warum der tod zum leben gehört, erklärt léa seydoux

Wir haben mit der französischen Schauspielerin über das neueste Familiendrama von Xavier Dolan „Einfach das Ende der Welt“ und ihre lesbischen Fans gesprochen.

von Colin Crummy
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02 März 2017, 12:15pm

Es ist das typische Klischee: Man trifft einen Franzosen und spricht nicht übers Wetter, sondern gleich über die ganz großen Themen wie Leben, Tod und Kino. Aber genau darum geht es im Gespräch mit der französischen Schauspielerin Léa Seydoux, die die Welt mit ihrer Rolle in Blau ist eine warme Farbe erobert hat. Wir haben die Schauspielerin zum Interview getroffen und mit ihr über ihren neuen Film, den Tod und lesbische Fans gesprochen.

„Ich bin manchmal extrem entspannt, aber manchmal eben auch total nervös", sagt Léa Seydoux. Wir sitzen in einem Londoner Hotel und reden über ihren neuen Film Einfach das Ende der Welt. „Als ich jünger war, hatte ich vor allem Angst. Auch davor, zu sterben."

Sie ist das Gesicht des französischen Mode-Powerhouses Louis Vuitton und spielt so vielseitige Rollen wie kaum eine andere Schauspielerin im europäischen Gegenwartskino, von Blau ist eine warme Farbe bis zu ihrer Rolle als Bondgirl in Spectre. Man kommt nicht umhin zu denken, wie französisch Léa Seydoux ist.

Auch wenn den Franzosen das Image anhaftet, öfter über das Leben und den Tod nachzugrübeln, geben andere Gründe den Ausschlag, warum wir das Interview so beginnen. Zum einen erwartet Seydoux im Alter von 31 Jahren ihr erstes Kind. „Das ist schön", sagt sie über die Schwangerschaft. „Man fühlt sich entspannter. Das ist wie ein natürliches Beruhigungsmittel."

Und dann ist da noch Seydoux' neuer Film Einfach das Ende der Welt, ein Melodrama über eine Familie in einer existentiellen Krise. In dem neuesten Streifen vom Arthouse-Kino-Wunderkind Xavier Dolan, du kennst ihn vielleicht auch als Regisseur für Adeles Musikvideo zu „Hello", kehrt der junge und schwule Theaterautor Louis, gespielt von Gaspard Ulliel, zu seiner, ihm fremdgewordenen Familie zurück, um ihnen zu sagen, dass er bald stirbt. Seydoux spielt Susanne, die jüngere Schwester von Louis.

Auf dem Filmfestival in Cannes wurde der Spielfilm letztes Jahr mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Darin wird ein verstörendes, klaustrophobisches und unglaublich faszinierendes Sittengemälde einer Familie gezeichnet, in der zwar viel geschrien wird, aber die Wogen durch Dolan wieder glättet werden.

Dolans Vorliebe für Radiosongs hat Seydoux nicht gestört: „Ich mag irgendwie seinen Musikgeschmack", antwortet sie lachend. „Der ist manchmal ziemlich kitschig, aber das mag ich an ihm. Außerdem hat er keine Angst." 

Was hast du besonders an der Zusammenarbeit mit Xavier gemocht?
Er ist so voller Leben. Es ist einfach bewegend, jemanden zu sehen, der so am Leben hängt, obwohl er wie alle Angst vor dem Leben hat. Die Art und Weise, wie er für das Leben kämpft, ist extrem inspirierend.

Was hat dich so sehr an dem Projekt fasziniert?
Die Familie. Ich liebe sie als Thema. Für mich geht es in Filmen um die Dinge, die nicht gesagt werden, die Kunst das zu zeigen, was sich dahinter verbirgt. Jeder kann sich mit dem Film identifizieren, weil es darum geht, wie man seinen Platz in der Familie, in der Gesellschaft findet — und um die wichtigen Gefühle wie Frustration, Hoffnung, Verlangen und wie sich die Realität von Träumen unterscheidet. Wie es ist, wenn man die Realität konfrontiert, die man sich anders vorgestellt hat. Wie man sich dabei schützt. Ich habe noch nie einen Film darüber gesehen.

Vieles wird nicht ausgesprochen.
Das ist eine tragische Geschichte, so ist das Leben leider. Das kann jedem passieren. Man wird krank und stirbt. Man weiß das, aber die Realität ist doch ziemlich schmerzlich. Der Film berührt die Leute, weil er echt ist. Das ist kein Blockbuster. Es geht nicht einfach nur um pure Unterhaltung, sondern um Schicksale. Das ist echt und deswegen liebe ich den Film.

Die Figur, die du spielst, wirkt streckenweise unreif, aber dann doch wieder sehr weit für ihr Alter.
Sie ist jung, aber nicht jung jung, vielleicht 23 oder 24 Jahre. Sie wird im elterlichen Haus unterdrückt und ich bin mir nicht sicher, ob sie eine Zukunft hat. Die Charaktere besitzen kein wirkliches Bewusstsein für die eigene Person, außer Louis. Er ist sich bewusst, dass es schwer für die anderen ist, ihm zuzuhören.

Warum wird er verstoßen?
Er ist anders, seine Kultur, sein Stand und der Umstand, dass er sterben wird. Er gehört nicht in diese Welt. Wir, seine Familie, stellen uns vor, dass er in einer tollen Stadt lebt und dieser berühmte Autor ist. Kulturell unterscheidet er sich sehr von seiner Familie.

Kannst du das nachvollziehen?
Ich fühle mich manchmal auch von meiner Familie entrückt, auch wenn wir kultivierte Personen sind. Wenn ich zum Beispiel nach Hause komme, nachdem ich gereist bin, fühle ich mich anders, weil ich eine andere Welt gesehen habe. Die Familie fühlt sich dann manchmal ziemlich beengend an.

Viele Menschen, vor allem junge, lesbische Frauen, haben sich durch deine Rolle in Blau ist eine warme Farbe inspiriert gefühlt. Bist du dir dessen bewusst?
Ja, natürlich. Ich fühle mich den Charakteren, die ich darstelle, sehr verbunden. Es ist immer so, als ob ich mich die meiste Zeit selbst spiele.

Es gibt Leute, die sich in dich verliebt haben.
Wenn ich Fans treffe, sind immer auch lesbische Frauen dabei. Das ist so süß. Darauf bin ich sehr stolz. Während der Dreharbeiten habe ich mich lesbisch gefühlt. Mir gefällt die Vorstellung, dass sich Girls in mich verknallen. Als Schauspieler mag man die Leute, die sich in einen verlieben. Es ist schön, wenn man in Träumen von Leuten erscheint. Mir geht es genauso: Ich habe schon von anderen Schauspielern geträumt.

Einfach das Ende der Welt läuft jetzt im Kino.

Credits


Text: Colin Crummy
Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „IT'S ONLY THE END OF THE WORLD Trailer (Xavier Dolan - 2016)" von Watch My TraLaLa

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