was es mit der fashion revolution week auf sich hat

Heute startet die Fashion Revolution Week. Mit #whomademyclothes und Selfies soll weltweit auf die schlechten Produktionsbedingungen von Kleidung hingewiesen werden. Konsumenten sollen zum Nachdenken angehalten werden und nicht nur an das nächste...

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24 April 2017, 6:45am

Genau vor vier Jahren gingen die erschütternden Bilder des eingestürzten Fabrikgebäudes in Bangladesch um die Welt. Damals kamen mehr als 1100 Menschen ums Leben. Über 2000 Näherinnen und Fabrikarbeiter wurden beim Einsturz der baufälligen Ruine schwer verletzt — sie zahlten den hohen Preis billiger Massenmode, die in Billiglohnländern ohne ausreichende Kontrolle sozialer und ökologischer Standards produziert wird. Die Empörung war groß, Marken wurden an den Prager gestellt und es wurde viel diskutiert und argumentiert — aber nur so lange, bis die neue H&M-Kollektion von Alexander Wang in den Stores hing und die Begierde die Vernunft verdrängte. Zu diesem Anlass hatten die Krawall-Blogger von Dandy Diary damals ein Video in einer Textil-Fabrik im indischen Mumbai gedreht. In dem Clip nähen Kinder Etiketten mit dem Schriftzug „Alexander Wang x H&M" in Shirts. Der Filialist klagte gegen die Blogger, das Video musste entfernt werden. Die Welle der Empörung in der Internetgemeinde ebbte schnell wieder ab.

Sumitra, fotografiert JacobsWell

Aus diesem Grund hat Hut-Designerin und „Fair Fashion"-Aktivistin Carry Somers den Fashion Revolution Day ins Leben gerufen: Mit weltweiten Events, Flashmobs und Workshops sowie einer Social-Media-Kampagne rund um den Hashtag #whomademyclothes soll dieser Gedenktag das Bewusstsein für die Missstände in Erinnerung rufen. Jeder ist dazu aufgerufen: Kleidung auf Links drehen, Selfie machen, Unternehmen taggen, sharen und mit #whomademyclothes mehr Transparenz in der globalen Lieferkette der Textilindustrie fordern. Aber funktioniert das wirklich?

Fragt man den deutschen Designer Bruno Pieters, lautet die Antwort „Nein". Nachdem er für Unternehmen wie Hugo Boss als Chefdesigner arbeitete, zog er sich zu einem Sabbatjahr zurück und gründete anschließend „Honest by". Sein Label verspricht hundertprozentige Transparenz, bei jedem Produkt kann der Konsument detailliert erfahren, woher die Materialien stammen, was sie kosten, wer sie verarbeitet hat und welchen CO2-Ausstoß die Herstellung verursacht. „Im Fall von Bangladesch haben sich die Menschen vielleicht für ein Wochenende aufgeregt - eine Woche später waren sie schon wieder bei Primark einkaufen. Solange diese Zwischenfälle keinen massiven Einfluss auf die Verkaufszahlen haben, wird sich gar nichts ändern. Die Firmen reagieren nur dann, wenn sich das auf ihre Einnahmen auswirkt. Geld ist eine sehr deutliche Sprache", resümiert der Designer.

Jeder Deutsche kauft im Schnitt rund 60 neue Teile pro Jahr, laut Umfragen von Greenpeace achtet nur knapp jeder Achte beim Kauf auch auf die Herstellungsbedingungen oder Textilsiegel.

Jeder Deutsche kauft im Schnitt rund 60 neue Teile pro Jahr, laut Umfragen von Greenpeace achtet nur knapp jeder Achte beim Kauf auch auf die Herstellungsbedingungen oder Textilsiegel. Wir rühmen uns mit der Biokiste aus der Region, verschmähen Tulpen aus holländischen Gewächshäusern und kochen vegane Bolognese nach Attila Hildmann. Doch am Sale-Ständer macht die Moral wieder schlapp und wir kaufen Laufschuhe bei Nike „Made in Bangladesch". Aber das ist gar nicht das Problem.

