backstage im gespräch mit kevin parker von tame impala

Das musikalische Ausnahmetalent der angesagten australischen Band spricht über Liebessongs und die einzigartige Konstellation der Band.

von Lachlan Kanoniuk
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03 August 2015, 1:05pm

Foto: Matt Sav

Es ist der zweite Tag auf dem australischen Splendour in the Grass-Festival und die Sonne trocknet so allmählich den Schlamm auf dem Festivalgelände an der Byron Bay an der australischen Ostküste. Mark Ronson hat am Abend zuvor die Hauptbühne mit vielen Special Guests gerockt. Unter den musikalischen Gästen war Kevin Parker, Frontmann von Tame Impala. Tame Impala werden selbst am folgenden Abend ihr Konzert geben; eines ihrer ersten Konzert seit dem Erscheinen ihres von Kritikern hochgelobten, dritten Albums Currents. Kevin verbringt noch immer gerne Zeit auf Festivals. „Meine Freunde von Pond spielen heute Nacht", sagt er über die Jungs, für die er mal Schlagzeug spielte.

Selbstbeobachtung ist das, was Kevin am besten kann. Currents ist nicht zu dem Blockbuster-Album geworden, das man von Australiens derzeit erfolgreichster Rockband hätte erwarten können, sondern das Album thematisiert im Gegenteil noch mehr als der Vorgänger Lonerism Isolation. Currents ist eine Trennungsplatte, die Kevin zum größten Teil alleine produziert hat - vom Komponieren, über die Aufnahmen bis hin zum Mischen. Tame Impala ist keine Rockband im klassischen Sinn, denn die Platten sind zum größten Teil Kevins alleinige, kreative Spielwiese. Erst durch die Live-Auftritte wird daraus eine richtige Band. Der Erfolg gibt ihnen recht. Die Kritik liebt Currents und sie treten überall auf der Welt auf.

Wir trafen Kevin Parker und sprachen mit ihm über Currents und über Tame Impalas einzigartige Konstellation.

Die Songs auf Currents handeln meistens von Herzschmerz. Stellen die Songs auf dem Album für dich überhaupt so etwas wie Liebessongs dar?
Ich glaube nicht, dass sie das sind. Ich glaube auch nicht, dass ich jemals einen Liebessong geschrieben habe. Meine Vorstellung von einem Liebessong ist ziemlich klischeebeladen: ein Song, in dem jemand seine Liebe für jemanden erklärt. Für mich ist es etwas Eindimensionales.

Aber sind nicht die Melodien, die du verwendest, die gleichen wie in Liebessongs?
Kann sein. Aber wenn ich an einen Liebessong denke, denke ich an Pianoballaden. Und ich bin echt wirklich schlecht am Piano.

Vor ein paar Jahren gab es die B-Seite mit „Beverly Laurel". Das war ein Song, den man so von Tame Impala noch nicht kannte. Jetzt im Zusammenhang von Currents, das viele von Dance inspirierte Elemente beinhaltet, was denkst du im Rückblick über den Song?
Der Song befand sich ewig auf meinem Computer. Er ist einfach so auf der anderen Seite einer 7-Inch-Platte, der B-Seite, gelandet. Ich hatte ihn schon eine Weile und mochte ihn einfach. Er ist so anders als alles auf Lonerism und so anders als alles auf Currents. Ich habe ihn einfach geschrieben, ohne groß darüber nachzudenken.

Man hat das Gefühl, dass Currents großzügiger mit Melodien umgeht. Wie kam es dazu?
Ich habe mich, was Melodien betrifft, mehr getraut - besonders mit den Gesangsmelodien. Ich dachte immer, dass ich es einfach halten muss. Ich habe immer die Basismelodie gesungen und wollte keine gesangliche Akrobatik veranstalten. Ich glaube einfach, dass ich entdecke habe, dass man Melodien unterschiedlich singen kann und dies auch wertschätze. Ich hatte bereits zwei Alben gemacht und wenn man eine Entwicklung hören soll, dann kann ich nicht immer wieder dieselben Tricks verwenden. Ich wollte schon immer mehr singen und die Vocals stärker betonen.

