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der tod der spontanität in der schwulen-community

Sorgen Apps wie Grindr dafür, dass Sex zu einer Ware wird und zerstören sie den Spaß am Zufall, von dem die Schwulen-Community lebt?

von Amrou Al-Kadhi
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27 Oktober 2016, 8:15am

Als Teenager bin aus dem Mittleren Osten nach London gezogen. Ich bin in Dubai aufgewachsen—dort ist Homosexualität illegal. Das Großstadtleben besteht hauptsächlich aus riesigen Shoppingmalls und Info-Points an jeder Ecke. Wenn ich zurückfliege (was ich kaum tue), überwältigt mich jedes Mal wieder ein Gefühl der Enge. Nicht nur, dass es Orte für Schwule nicht gibt, sondern es gibt auch keine Straßen zum Verweilen oder Plätze, an denen man sich verlieren kann—für mich ist das für eine lebendige Stadt entscheidend. Wenn ich da bin, ist die schwule Dating-App Grindr ein Zeichen der Hoffnung. Wenn man es diskret (und in Sicherheit) machen kann, steht einem so eine klimatisierte Parallelwelt offen.

Weil in Dubai alles so reguliert ist, kann Grindr für Schwule eine Befreiung sein. Aber ich befürchte, dass die App alles ruiniert, was ich an London liebe. Als ich nach meinem Coming-out endlich von zu Hause ausgezogen bin, war die britische Hauptstadt für mich ein Spielplatz voller Möglichkeiten. Aus dem Nichts heraus kann man spontan surreale Erfahrungen machen und einfach nur dadurch, dass man herumläuft, kann man neue Bekannte kennenlernen und neue Abenteuer finden. Grindr versucht, diesen Akt des Entdeckens und des Kennenlernens digital nachzuahmen. Männer sind für den User überall nur einen Klick weit entfernt. Hier sind nur ein paar der Dinge, denen ich auf meinen virtuellen Spaziergängen begegnet bin: "Nur Weiße. Keine Terroristen, Schlitzaugen oder Kanaken. Keine Tunten", (das ist ein Zitat von einem Grindr-Profil), und „Stehe nur auf athletische Typen, rasierte, unbehaarte und muskulöse Ärsche und Beine. No-Gos: Twinks, Hungerhaken und haarlose Typen" (auch von einem Grindr-Profil).

Im Gegensatz zu den städtischen Labyrinthen, die für Überraschungen sorgen können, haben Grindr-User das Privileg, sehr genaue Angaben über ihre sexuellen Vorlieben machen zu können, sie können sich ihre Online-Erfahrung selbst zusammenstellen. Man ordnet sich in unterschiedliche "Tribes", also Kategorien, ein. Ist man eher "Clean-cut", ein "Bear", ein "Geek" oder ein "Jock"? Wie durch die oben erwähnten Zitate deutlich wird, kann man sehr genau einstellen, worauf man steht und worauf nicht, was ganz normal ist in der App. Man kann andere User nach einer bestimmten Größe, einem bestimmten Gewicht, Typ, Alter und Figur filtern.

Man kann sehr genau einstellen, worauf man steht und worauf nicht, was ganz normal ist in der App. Man kann andere User nach einer bestimmten Größe, einem bestimmten Gewicht, Typ, Alter und Figur filtern.

Zwar wird diese Kategorisierung sexueller Vorlieben als digitale Freiheit dargestellt, aber sie bewirkt das genaue Gegenteil: Der Zwang, sich selbst nach so einfachen Kategorien zu definieren—oder definiert zu werden—, führt zu einem Gefühl der Isolation. Vielleicht nicht bei den maskulinen, weißen, athletischen Cis-Männern. Aber was ist mit denen, deren Identitäten sich nicht so einfach in Schubladen einordnen lassen? Ich zum Beispiel. Ich bin ein schwuler Drag-Performer aus dem Irak und erhalte viel Hass auf Grindr, weil ich "zu feminin und zu arabisch bin, um fickbar zu sein." Und weil ich nicht in die beliebteren Kategorien falle. Ein Transgender-User, der anonym bleiben möchte, hat mir seine Geschichte erzählt: "Viele von uns Transgender-Usern setzen das Häkchen nicht bei Transgender, weil wir sonst als wertlos angesehen werden und von uns deswegen erwartet wird, unterwürfig zu sein."

