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von healthgoth bis kawaii: ein intimer einblick in die vielfalt musikalischer subkulturen

Die Filmemacherin Jenn Nkiru stellt in vier Kurzfilmen viel Musikgenres vor, die unterschiedlicher nicht sein können. Wie sie das gemacht hat, erklärt sie uns hier.

von Alexandra Bondi de Antoni
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24 Februar 2017, 10:45am

Was haben Gqom, Healthgorth, Grime und Kawaii gemeinsam? Auf den ersten Blick eher weniger. Schaut man jedoch auch nur ein bisschen genauer hin, wird einem klar, dass diese Genres das sind, was den musikalischen Untergrund der letzten Jahre geprägt hat und mittlerweile zum weltweiten Phänomen geworden ist. In der zweiten Staffel von H∆SHTAG$ der Red Bull Music Academy wird genau dieser Prozess beleuchtet. Die Keyplayer, Musiker und auch Journalisten kommen zu Wort und erklären in ihren eigenen Worten — unterlegt von schnell geschnittenen Bildern und natürlich viel Musik —,  was diese Musikströmungen zu etwas so besonderem machen. 

Hinter den vier Kurzfilmen steht die junge Regisseurin Jenn Nkiru, die einmal um die ganze Welt gereist ist, um so tief wie möglich in diese Genres einzutauchen und die möglichen Parallelen zwischen ihnen zu erkunden. „Mich haben schon immer Welten interessiert, die sonst nichts miteinander zu tun haben, die aber trotzdem Berührungspunkte haben. Wie sieht das aus, wenn diese Welten sich berühren? Wie hört sich das an? Und genau dafür stehen diese Subkulturen. Sie verbinden kulturelle, geografische, musikalische und ästhetische Unterschiede", erzählt sie. Was die besonderen Herausforderungen bei den Dreharbeiten waren, welchen Stellenwert Musik in ihrem Leben hat und wie sich sie in der Debatte über die Beziehung von Black Cinema und der Filmindustrie einsetzt, hat sie uns im Interview verraten. 

Foto: Joel Honeywell

Mich fasziniert, dass die Videos einen ähnlichen Look & Feel, dabei aber dennoch ihre eigene Identität haben. Erzähl mir mehr über die Visuals. Und wie würdest du deinen kreativen Prozess beschreiben?
Ich bin froh, dass du das ansprichst, weil das genau meine Absicht war. Ich wollte bei der Reihe experimentell sein. Das Publikum sollte bei jeder Folge in die Welt einer anderen Subkultur transportiert werden — was den Inhalt und die Form der Episoden selbst angeht. Jede Folge sollte eigenständig sein, aber auch als Ganzes Sinn ergeben und die größere Frage beantworten, wie Technologie musikalische Subkulturen beeinflusst.

Mich interessiert das Spannungsverhältnis zwischen Analog und Digital — wie reagieren die beiden aufeinander? Läuft der Wechsel von Analog zu Digital friedlich ab? Oder gibt es da Unruhe? Das sind die Fragen, die mich interessieren. Deshalb gibt es in den Folgen kleine Störungen und Referenzen an ältere Technologien aus den 80ern und 90ern, wie VHS und PC-Computer, eben ältere Computersounds, und aktuelle Entwicklungen wie Social Media und populäre Apps. Ich glaube, dass H∆SHTAG$ auf einem gewissen Level die Auseinandersetzung zwischen Alt und Neu, Analog und Digital zeigt und wie wir als Menschen dabei noch unseren Platz finden müssen. Es ist eine spannende Zeit und was für eine Rolle die Technologie spielt, ist noch interessanter.

Was interessiert dich am meisten an diesen Genres?
Mich haben schon immer Welten interessiert, die sonst nichts miteinander zu tun haben, die aber trotzdem Berührungspunkte haben. Wie sieht das aus, wenn diese Welten sich berühren? Wie hört sich das an? Und genau dafür stehen diese Subkulturen. Sie verbinden kulturelle, geografische, musikalische und ästhetische Unterschiede. Das macht sie für mich auch so individuell, interessant und schön.

Erinnerst du dich an etwas besonders Schräges oder Gutes während der Dreharbeiten?
Es gab so viele Momente! Die Dreharbeiten haben so viel Spaß gemacht. Die Gqom-Folge aus Südafrika ist mein Favorit. Wie all diese jungen Kids mit so wenig Equipment so viel neue Sounds geschaffen, war inspirierend. Ich habe dadurch viel Neues über meine eigene Arbeit gelernt. Wir sind manchmal einfach zu maximalistisch. Manchmal ist weniger mehr. Südafrika war das erste Land, in dem wir gedreht haben. Das hat den Ton für die gesamte Reihe gesetzt.

Besonders lustig war eine Begegnung in Südafrika: Ich habe mit einer kleinen Crew gedreht, es war meistens nur ich und mein New Yorker Cinematographer Motheo Moeng mit südafrikanischen Wurzeln. Wir sind gleich am ersten Tag in Durban in die Townships gegangen. Wir standen an der Klippe neben dem Haus von einem der Musiker, um ein paar Aufnahmen zu machen. Es gab da Rinder und einen wütenden Bullen, der uns nicht sonderlich gemocht hat und plötzlich auf uns zugerannt ist. Ich stand da und dachte mir, dass das nicht das Ende sein kann, also blieb ich ruhig und still. Aber er rannte weiter auf uns zu. Motheo griff mich dann am Arm und wir rannten. Unser Fahrer und Local Producer hat uns gesehen, aber nicht gehört und dachte sich, dass es so schlimm nicht sein kann, deshalb hat er uns nicht gerettet. Zum Glück haben wir es geschafft, dass der Bulle seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkt und wir schneller waren. Das war ein verrückter erster Drehtag!

