„the kids were all right“: ryan mcginley über die fotos, die ihn berühmt gemacht haben

Für uns hat Ryan McGinley acht Fotos ausgewählt und uns seine persönliche Geschichte dahinter verraten.

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02 Februar 2017, 3:05pm

Wenn du regelmäßig i-D liest, wird dir mit Sicherheit der Fotograf Ryan McGinley etwas sagen. Jetzt werden in einer neuen Retrospektive die frühen Arbeiten des Amerikaners gezeigt: über 1500 bisher noch veröffentlichte Polaroids, die zwischen 1998 und 2003 entstanden sind. Viele der Fotos stammen aus seinem selbstverlegten Bildband The Kids Are All Right, mit dem er den Hedonismus der New Yorker Kreativszene um die Jahrtausendewende zelebriert. Zu sehen sind er und seine Künstlerfreunde: Dash Snow, Dan Cohen, Agathe Snow sowie Graffitikünstler und damalige Szenegrößen. Seine Arbeiten werden mit denen von Nan Goldin und Larry Clark verglichen und 2003 widmete ihm das Whitney Museum eine Ausstellung — er war gerade einmal 25 Jahre alt. Das, was seine Fotografien so einzigartig macht, ist die Magie des Moments, die er ohne Mühe einfängt. „Ich war spontan und abenteuerlustig", sagt er. Egal wie high seine Motive auch gewesen sind, sie verkörpern den Geist einer freien Jugend. So geht es in seinen frühen Werken um das Gemeinschaftsgefühl und einfach zusammen viel Spaß zu haben. Als die Szene aber heftiger wurde und sich die Drogenabhängigkeit von Freunden wie Dash verschlimmerten, hat der Fotograf sich mehr auf die Arbeit im Studio konzentriert. Laut eigenen Aussagen lag das an dem plötzlichen Ruhm durch die große Whitney-Ausstellung. Viele sehen auch thematische Ähnlichkeiten mit den Filmen von P.T. Anderson. Beide setzen sich in ihren Werken mit der Familie auseinander und die damit verbundene Freude, die Erfahrungen und das Psychodrama, die damit einhergehen. „Das war vor dem Internetzeitalter. Ich war damals einer der wenigen, die fotografiert haben", sagt McGinley. „Ich glaube wirklich, dass sich meine Freunde und ich uns wie Magneten angezogen haben. Wir waren wie eine chaotische Familie. Ich bin nach New York gekommen und habe hier meine Gang gefunden und mich neu erfunden. Ich wollte etwas bewegen."

Für uns hat Ryan McGinley acht Fotos von damals ausgesucht, die ihm persönlich viel bedeuten, und uns die Geschichte dahinter verraten.

Dash (Manhattan Bridge) (2000)
„Das ist Dash auf der Manhattan Bridge. Er ist einer der Menschen, die auf der Brücke den Kopf aus dem Fenster stecken. Und ich bin ein Fotograf, der auf der anderen Seite seinen Kopf raussteckt, um es zu dokumentieren. Ich liebe das Foto, weil es sehr New York ist."

Sam Ground Zero (2001)
„Wir sind zum Ground Zero gefahren, um zu sehen, ob wir helfen können. Es ist eigentlich 12 Uhr Mittag, aber die Staubwolke verdunkelt alles. Der Typ verwendet sein T-Shirt als Atemschutz, weil man kaum atmen konnte. Es war erschütternd, den Ort zu sehen. Ich habe Jack Walls angerufen und ihm gesagt: ‚Die Tower sind eingestürzt'. Er sagte daraufhin nur: ‚Ich weiß. Du musst raus aus Downtown.' Woraufhin ich nur gesagt habe: ‚Ich muss da hin und es fotografieren'. Seine Reaktion: ‚Natürlich musst du das'."

