róisín murphy über mumcore, instagram und cindy sherman

Wir trafen die irische Ausnahmekünstlerin zum Interview.

von Bianca Heuser
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05 Juni 2015, 11:30am

In den letzten Jahren ist es etwas ruhiger geworden um Róisín Murphy. Acht Jahre sind seit ihrem letzten Album Overpowered vergangen. Acht Jahre, in denen sich viel bei ihr getan hat, in denen sie zwei Kinder zur Welt brachte und die EP Mi Senti, die aus Italienischen Klassikern der Popmusik und einem italienischsprachigem Original besteht, aufnahm. Es waren auch acht Jahre, in denen die 41-jährige Irin wahrscheinlich etwas erwachsener geworden ist. So scheint es zumindest, wenn man ihr neues Album Hairless Toys hört, das ihre bisher reduzierteste und textlich vermutlich persönlichste Platte ist. 

i-D Contributor Bianca Heuser hatte die Möglichkeit, die Ausnahmekünstlerin vor ihrem Konzert letzte Woche beim Berlin Festival zu treffen, und sprach mit ihr über ihre verschiedenen Rollen und was das alles mit Cindy Sherman zu tun hat. 

In deiner künstlerischen Praxis war ein gewisses Rollenspiel schon immer inbegriffen. Die Rolle, die du für dein neues Album Hairless Toys annimmst, scheint aber extremer als je zuvor sogar das Projekt an deiner Stelle zu repräsentieren.
Visuell gibt es diesen Charakter sicherlich, aber nicht sonderlich auf dem Album selbst. Ich spiele visuell mit einem neuen Set von Rollen, die mich jetzt, da ich ein bisschen älter geworden bin, besonders berühren. Es sind Frauen mittleren Alters, Schauspielerinnen, Perfektionistinnen, die sich zwischen sehr spezifischen Polen hin und her bewegen. Pole, die auch in meiner aktuellen Lebensphase existieren. Das zeigt sich auch in meinen Liveshows und Outfits: die sind ladylike, aber auch etwas irre. Ich spiele mit diesen Rollen auch, damit mir nicht eine andere aufgedrückt wird. Als Frau muss man manchmal selbst mit so etwas vorschießen. Es macht mich stolz, dass das Zusammenspiel all dieser Faktoren in meiner Kunst zum Teil als mehrdeutig beschrieben wird.

Welche anderen Vorteile bringt dieses Rollenspiel mit sich?
Spaß! Ich habe es schon immer geliebt, mich extravagant zu kleiden, ich bin ein Fantast. Das kommt als allererstes. Im Nachhinein lässt sich das gut intellektualisieren, aber zuallererst macht es unheimlich viel Spaß.

Gehören zu deiner neuen Rolle auch bestimmte Designer?
Nein, meine Bühnenoutfits sind jetzt meist Vintage. Ich wollte keine „Jetzt trägt sie Fendi"-Geschichten lesen ... Obwohl ich das natürlich würde! Wenn das hier jemand von Fendi liest, der mir Kleider schicken möchte: ich würde die auf jeden Fall tragen. Aber dieser neue Look soll ja an einer Art Nullpunkt starten. Als wir das Cover für Hairless Toys fotografierten, dachte ich, es wirke etwas deplatziert. Es spielen Elemente aus den 70ern und 80ern, den 60er und sogar 90ern in ihn hinein. So wirkt es leicht verrutscht, ein bisschen aus der Zeit gefallen. Als die Bilder dann aber erschienen, stellte ich fest, dass sie sehr modisch und aktuell aussahen. So ist das manchmal mit diesem Gefühl, das man Zeitgeist nennt: Man stolpert darüber, wenn man nicht danach sucht.

Entgehst du durch dieses Rollenspiel auch einem gewissen Zwang, authentisch zu sein?
Die Frage nach Authentizität kam in meiner Karriere durchaus schon auf! Das ist eine Sache, die Jungs nicht passiert, aber wenn man ein Mädchen ist ... Natürlich ist Musik die Hauptsache. Wenn die nicht großartig ist, braucht man den Rest gar nicht anzufangen. Aber es schwingen immer diese Fragen mit: Wo kommt sie her, wie viel hat das mit dieser Künstlerin zu tun ... Es ist immer etwas awkward, ernsthaft kunstschaffend und gleichzeitig eine Frau zu sein.