Welche Musik hörst du beim Arbeiten?
Ich bin audiophile und höre mir alles an. Musik ist eine meiner Leidenschaften. Ich habe eine Playlist, die ich immer höre, wenn ich den Kopf freibekommen muss, um mich inspirieren zu lassen. Das passe ich dem Vibe und der Energie an, die ich mit meinen Arbeiten kreieren möchte. Das ist eine instinktive Sache. Für diese Reihe habe ich die Musik der Musiker auf Dauerschleife gehört, während ich über jede Folge nachgedacht habe und das Konzept geschrieben habe. Aber die folgenden Namen findet man mindestens auf meiner Playlist: J Dilla, Tholonious Monk, Kendrick Lamar, Prince, The Smiths, Michael Jackson, Missy Elliot, Dwele, The Internet, A Tribe Called Quest, Sun Ra, NERD, Hiyatus Kiyote, Jaco Pastorius und so viele andere.

Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben?
Mit der Musik verbinde ich all meine Ideen und Gefühle. Ich habe noch nie ohne Musik ein Konzept geschrieben. Das gehört einfach zu meinem kreativen Prozess dazu. Wir alle haben doch alle so viele unterschiedliche Seiten an uns. Wir sind alle vielschichtiger, als wir das die meiste Zeit realisieren. Die Folgen sprechen verschiedene Aspekte meiner Persönlichkeit an. Wenn ich wütend bin, höre ich Grime. Wenn ich mich verlieren und spirituell fühlen möchte, höre ich Gqom. Wenn ich die Themen Weiblichkeit und Dark Beauty erkunden möchte, ist es Kawaii. Wenn ich mich mit Technologie beschäftige und mich der Beziehung zwischen Nostalgie und Zukunft auseinandersetze, ist es Healthgoth.

Wie erklärst du Musik mit Bewegtbildern?
Musik ist eine universelle Sprache. Wie mit jeder anderen Sprache auch, verstehen Menschen sie, sie können sie fühlen. Mir war es bei der Umsetzung sehr wichtig, dass die Musik und die Visuals eine harmonische Einheit bilden. Sie sollen sich gegenseitig unterstützen und Gefühle in anderen hervorrufen, ob es Freunde oder Aufregung ist. Denn an dem Punkt identifizieren sich Menschen damit auf einem emotionalen Level. So bekommt es für die Menschen eine Bedeutung.

Ich habe auf deinem Instagram gesehen, dass du dich in der Debatte über die Beziehung zwischen Black Cinema und der Filmindustrie engagierst. Wie weit sind wir gekommen und was muss noch getan werden?
Es muss noch viel getan werden, aber wir kommen da langsam hin. Kleine Veränderungen sind in der Zwischenzeit passiert. Wir müssen alle, unabhängig von unserer Hautfarbe, den Status quo infrage stellen. Lange Zeit hat der Glaube vorgeherrscht, dass sich das Publikum nur mit bestimmten Geschichten identifizieren kann. Danach wurde entschieden, ob sie es wert sind, im Kino gezeigt zu werden. Das hat sich besonders in den letzten Jahren verändert. Dieser Glaube ist als Irrglaube entzaubert worden. Das Publikum zeigt, dass sie alternative Geschichten und Perspektiven sehen möchten. Das sind die Art von Geschichten, die bis vor Kurzem nicht im Kino zelebriert wurden. Moonlight  ist das aktuellste und beste Beispiel dafür. Die Geschichten von People of Color wurden ignoriert. Das hat sich geändert. 

Damit sich die Dinge weiter verbessern, müssen wir die Machtbasis vergrößern. Es muss mehr Menschen in Entscheidungspositionen geben, die darüber wachen, welches Projekt das grüne Licht erhält und wer Aufträge bekommt. Je mehr Menschen aus unterschiedlichen Ecken, mit andere Hautfarben, Geschlechtern und Elternhäusern, in diesen Positionen sind, desto eher werden wir eine größere Bandbreite an alternativen Geschichten erleben. Jeder muss sich wiederfinden können, denn damit wird die eigene Existenz begreiflicher. Wir möchten Geschichten sehen, die unsere Menschlichkeit und unsere Gesellschaft zeigen. Und diese Geschichten müssen bunt sein. Es gibt viel mehr, dass uns alle verbindet, als das uns trennt. Das Leben wird doch so nur interessanter.

Was war die größte Herausforderung in deinem Leben? Und wie hast du sie gemeistert?
Die größte Herausforderung als Regisseurin war es, die alten Herrn in der Industrie von meinem Können zu überzeugen und dass ich weiß, worüber ich rede. Ich weiß ganz genau, was ich will und wie ich das erreichen kann. Aber manchmal fühlt sich das so an, dass ich immer in der Position bin, mich beweisen zu müssen. 

Ich sehe nicht aus wie der typische Regisseur: Ich bin kein Mann und habe keinen Bart, sondern ich bin jung, eine Frau und schwarz! Außerdem ist das für die meisten oft eine neue Ästhetik und für einige in der Industrie ist es schwer, das zu verstehen und sich daran zu gewöhnen. Der bloße Fakt, dass jemand wie ich in dieser Position ist und diese Arbeit macht, ist revolutionär. Ich arbeite in einer Branche, in der man leider nicht genug People of Color sieht. Deshalb ist mir meine Rolle und meine Sichtbarkeit sehr wichtig. Diese Herausforderung meistere ich, in dem ich ständig Filme mache, die andere Außenseiter wie mich dazu ermuntert, das Gleiche zu tun.

jennnkiru.com

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Foto: via Red Bull