Eva trägt Tim Labenda (durchgehend). Schuhe: Adidas. 

„man braucht nun mal keine 100 designer in berlin"

Von Tim Labenda kann der deutsche Modenachwuchs noch viel lernen. Und wir sprechen nicht nur von seiner unverwechselbaren Handschrift, sondern vor allem von seiner spürbaren Ehrlichkeit und seinem gesunden Pragmatismus.

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23 November 2015, 1:20pm

Eva trägt Tim Labenda (durchgehend). Schuhe: Adidas. 

Schuhe: Nike.

Deutschland bezieht seine modische Bildung aus dem Fernsehen. Der Großteil zumindest. Wolfgang Joop, Heidi Klum und Guido Maria Kretschmar entscheiden da, was gute Mode ist, was guter Stil ist und wer ein gutes Model ist. Tim Labenda - einer, der nach internationaler Definition tatsächlich Modedesigner ist - sitzt dienstags um 20:15 Uhr selbst vor dem Bildschirm und schaut „diese Nähshow" mit Mode-TV-Darling Guido. „Das muss ab und zu auch mal sein", erzählt er lachend. Dass Modeformate im TV aber hin und wieder auch ernstzunehmende Mode enthalten können, dafür ist er dann gleich selbst das beste Beispiel. 2013 war er einer von 21 Teilnehmern bei der von Claudia Schiffer moderierten ProSieben-Show „Fashion Hero". Die Einschaltquoten waren mies, aber Tim war großartig. „Ich hatte da fünf sehr schöne Wochen", resümiert er bei unserem Gespräch. „Perspektivisch und finanziell war die Sendung für mich ein voller Erfolg. Was anschließend tatsächlich ausgestrahlt wurde, war aber langweilig. Es ging nicht mehr um die Entstehung einer Kollektion." Und tatsächlich wurde wenig gezeigt vom Designprozess der Teilnehmer. Die meiste Sendezeit ging für die narzisstischen Selbstdarsteller drauf, die definitiv nicht immer die besten Kollektionen zeigten. „Würde ich sowas nochmal machen, würde ich mich vielleicht auch mehr ausschlachten", überlegt er. Ich glaube ihm das nicht. Tim hat das nämlich nicht nötig. Das findet auch die Chefredakteurin der deutschen Vogue Christiane Arp.

Zwei Jahre später ist Christiane - so nennt Tim sie - noch immer eine seiner größten Förderinnen. Sie hat ihn aus dem TV-Format direkt in den Vogue Salon zur Berlin Fashion Week eingeladen und ihn davon überzeugt, in Zukunft Damen- statt Herrenmode zu machen. Zwei Jahre später ist er mit seiner eigenen Damenkollektion eines der Highlights beim Berliner Mode Salon und präsentiert außerdem seine erste Herrenkollektion für die nachhaltige Modemarke Hessnatur während der Vogue Fashion's Night Out in Düsseldorf. Natürlich kam die Chefredakteurin, inklusive Entourage, in den Hessnatur-Store, um ihrem Schützling zu gratulieren - mit einer Attitüde, die wie mütterlicher Stolz wirkte. „Christiane steht zu ihrem Wort", so beschreibt der 28-jährige Designer seine Förderin. „Wenn sie sagt, dass sie am Morgen vor dem Berliner Mode Salon das Styling für mein Lookbook machen wird, dann kann man sich darauf verlassen." Das ist für die Saison Herbst/Winter 2015/16 tatsächlich so gewesen. Jede Saison fährt er außerdem mit seinen neuen Kreationen zu ihr und holt sich vorab der Präsentation ihren Rat. Was gefällt, was fehlt, was kann man ergänzen? „In 100 Prozent der Fälle hat sie mit ihren Anmerkungen Recht."

