenes Vorbild zu sein.
Wie schon gesagt, ich habe früher gern hübsche Mädchen mit riesigen Titten und schmaler Taille gemalt und war total gefesselt von diesem ganzen Schönheitsideal und all diesen perfekten, heißen Frauen. Aber als ich in die Pubertät kam, habe ich gemerkt, dass ich nicht so aussehe wie die Frauen, die ich zeichne. Also beschloss ich, sie zu verändern und sie mit schlaffen Brüsten, haarigen Achseln, Speckrollen und so weiter zu zeichnen, um mich damit selbst wohler in meiner Haut zu fühlen.

@filthyratbag

Credits


Text: Kasumi Borczyk
Foto: Screenshot von filthyratbag via Instagram