Grindr präsentiert sich selbst als Spielplatz der Vielfalt, auf dem unterschiedliche Identitäten Platz haben, doch das ist irreführend. Es ist ein Spielplatz, ja, aber einer auf dem gemobbt wird. Wie in der realen Welt auch, kommen so die weißen, nicht-behinderten Cis-Männer mit fast allem auf Grindr davon. Eine strikte Kategorisierung von Leuten, auch in einer App, führt zu mehr offenen Vorurteilen. Deshalb ist es problematisch, Körper und Identitäten—Dinge, die so endlich komplex sind—in starre Schubladen zu pressen.

Problematisch ist auch, dass Sex durch Grindr zu einer Ware, zu einer Transaktion gemacht wird. Die User werden zu Konsumenten und zu Produkten, die ihre sexuellen Vorlieben angeben und sich als begehrenswertes Etwas verkaufen. So läuft es für mich üblicherweise auf Grindr ab: Entweder schreibe ich einen User an oder ich werde angeschrieben, dann chatten wir. Wenn der Chat nicht rassistisch oder homophob endet, schreiben wir über unsere sexuellen Vorlieben, wir tauschen Fotos von unserem Gesicht und unserem Körper aus und wenn beide zustimmen, dann gibt es an diesem Abend Sex. Diese Vereinbarung zum Sex kommt mit einem Mann zustande, der an diesem Punkt nur virtuell existiert. Jedes Mal, wenn ich dann jemanden treffe, bin ich schockiert, dass aus einem Profilbild ein Mensch aus Fleisch und Blut wird. Und das turnt mich meistens immer ab.

Grindr und die Kultur, für die diese App steht, sorgt für eine Vereinheitlichung zwischenmenschlicher Erfahrungen und verwandelt sie in auf Zahlen basierte Transaktionen.

Ich stehe einfach nicht drauf, Fotos hin- und herzuschicken, ein wenig zu chatten und dann zu tun, als könnte es das Kennenlernen und die Chemie zwischen zwei Körpern in der realen Welt ersetzen. Natürlich hat jeder von uns seinen Typ und seine Vorlieben. Wen wir körperlich attraktiv finden, hängt oft vom Zufall ab. Und es kann auch an Faktoren liegen, über die wir uns gar nicht bewusst sind, wie die Feinheiten der Körpersprache zum Beispiel. Unsere spezifische Konsumkultur, auf der Grindr aufbaut, zerstört die Körperlichkeit einer zufälligen Begegnung und setzt an deren Stelle diese speziell zugeschnittenen Online-Erfahrungen.

Grindr ist natürlich ein gay space, es ruiniert aber den Spaß an der Spontanität, von der queere Orte in der Offline-Welt leben. Stattdessen sorgt die App für fragmentierte Identitäten. Vor dem Siegeszug der digitalen Bestimmtheit haben schwule Orte ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt und die Leute eben nicht in Tribes eingeteilt. Olivia Laing geht dem Thema auf brillante Weise in ihrem Buch The Lonely City: Adventures in the Art of Being Alone nach. Darin blickt sie zurück auf das New York vor der Gentrifizierung und auf die schwulen Orte, in denen sich ein buntes Spektrum an Männern in einer nicht-hierarchischen Umgebung gemeinsam getroffen haben und daran den Zufall geschätzt haben.

Digitale Bestimmtheit und das Gefühl, dass wir woanders immer das finden werden, wonach wir suchen, führt zum Tod der Spontanität. Grindr ist nur ein Symptom, dass die Grundpfeiler, auf denen westliche Großstädte ruhen—Städte, die nur so vor Möglichkeiten, das Unbekannte zu entdecken, strotzen sollten—zerbrechlich sind. Grindr und die Kultur, für die diese App steht, sorgt für eine Vereinheitlichung zwischenmenschlicher Erfahrungen und verwandelt sie in auf Zahlen basierte Transaktionen. Wir sollten stattdessen wieder auf den Zufall vertrauen und uns überraschen lassen. Es warten schöne Dinge auf uns.

@glamrou

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Credits


Text: Amrou Al-Kadhi
Foto: via Flickr