Wird erwartet, dass du nur singst?
Nicht mehr so oft. Aber in den Neunzigern mit Moloko war ich als extravagante Performerin sehr unmodisch. Zu der Zeit waren alle sehr, sehr ernst und etwas geplagt. Ich habe mich dagegen gewehrt, aber das hat es nicht leichter für mich gemacht: diese Frau auf der Bühne zu sein, in Lederkleid und mit Knochen im Mund ... ist das cool? Diese Frage stellte sich schon. Und natürlich fühlen sich Menschen mit Musik verbunden, die ein Spiegelbild ihrer selbst ist. Meine Ambiguität hat das Verhältnis zwischen mir und meinen Publikum etwas seltsamer gemacht. Zum Ende von Moloko hin, als ich mich als Performerin besser kannte, fielen diese Widersprüche zusammen. Da fing es an, für Leute Sinn zu machen. Wenn man mich performen sieht, versteht man, dass mir das ganz gehört; dass ich es verstehe und alles Teil eines größeren Ganzen ist.

Muss man sich dieses Fremdverständnis als Frau eher erarbeiten?
Ob man das muss oder nicht, weiß ich nicht. Wenn man elektronische Musik produziert, sind all diese Dinge eh schwer zu transportieren. Der ganze Weg besteht aus Merkwürdigkeiten, das hat nicht nur mit Frau-Sein zu tun. Aber das gibt es schon dieses ‚Wie cool ist das?'. In den 90ern waren alle besessen von Coolness. Wenn man nur mal über die Kleidung der 90er nachdenkt: alles war besessen cool. Ich frage mich manchmal, wie vertrauenswürdig humorvolle Menschen sind. Aber wer keinen Humor hat, kann nicht besonders intelligent sein. Das ist wahrscheinlich noch gefährlicher! Ich streue gerne etwas Humor in meine Arbeit, als würde man ein Blumenarrangement mit Federn durchsetzen. Das sorgt für eine gewisse Raffinesse, die hoffentlich durchkommt.

Dein neues Album gibt sich ein bisschen zurückhaltender, es ist schwieriger zu greifen, und die Songs kicken seltener so richtig los wie auf dem Vorgänger Overpowered.
Es ist tantrische Musik.

Genau! Um noch einmal zur Authentizitätsfrage zurückzukommen: Aufgrund der verschiedenen Rollen, die du spielst, habe ich als Teenager verstanden, dass Femininität nicht etwas Bestimmtes ist, sondern in vielen spielerischen Facetten existiert.
Als Teenager war ich unheimlich erleichtert, auf die Künstlerin Cindy Sherman zu stoßen. In den späten 80ern herrschte noch der Feminismus der 70er vor, mit dem sich der ganze Spaß, den man als Frau haben kann, nicht gut vereinbaren ließ: Rollen zu spielen, sich aufregend zu kleiden, zu fantasieren und sich extravagant zu geben passte nicht zu diesem Konzept. Cindy Sherman, die sich diese Freiheit genauso nahm wie die volle Kontrolle über jeden Aspekt ihrer Kreation, und daran offensichtlich große Freude empfand, ist bei mir hängengeblieben. Ihr Einfluss auf mein künstlerisches Schaffen ist genauso groß wie der auf meine Musik.

Schau dir auf Noisey das Video zu Exploitation" an.

Bei Cindy Sherman fällt mir deine Hommage an sie im Video zu You Know Me Better" ein. Dein neues Video für Exploitation" erinnerte mich sehr an Gena Rowlands in John Cassavetes' Filmen.

Opening Night war hier ein großer Einfluss.

Cassavetes benutzt Frauen in seinen Filmen auf eine interessante, ebenfalls sehr mehrdeutige Art und Weise.
Ich glaube, das liegt daran, dass er statt Frauen und Männern einfach Menschen benutzt. Ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen, entdecke ich in seiner Arbeit eine ähnliche Haltung wie in meiner: Ich schaue, was mich umgibt. Ich denke nie, ‚Ich muss jetzt irgendwie Timbaland für meine neue Single ans Telefon bekommen', sondern ich schaue, welche Geschichte so an die Tür klopft. Cassavetes hat sich seinen Freunden zugewandt und mit diesen großartigen Menschen etwas schaffen wollen. Das hat sich schrittweise ergeben und damit einen tollen ... naja, nicht Realismus, die Charaktere und Storylines sind ja schon sehr überhöht...

Seine Charaktere sind universell, aber man lernt sie sehr intim kennen. Seine Filme haben so viel Flair, weil sie sich nicht in der Suche nach einem Masterplan oder großer Ambitionen verrennen. Aber vielleicht habe ich auch einfach Angst vor so großer Ambition! Schließlich begann meine Karriere damit, jemanden anzumachen und in diese Beziehung zu geraten. Aber ich bin in der Musikindustrie gelandet, weil ich so oder so Künstlerin sein würde, weißt du?