Eigentlich will die Kundin heute genau das, was auch die Presse von Tim Labenda will: Teile, die anders sind. Keine Basics. „So wie der Pullover, den du dir dieses Jahr bei mir gekauft hast", erinnert er sich. Tatsächlich ist mein Pullover ein ausgezeichnetes Beispiel für die Mode von Tim Labenda: ein Patchwork-Sweater aus rosafarbenem Kuscheltierfell und hochwertigen Wollqualitäten - und ein Teil, das ich sonst nirgendwo anders bekommen hätte. Mit seinen Kollektionen möchte er Lebensräume schaffen, wie es die Architektur macht. „Mode ist natürlich intimer, weil sie direkt am Körper ist. Trotzdem ist sie ein Raum, den du selber füllst und damit deine Persönlichkeit unterstreichst." Meinen Pullover werde ich füllen, wenn in Deutschland endlich der Winter ausbricht. Wir einigen uns darauf, dass die Temperaturen schnell sinken sollen. Sonst hätte ich besser schon in die Sommerkollektion 2016 investiert. „Wanderlust" ist ihr poetischer Name. Mit ihr transportiert der Designer die Natur in den Alltag - mit großen Taschen, spannenden Texturen sowie großzügigen und präzisen Schnitten. Diese Attribute beherrscht er meisterlich und damit sticht er aus der modemachenden Masse in Berlin heraus. Denn es ist ja so: Eine unverwechselbare, eigene Handschrift kann man sehr wenigen Designern in Berlin wirklich zuschreiben. „Man braucht nun mal keine 100 Designer in Berlin", ist sich Tim bewusst. Das klingt brutal, aber auch ehrlich. Und es ist wahr. „Durch Shootingstars wie Alexander Wang werden einem Beispiele vorgelebt, nach denen man auch in Berlin strebt. Auf 100 Designer kommen aber vielleicht drei Erfolgsstorys."

Tim sieht das Jungdesigner-Dasein auf eine kluge Art pragmatisch. Von seiner Wahlheimat Würzburg ist er erst kürzlich in die deutsche Hauptstadt (Kreuzberg) gezogen. Dass das Gespräch dann früher oder später auf die Bedeutung der Berliner Mode fällt, ist unumgänglich. Auch hier zeigt Tim eine sympathisch gesunde Einstellung. Macht ihm das Ende von Achtland, ein Label, das vor gut einem Jahr noch von der Modepresse überschwänglich gefeiert wurde, keine Angst? „Nein." Die Unvorhersehbarkeit und Schnelligkeit der Branche, die vor allem international zu erkennen ist, beschäftigt ihn viel mehr. Da atmet er auch während des Gesprächs das ein oder andere Mal tief durch und überlegt gut, bevor er antwortet. „Es ist natürlich furchtbar, welche Entzauberung hier gerade stattfindet. Und darum ist Mode auch heute oft nicht mehr so umwerfend." Wie bewahrt er den Zauber in seinen eigenen Kollektionen? „Ich entwerfe im Schnitt nur fünf Kollektionen im Jahr." Da sind zwei für sein eigenes Label, zwei für Hessnatur und meist noch eine Capsule Collection für einen Online-Shop wie brands4friends in diesem und Zalando im vergangenen Jahr. „Damit bin ich noch keine Ideenmaschine, die in einer Fabrik funktionieren muss. Aber es kann ja auch nicht jeder Designer einfach machen, worauf er Lust hat. Niemand hat Lust, ganz stupide Handtaschen zu entwerfen."

„Es ist aber natürlich blauäugig zu denken, dass man sich mit dem eigenen, kürzlich gegründeten Label finanzieren kann," weiß der Designer. Das erfordert schon noch mehr Arbeit. Und die hat Tim Labenda bei der konsequent nachhaltigen Naturmode von Hessnatur gefunden. Eigentlich hat man ihn gefunden. Hier ist er seit einem Jahr für die Männerlinie verantwortlich. Seine erste Kollektion ist die der Saison Frühjahr/Sommer 2016. Schlichte Chinos, Strickpullover und Hemden, deren Raffinesse erst im Detail erkennbar werden. „Bei Hessnatur habe ich Vorgaben, besonders im Bezug auf die Materialien, an die ich mich halten muss. Da kann ich auch nicht machen, was ich will. Das erleichtert mir aber auch die Arbeit, denn jede Vorgabe nimmt mir auch eine Entscheidung ab." In der Mode von Hessnatur sieht er sich auch selbst. „Einige Teile habe ich schon fast für mich entworfen." Und wie ist das mit seinen eigenen Damenkollektion? An welches Frauenbild denkt er, wenn er entwirft? Vielleicht an eine Frau, die er gerne wäre? „Nein." Da muss er lachen. „Ich finde die Tim-Labenda-Frau cool, aber ich wäre in ihrer Rolle nicht gut aufgehoben." Er beschreibt sie als unabhängig, intellektuell und selbstsicher. In seiner Idealvorstellung ist sie Autorin, Galeristin oder Künstlerin. „Sie verkörpert Facetten, auf die ich selbst Wert lege. Manches entspricht aber auch gar nicht mir." Am Dienstagabend würde sie eine Vernissage oder Lesung wahrscheinlich Guido Maria Kretschmar im TV vorziehen.

timlabenda.com

Schuhe: Adidas. 

Schuhe: Doc Martens.

Credits


Text: Lisa Riehl 
Fotos & Styling: Alexandra Bondi de Antoni 
Make-up: Jana Kalgajeva
Model: Eva Collié