wieso du nach diesem film schwangere mit anderen augen sehen wirst

In dem neuen Film „Prevenge“ von Alice Lowes geht es um eine Schwangere, die auf Befehl ihres noch ungeborenen Babys Menschen tötet. Die schwarze Komödie spielt mit den Klischees und gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter und Schwangere. Wir haben...

von Colin Crummy
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03 Februar 2017, 4:50pm

Alice Lowe war bereits im sechsten Monat schwanger, als ihr das Angebot gemacht wurde, einen eigenen Film umzusetzen. Davor hatte sie bereits am Drehbuch für Sighteers mitgewirkt. Es sollte ihr erster Film als Regisseurin werden, und sie hat gleich selbst die Hauptrolle übernommen. Am Ende der Dreharbeiten konnte sie sogar ihre neugeborene Tochter in einer Szene einbauen. Doch damit hat es mit den netten Geschichten auch erledigt. Denn der Film von Lowe ist als andere als  ein netter Film darüber, was es bedeutet schwanger zu sein.

Prevenge ist ein Horrorfilm über eine Frau, die glaubt, dass ihr noch ungeborenes Baby ihr befiehlt, Menschen umzubringen. Es ist außerdem eine schwarze Komödie, in der die britische Regisseurin alle modernen Klischees über die Menschen auf der Insel auf die Schippe nimmt. Neben Humor geht es in dem Film darum, die Klischees über Schwangere zu enttarnen und sie eben als knallharte Mörderin zu zeigen. Ganz allgemein berührt es nämlich die Frage, wie es um Frauen in der Filmindustrie allgemein bestellt ist. Wir haben uns mit Alice Lowe über ihren neuen Film, Klischees und die Situation von Frauen in der Filmindustrie unterhalten.

Wie kam es zu dem Film?
Ich habe zusammen mit Regisseur Jamie Adams an Black Mountain Poets gearbeitet. Er hat mich danach angerufen und mich gefragt, ob ich einen anderen Film machen möchte. Ich war bereits im sechsten Monat schwanger und dachte mir, dass ich es einfach machen sollte. Ich habe die Idee, dass eine hochschwangere Frau auf einen zweimonatigen Rachefeldzug geht, gepitcht. Ich habe damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: mein Baby und einen Film unter einen Hut zu bekommen.

Wie kommt man auf so eine Idee?
Der Gedanke, schwanger zu sein, ist für eine Schauspielerin ziemlich beängstigend. Freunde haben mir gesagt, dass ich das keinem sagen soll, weil ich würde keine Jobangebote mehr erhalten. Das war schrecklich. Ich werde nicht nur ein Baby bekommen, sondern auch keine Arbeit mehr haben. Ich bin Freelancerin und hatte erstmal eine existentialistische Sinneskrise. Was würde ich tun, wenn ich nicht mehr in der Filmindustrie arbeiten würde? Können Mütter überhaupt Regisseurinnen sein? Das ist eine große Verantwortung und die Arbeitsstunden sind alles andere als familienfreundlich. Ich dachte mir dann einfach, dass das genaue Gegenteil von dem, was man erwartet, überraschend sein würde. Man zeigt eine Schwangere eben nicht als Mensch, der die ganze Zeit nur an die Babynamen denkt. Mein Charakter ist wütend, nachtragend und besessen von der Vergangenheit und dem Tod. Sie ist eine Frau, die bald einen Menschen in die Welt setzt, aber vom Tod anderer besessen ist.

Hast du dir vorher Sorgen darum gemacht, dem Publikum eine unsympathische Frau vorzusetzen?
Schwangeren Frauen wird immer ein Mindestmaß an Sympathie entgegengebracht. Die Herausforderung bestand deswegen darin, das zu durchbrechen. Der erste Mord ist schockierend. Man ist eher daran gewöhnt, dass der Mann der Mörder ist und die Frau das Opfer oder dass weibliche Charaktere immer nett sein müssen. Ich spiele mit diesen Erwartungshaltungen. Das habe ich als Schauspielerin und Autorin erlebt: Man macht sich Sorgen darum, dass sie nicht nett genug ist. Männer stellen sich solche Fragen nicht in dem gleichen Maß. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob sie nett ist oder nicht. Warum sollen sie andere mögen müssen? Der Charakter kann für den Zuschauer trotzdem interessant genug sein, um einen Film anzuschauen.

Warum stellen wir überhaupt all diese Fragen, wenn es um weibliche Charaktere geht?
Das hat vielleicht etwas mit der Rolle als Mutter zu tun, weil man eine Mutter mit dieser unterstützenden, aufopferungswilligen Frau verbindet. Ein Mensch, der existiert, um anderen zu helfen. Aber Frauen bekommen heutzutage immer später Kinder, manche wollen auch gar keine. Frauen haben ihre Jobs und ihre eigenen Persönlichkeiten. Männer können auch diese Eigenschaften haben, aber wir assoziieren sie nicht mit ihnen. Frauen werden oft nur als Requisiten für Männer eingesetzt. Der Mann ist der Charakter, der handelt, und der das macht, was er machen will.

Du stellst Schwangerschaft auf sehr drastische Weise dar. 
Ich wollte etwas Neues probieren und eine Schwangere eben nicht als diese zerbrechliche, süße, domestizierte Frau zeigen.

Wonach hast du entschieden, wen du umbringst?
Die Charaktere sollten narzisstisch und selbstsüchtig sein. Das hat echt Spaß gemacht, mir diese archetypischen Menschen auszudenken, von denen sie denkt, dass sie der Gesellschaft schaden. Sie möchte kein Kind in eine Welt setzen, in der solche Menschen existieren. Man sollte diese Menschen aber liebend gern hassen können, damit man sie auch gerne sterben sieht. Das sollte einfach so wirken, dass man froh ist, dass sie weg sind und man sich denkt: Nun mach schon, bringe sie schneller um.

Credits


Text: Colin Crummy
Foto: Screeshot von YouTube aus dem Video „Prevenge OFFICIAL TRAILER - Alice Lowe Movie" von KaleidoscopeEnt

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