Du hast einen einjährigen Kurs in Bildender Kunst in Sheffield absolviert, an dessen Ende du Mark Brydon, deinen Partner bei Moloko kennenlerntest. Es ist immer spannend, wenn Künstler sich auch für benachbarte Disziplinen interessieren: sei es Musik, bildende Kunst, Mode oder Film ...
Und wie sie miteinander verzahnt sind. Dabei verliert man natürlich auch leicht den Faden. Oder das Ego läuft einem aus dem Ruder, weil man ja so viel mehr als nur Sängerin ist. Man muss aufpassen, dass man seinen eigenen Bullshit nicht glaubt. Darum fällt es mir schwer, auf der Bühne mit meinen Fans zu sprechen. Wie drückt man „Be yourself, express your humanity" aus, ohne in eine fiese Schublade zu rutschen?

Du interagierst seit einer Weile auch über Instagram mit deinen Fans.
Ich mag Instagram sehr gerne, weil es sehr konkret, aber auch sehr abstrakt sein kann. Manchmal fühlt es sich wie ein eigenes kleines Kunstwerk an.

Von deinem Soundcheck beim Berlin Festival hast du ein Foto mit dem Hashtag „Mumcore" gepostet. Kannst du mir das erklären?
Ach, meine Kinder lieben eben dieses Outfit - natürlich! (Sie trägt einen weißen Sweater, auf dem Minnie und Mickey Mouse und ein großes rotes Herz zu sehen sind.) In Großbritannien sagen wir „Yummy Mummy". Das ist eine Idee, die besonders in der Mittelschicht verbreitet ist: das Bild einer Mutter, die stets perfekt gekleidet aufpasst, dass ihre Kinder auch ja die beste Ausbildung genießen. So bin ich nicht; ich bin Mumcore!

Mögen deine Kinder gewisse Ecken deines Kleiderschrankes auch nicht so gerne?
Nein, dafür sind sie noch nicht alt genug. Aber sie sind schon sehr fasziniert von meiner Garderobe! Meine Tochter ist schon eine großartige Stylistin, und auch mein Sohn ist sehr interessiert.

Die Entwicklungen in deinem Privatleben, waren ein wichtiger Grund, weswegen so viel Zeit zwischen Overpowered und Hairless Toys vergangen ist. 
Ich mag es ganz gerne, ab und zu „She's back!" zu hören. Aber letzte Woche hätte ich einem Journalisten fast ein Bein ausgerissen, der mich tatsächlich fragte, wie ich Karriere und Kinder unter einen Hut bekomme. Ich gab ihm die klassische Antwort: „Würdest Du das einen Mann auch fragen?" Das hatte er noch nie gehört! Im Sommer ist es natürlich einfach. Man spielt am Wochenende auf Festivals  und ist unter der Woche zu Hause. Wie es sich auf meine Kinder auswirkt, dass ich nicht 24 Stunden am Tag an ihrer Seite bin? Woher soll ich das wissen? Aber wie würde es sich auswirken, wenn ich es wäre? Wahrscheinlich nicht so gut!

Wie hat sich dein persönlicher Stil in den letzten Jahren entwickelt?
Ich bin mit einem Italiener zusammen, der sehr lieb ist. Ich würde ihn nicht als extrem interessiert an Mode beschreiben, aber er ist keiner der Typen, denen das total egal ist. Seine Mutter ist eine Stilikone für mich. Sie ist Mailänderin und anders als ich in der Lage nur mit Handgepäck zu verreisen. Das habe ich in meinem Leben noch nicht geschafft, und sei es für zwei Tage! Dabei sieht sie immer unheimlich chic aus.

Mailänder Frauen haben einen sehr besonderen Look.
Aber so ist sie gar nicht! Eher jungenhaft, mit kurzem Haar. Sie trägt oft diese sehr maskulinen Crombie-Kaschmiermäntel, aus denen aber ihre Perlenketten hervorfliegen. Sie ist minimalistisch, aber cool. Leider bewegt das mich nicht zu mehr Minimalismus! Aber mit dem Alter kennt man sich sehr viel besser und die Ausstrahlung, die damit einhergeht, beeinflusst mich sehr. Das muss man genießen, es gibt nichts Besseres am Älterwerden. Was Stil angeht, kennt man seine Referenzen ab vierzig besser denn je.

Was sind deine Referenzen?
Naja, ich habe Mum-Referenzen, House-Referenzen links und rechts, Streetwear - vieles widerspricht sich. Genau das ist aber der Trick! Heute habe ich meiner Band zum Beispiel etwas vorgesungen. Denen war es egal, die haben nicht zugehört, aber ich habe aus voller Kehle irische Volkslieder gesungen und dann gerappt! ‚Nicht viele können irische Volkslieder singen und dann den großen Rap bringen!', habe ich gesagt. Da haben sie mir zugestimmt, und ich sagte: ‚Aber ich kann sie nicht zusammenbringen!" Könnte ich das, wäre ich Millionär!'.

@RóisínMurphy

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Credits


Einleitung: Alexandra Bondi de Antoni 
Interview: Bianca Heuser

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