Auf der anderen Seite gibt es in „Past Life" diesen Verzerrte-Stimmen-Effekt. Gab es Zweifel, so etwas Experimentelles mit aufs Album zu packen?
Es gibt immer Zweifel. Ich wusste, dass etwas mit den Zeilen passieren muss, und ich wollte eine Geschichte erzählen, weil es dazu eine Geschichte gibt. Es sollte so klingen wie jemand, der eine Geschichte auf monotone, fast depressive Art und Weise erzählt. Er ist ein Typ um die 40, der sein Leben lebt und sich schon von dem verrückten Teil seines Lebens verabschiedet hat. Irgendeinen Schalter hat er bei sich umgelegt und etwas in sich abgeschalten, er ist eindimensional, roboterhaft. Sobald ich realisiert hatte, dass der Song ein Eigenleben hat - damit meine ich, wenn ein Song seinen eigenen Charakter, seine eigene Persönlichkeit hat - wusste ich, dass er seine Berechtigung auf dem Album hat. Auch wenn ein Song eine geile Melodie, einen geilen Beat hat, muss er etwas Unverwechselbares haben, auf dieselbe Art und Weise, wie man eine Person identifiziert. Und ehe man sich versieht, hatte der Song einen Platz auf dem Album.

Die Drum-Sounds auf Currents sind so ansteckend. Wie hat sich deine Beziehung zum Schlagzeug über die Jahre verändert?
Ich habe viel dazugelernt. Für mich sind Drums der wichtigste Teil eines Songs. Ich habe ja die Theorie, dass die Leute, die Tame Impala mögen, Tame Impala aufgrund der Drums mögen, es aber nicht wissen. Daran habe ich am längsten gesessen. Ich habe wirklich Monate daran gearbeitet, den Drum-Sound cool klingen zu lassen. Wie alles mit fortgeschrittenem Alter, so habe ich mich früher wegen der Rhythmen verrückt gemacht. Ich habe einen komplizierten Beat einfach des komplizierten Beats wegen gemacht. Jetzt halte ich das ganze einfach und verständlich: das Verhältnis zwischen dem, was der Beat macht, und dem, was der Rhythmus macht. Ein einfaches Kick & Snare reicht und das ist der Rhythmus. Aber gleichzeitig schwingt immer ein Pendel mit.

Du bist letzte Nacht mit Mark Ronson aufgetreten. Wie war das für dich?
Das war das erste Mal, das ich so etwas gemacht habe. Ich hatte noch nie so einen kurzen Auftritt, der so nervenaufreibend war. Wenn es ein Tame Impala-Konzert ist und ich es so richtig verkacke, dann enttäusche ich nur mich. Aber wenn es das Konzert eines engen Freundes ist, dann muss man einfach gut sein. Der Auftritt hat wirklich Spaß gemacht und ich war nicht allzu nervös. Ich kann mich daran gewöhnen. Auf die Bühne zu kommen, drei Songs zu spielen und dann wieder von der Bühne zu verschwinden, hat definitiv seinen Reiz.

Als Musiker bist du in diesem Album-Aufnahmen-Tour-Album-Aufnahmen-Tour-Kreislauf gefangen. Fühlst du dich damit wohl?
Mittlerweile fühle ich mich damit wohl, ja. Ich - und auch die Band - fanden es lange Zeit komisch. Wir wussten nichts und waren verwirrt. Wir haben uns viel gestritten, weil wir frustriert waren. Wir wussten auch nicht, was wir eigentlich taten. Die Jungs wussten nicht, ob sie noch in einer Band waren oder nur noch Session-Musiker. Jetzt verstehen wir es. Es ist weder das eine noch das andere. Wir sind keine Rockband, die bei Jam-Sessions zusammenhockt. Ich bin aber auch kein Solokünstler mit Band. Wir sind etwas dazwischen.

tameimpala.com

Credits


Text und Interview: Lachlan Kanoniuk
Foto: Neil Krug