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wie du modekritiker wirst … von anders christian madsen

Bevor der i-D Fashion Features Director Anders Christian Maden zu den unzähligen Fashionshows und Showroom-Besichtungen aufgebrochen ist, um die Womenswear-Kollektionen für Frühjahr/Sommer 2017 zu entdecken, zu besprechen und zu zerreißen, hat er uns...

von Anders Christian Madsen
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19 September 2016, 8:40am

Wenn ich auf Hochzeiten oder Geburtstagen gefragt werde, was ich mache, antworte ich immer: „Ich schreibe über violette Kleider, Sockenlängen und dergleichen". Das ist einfacher, als ständig die gesellschaftliche und politische Bedeutung von Mode, von der ich glaube, dass sie schon immer existiert hat, erklären zu müssen. Das ist es, worüber ich letztlich schreibe. Kritiker ist so ein großes Wort. In einer Zeit, in der die Modewelt von den Werbetreibenden lebt, kann man nicht einfach drauf los kritisieren, wie man möchte. Man muss bestimmte Regeln einhalten. Ich habe selten über Kollektionen im Sinn von, das war eine gute Kollektion und das war eine schlechte geschrieben. In meinen Kritiken geht es um Kontextualisierung: Warum hat ein Designer dieses oder jenes entworfen? Was sagt das über die derzeitige Gesellschaft aus? Und wie relevant ist das überhaupt? Ich stelle Designern nie Fragen zu den Materialien oder den Techniken. Es gibt nichts Langweiligeres als über Kleidung zu schreiben, außer vielleicht, dass man sie liest. Ich bin nicht Modejournalist geworden, um nur über Mode zu schreiben. Ich habe zwar Modejournalismus am London College of Fashion studiert, aber ich habe mich nie als Modeautor gesehen.

Ich bin einfach nur ein Autor und Journalist. Und hoffentlich kann ich genauso über eine Naturkatastrophe schreiben, wenn ich jemals in eine geraten sollte. Vor zehn Jahren hat mir meine gute Freundin Susie Babchick gesagt: „Lass deine Visitenkarte immer leer. Dein Name und deine E-Mail-Adresse reichen, keine Berufsbezeichnung. Dann kannst du alles machen, was du willst". Auch heute noch benutze ich leere Visitenkarten. Ich lebe nicht für Mode und ich habe Modejournalismus nicht studiert, weil ich mich dazu berufen gefühlt habe. Ich liebe Geschichte: Könige, Königinnen und Eroberungen. Mode erschien mir—mit ihrer historischen Bedeutung und ihrer Extravaganz—als perfekte Repräsentation von Geschichte. „Einige Leute zählen Karat", hat die Königin von Dänemark mal gesagt. „Wir zählen Jahrhunderte." Damit hat sie ihre große Schmucksammlung gemeint, die seit Generation von Monarch zu Monarch weitervererbt werden. Es war der perfekte Geschichtsbezug. Das ist Kleidung für mich, mit ihrer historischen und kulturellen Bedeutung.

Ich habe enormen Respekt für Mode, aber ich bin kein Mode-Nerd. An einem freien Tag würde ich lieber die neueste Folge der Kardashians schauen als eine Modedokumentation. Aber dank der vielen Recherche, die ich jeden Tag für den Job erledigen muss, lerne ich auch jeden Tag etwas dazu. Ich komme aus Dänemark, genauer gesagt aus der kleinen Küstenstadt Rungsted, nördlich von Kopenhagen, wo ich als Dior-Homme-Fashiongoth das Gymnasium überlebt und davon geträumt habe, nach London zu ziehen und die provinzielle Enge hinter mir zu lassen. Eben die typische Geschichte. Und warum ausgerechnet Modejournalismus? Weil es nahe lag. Meine ältere Schwester, Susanne Madsen, hatte sich in London schon einen Namen gemacht und ich habe sie einfach kopiert. Ich hatte Glück, dass ich sie hatte. Sie hat mir geraten, was ich machen soll und vor allem: was besser nicht. Nach meinem Abschluss hat sie mir einen Job beim Dansk Magazine verschafft, weil sie da schon gearbeitet hat. Wir haben es für fast drei Jahre gemeinsam aus unserer WG in London geführt. Nachdem wir gekündigt haben, ist sie zu Dazed und ich bin zu i-D gegangen.

Bei Danks habe ich mich dazu gezwungen, zu so vielen Modeschauen und Events zu gehen wie nur möglich. Dadurch habe ich Mitglieder des i-D Teams kennengelernt. i-D hat Artikel bei mir in Auftrag gegeben. Dann habe ich auch Holly Shackleton, die immer noch meine Chefredakteurin ist, und Terry und Tricia Jones, die Magazingründer, die mich eingestellt haben, kennengelernt. In der Modebranche gibt es nichts Wichtigeres als zwischenmenschliche Fähigkeiten. Leute zu treffen und mit ihnen zu sprechen, ist das Wichtigste, das du dir beibringen kannst. Als Modejournalist verfügst du so über die Basis, um zum Geschichtenerzähler zu werden, der man werden muss. Ich liebe nichts mehr, als Designer zu Hause bei sich zu interviewen und ihre persönliche Geschichte zu hören. Das erfordert Fähigkeiten, die dir an der Uni nicht beigebracht werden. Kein Dozent hat mir je beigebracht, wie ich schreibe.

Wenn ich etwas während der Unizeit gelernt habe, dann von Leuten außerhalb der Uni, in der echten Welt, wie von der Pionierin Sarah Mower, mit der ich mich jederzeit über die Do's und Don'ts des Schreibens unterhalten konnte. Jetzt habe ich das Glück unter einer Chefredakteurin wie Holly zu arbeiten, deren Feedback immer konstruktiv ist und wo ich ständig bei der Wortwohl und im Überarbeitungsprozess dazulernen kann. Diese Fähigkeiten brauche ich besonders, wenn die Modewochen in New York, London, Mailand und Paris anstehen und ich jeden Tag vor Sonnenaufgang aufstehe, um meine Beiträge für den Tag zu schreiben. Als Autor im Schauenrad zu sein, ist schrecklich—und ich besuche alle Schauen. Ich pflege immer zu sagen, dass mir mit jeder Saison fünf Lebensjahre geraubt werden. Aber die Fashionweeks sind der heilige Gral des Modejournalismus. Wenn ich keine Modeschauen besuche, transkribiere ich Interviews und bringe sie in Form, entweder von meiner Wohnung in West London oder von meinem anderen Zuhause in Dänemark aus. Ich kann nur schreiben, wenn ich alleine bin und totale Stille herrscht.

Der letzte Punkt auf dem kurzen Briefing zu diesem Artikel heißt: „Was ich mir damals gewünscht hätte, das ich heute weiß". Ich fühle mich plötzlich so alt wie meine Antwort. Aber: Sprich mit Leuten, die älter sind als du, und die in dem Job arbeiten, den du willst. Hab keine Angst davor, sie anzuschreiben. Die meisten sind furchterregend, ja, aber jeder fühlt sich geschmeichelt, dass du ihren Rat suchst. Stelle Fragen, höre auf sie, lies ihre Artikel und bitte sie, dass sie deine Sachen lesen. Das soll jetzt nicht wie eine Dankesrede auf der Oscar-Verleihung klingen, aber wenn es nicht die ganzen fantastischen und großzügigen Frauen gegeben hätte, die ich im Laufe der Jahre unzählige Male nach Tipps und ihrer Meinung genervt hätte, dann bräuchte ich jetzt nicht darüber nachzudenken, was ich der nächsten Generation raten würde.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Foto: Mitchell Sams