Seit in China die Löhne stiegen, wurde Bangladesch zur Nähstube der Welt. Die 20 Milliarden Dollar schwere Textilindustrie erwirtschaftet 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 80 Prozent der gesamten Exporterlöse - sie ist damit auch ein gewaltiger Motor gegen Armut. Ein blinder Boykott von Bangladesch würde der Bevölkerung schaden, ebenso ist die Ächtung von H&M, Mango & Co keine umfassende Lösung. Denn: Für das Prädikat „Made in Spain" reicht es, wenn ein Arbeitsschritt, wie das Umpacken der Ware, dort passiert. Billigketten sowie Luxuslabels lassen in Bangladesch produzieren, der Preis eines Kleidungsstücks sagt nichts über die Herkunft oder Herstellungsweise aus. Kaum ein großes Unternehmen hat einen Überblick über seine komplette Lieferkette. Die Produktionsstätte liegt vielleicht in Portugal, aber das Leder wird bei einem Zwischenhändler in Asien eingekauft. Kontrollen, zum Beispiel auf Giftstoffe, werden zwischendurch und halbherzig von Mittelsmännern durchgeführt, die von den Unternehmen selbst bezahlt werden. So musste Greenpeace bei Untersuchungen zum Beispiel entsetzt feststellen, dass krebserregende Stoffe nicht nur in Stoffproben von H&M , Armani, Adidas, Tommy Hilfiger gefunden wurden, sondern selbst in den eigenen Merchandising-Produkten. Noch entziehen sich die meisten Unternehmen der Verantwortung für die Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards.

Die Regierung von Bangladesch hat außerdem die Rechte der Textilarbeiter gestärkt: Sie dürfen Gewerkschaften gründen und der Mindestlohn wurde von 38 auf 68 Dollar angehoben - nur heißt das eben noch nicht, dass dieser auch gezahlt wird, solange keine Kontrollen von unabhängigen Organisationen durchgeführt werden. 

Die Textilindustrie hat zumindest teilweise auf das Unglück in Bangladesch reagiert: Eine Reihe europäischer Marken haben das Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch unterzeichnet, die sich damit ausdrücklich verpflichten, „eine sichere und nachhaltige Bekleidungsindustrie in Bangladesch zu schaffen, in der kein Arbeitnehmer Brände, Gebäudeeinsturz oder andere Unfälle fürchten muss, die mit angemessenen Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen verhindert werden könnten". Zahlreiche US-Firmen schlossen sich einer vergleichbaren Vereinbarung für Arbeitssicherheit an. Die Regierung von Bangladesch hat außerdem die Rechte der Textilarbeiter gestärkt: Sie dürfen Gewerkschaften gründen und der Mindestlohn wurde von 38 auf 68 Dollar angehoben — nur heißt das eben noch nicht, dass dieser auch gezahlt wird, solange keine Kontrollen von unabhängigen Organisationen durchgeführt werden. Aber genau das können Konsumenten einfordern — mit ihrem Konsumverhalten, vielleicht mit einem Hashtag.

Welche Macht der Druck der Öffentlichkeit haben kann, zeigt die jüngste Meldung zu Rana Plaza: Nach dem Unglück hatte das italienische Modeunternehmen Benetton zunächst geleugnet, dass es in der maroden Fabrik produzieren ließ. Nachdem mehr als eine Million Menschen den Modekonzern per Online-Petition dazu aufforderten, Verantwortung zu übernehmen, hat Benetton vergangenen Freitag bekannt gegeben, rund 1 Million Euro in den von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gegründeten Entschädigungsfonds für die Opfer und Angehörigen von Rana Plaza eingezahlt zu haben. Doppelt soviel wie von Experten gefordert. Ein kluger Schachzug von Benetton, die Zahlung medienwirksam kurz vor dem zweiten Jahrestag des Fabrikunglücks bekannt zu geben.

Designer wie Bruno Pieters und Unternehmen wie Hess Natur zeigen, dass eine faire Textilproduktion möglich ist — wir Konsumenten müssen nun beweisen, dass es uns auch kümmert. Bei dem Facebook-Event zur deutschen Fashion Revolution Week haben etwas mehr als 1000 Menschen angemeldet — wie viele Gäste würden wohl auf teilnehmen klicken, wenn H&M zum Shop-Opening mit Häppchen und Gin Tonic lädt?

@fashionrevolutionday

Hier findest du alle Informationen zur Fashion Revolution Week in Deutschland. Alle Beiträge zur Fashion Revolution Week auf i-D findest du hier.

Credits


Text: Isabelle Braun 
Foto: via Fashion Revolution Day