Jack (Poetry Reading) (1999)
„Ich habe Jack Walls auf einer Party in seinem großen Loft in der Nähe vom Madison Square Garden getroffen. Ein Mapplethorpe-Buch lag herum, Jack kam auf mich zu, stellte sich vor und ich sagte: ‚Ich kenne den aus dem Unterricht.' Ich habe durch das Buch geblättert und Jack war auch zu sehen. Wir wurden schnell Freunde. Wir haben ständig in der Bar Cherry Tavern mit den ganzen Graffitikünstlern abgehangen. Wir sind danach oft in die Schwulenbar nebenan gegangen, das I.C. Guys, und haben da weitergetrunken. Sonntags wurden da Gedichte vorgelesen und Jack hat seine vorgetragen. Damals war Jack als der Freund von Mapplethorpe bekannt, er hat sich selbst auch nicht als Künstler gesehen. Ich glaube, meine Ausstellung im Whitney hat ihn inspiriert. Mittlerweile ist aus ihm ein toller Maler und Dichter geworden."

Dan (Bloody Eye) (2002)
„Auf einer Party, es war schon spät, hat Dan uns gesagt, dass er Bier holt. Es war ungefähr 3:45 Uhr morgens. Er hat ungefähr anderthalb Stunden gebraucht, weil ihn sechs Polen über 60 verkloppt haben. Manchmal fühlen sich die Menschen irgendwie von Größeren magisch angezogen und wollen mit denen kämpfen. Dan ging es so."

SACE (2000)
„Dash Snow war einer der Anführer der Graffiticrew IRAK und hat SACER und SACE an Wände gesprüht. Ich konnte mich mit der fast schon zwanghaften Natur des Graffitis gut identifizieren. Ich habe geliebt, wie besessen Dash davon war. Eine der Sachen, die ich mich an ihm besonders begeistert hat, war, wie er seinen Namen mit Zigarettenrauch hauchen konnte. Auf der Avenue A gibt es ein Sushi-Restaurant, das war unser Lokal. Ich bin da vor Kurzem wieder mit meinem Freund hin und auf einem Tisch stand tatsächlich noch SACER. Ich finde es schön, dass jemand, den es leider nicht mehr gibt, etwas hinterlässt. Ich sehe die SACER-Tags noch überall in der Stadt."

Ryan (Blood) (1999)
„Wenn uns jemand blöd kommt, weil wir schwul sind, verkloppen wir sie einfach. An einem Abend wurden wir homophob beleidigt. Mein Gesicht ist blutig, weil ich jemanden eine Kopfnuss verpasst habe. Das ist das Blut von einer anderen Person. Wir sind nach Hause gekommen und haben uns kaputtgelacht, weil die Leute nicht erwartet haben, dass Schwule sich wehren und zurückschlagen."

Agathe and Dash (Black Leather) (2002)
„Agathe und Dash waren das erste Paar, das mich wirklich an ihrem privaten Liebesleben teilnehmen ließ. Das war sehr wichtig für mich. Ihre Beziehung stand mir offen. Sie haben es geliebt, wenn ich Fotos von ihnen beim Rummachen gemacht habe. Dass sie mir so vertraut haben, war wirklich schön. Sie waren auch einer der Gründe, warum ich mit der Nacktfotografie angefangen habe."

Puke (2002)
„Das ist aus der Fotoreihe, für die ich extra Brechmittel genommen habe, um vor der Kamera zu kotzen. Die Modedesignerin agnes b. war damals eine große Förderin von mir und wollte ein Foto von mir auf ein T-Shirt drucken. Mich hat die Idee anfangs nicht so überzeugt, aber Dan sagte dann: ‚Gib ihr das Foto, auf dem du kotzt, und das wird ein Kunstwerk, weil es nie jemand tragen wird.' Im Endeffekt wurde es ein Longsleeve: Lange Ärmel mit einem Rundhalsausschnitt. Es hat ein Revival erlebt und wir dachten uns nur: ‚WTF!'. Aber es ist lustig zu sehen, wenn Promis dieses Shirt tragen, auf dem ich kotze."

The Kids Were All Right kannst du dir noch bis zum 20. August im Museum of Contemporary Art in Denver anschauen. 

Credits


Text: Adam Lehrer
Fotos: Ryan McGinley

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