Foto: über i-D UK

Skaten und Mental Health: Die Dokumentation 'Minding The Gap' bricht das Schweigen

"Wenn du Stress Zuhause hattest, kamst du zum Skate-Platz, um zu vergessen – nicht um darüber zu reden."

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29 März 2019, 8:12am

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Scrollst du dich durch den Instagram-Account von Bing Liu, kannst du nicht mehr so schnell damit aufhören. Zwischen Skate-Clips von ihm und seinen Freunden posiert er mit Barack Obama, steht neben Tony Hawk oder bereitet sich auf die Oscar-Verleihung vor.

Er ist der Filmemacher hinter Minding the Gap, ein Dokumentarfilm, den Mister Obama höchstpersönlich in seine jährliche Liste von Lieblingsfilmen aufgenommen hat. Er wurde für einen Oscar nominiert und hat 97 Prozent auf Rotten Tomatoes. Nicht schlecht für einen Skater-Boy aus einer Industriestadt in Illinois. "Es fühlte sich komisch an", erzählt Bing und bezieht sich auf die Nacht der Oscar-Verleihung. "Aber die Obama-Sache war noch viel krasser und überraschender. Ich wusste gar nicht, dass er so eine Liste führt!"

Bings Film begleitet eine Gruppe von Skatern, die in der Stadt Rockford leben und widerwillig ihre Teenager-Jahre hinter sich lassen müssen. Keire arbeitet als "Tellerwäscher" und springt bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bietet, auf das Skateboard. Zack arbeitet als Dachdecker und erwartet ein Kind. Die Dokumentation reflektiert die Angst vor dem Erwachsenwerden und zeigt, wie das Skaten zu einer Realitätsflucht wird – eine Flucht vor Verantwortung und Pflichten. Sie zeigt aber auch, wie Skater aus zerrütteten Elternhäusern in dieser Community eine wahre Familie finden können. "Die Leute fühlen sich mehr nach Familie an als meine eigene", sagt Keire im Film.


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Und dann erreicht der Film eine weitere, tiefere Ebene. In den Konversationen mit den Protagonisten zeichnet sich langsam ein Muster ab: Sie alle sind in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen und haben physische Misshandlungen erlebt. Es wird klar, dass diese so simple, körperliche Bewegung – das Skateboard die Straße herunter zu pushen – der Klebstoff ist, der ihre Welt zusammenhält. "Solange ich skaten kann, geht es mir gut."

Bing, der auch in dem Film erscheint und seine eigene Missbrauchsgeschichte durch seinen Stiefvater erzählt, wusste vor Drehbeginn nichts über die Lebensumstände von Zack und Keire. Sie standen sich nicht so nah, sie waren Skate-Homies. "Während der Entstehung des Films habe ich alles über ihre Familien, ihr inneres Leben und ihre Vergangenheit erfahren", erzählt Bing. "Vorher wusste ich nur, dass Zack ein guter Skateboarder ist und Keire immer sehr charismatisch, talentiert und offen war."

Als er sich mit ihnen für Einzelgespräche traf, stellte er ihnen private Fragen: Wie bist du aufgewachsen? Wer hat dir beigebracht, wie man liebt? Wer hat dir beigebracht, wie man hasst? Was würdest du deinem 13-jährigen Ich sagen wollen? "Die Leute sind es nicht gewohnt, diese Dinge gefragt zu bekommen", sagt er. "Das erste Mal, als ich mich mit Keire zusammensetzte, erzählte er mir von seinem Vater." In dieser Szene bricht er in Tränen aus.

Doch warum sprechen so viele Skater nicht offen über ihre Familienumstände, ihre Ängste, ihre Emotionen? "Skateboarding ist Eskapismus, eine Flucht vor allem anderen", erklärt Bing. "Warum sollte man diese negativen Dinge in diesen positiven Teil deines Lebens mitnehmen?"

Über dieses Thema habe ich mich auch mit dem Londoner Skater Sammy Recko unterhalten. Und er bestätigte Bings Aussage – in seiner Jugend wollte niemand seiner Freunde die bedrückenden Probleme zu den Sessions mitbringen. "Bei allem, was wir taten, stand Spaß an oberster Stelle. Du wolltest nicht die Person sein, die das zerstört. Wenn du Stress Zuhause hattest, kamst du zum Skate-Platz, um zu vergessen – nicht um darüber zu reden."

Auch für Sammy war das Skaten eine Flucht – vor einer zerbrochenen Familie, einer harten Schule und Sozialbauten. "Als ich das Skaten entdeckte und in die Community aufgenommen wurde, hatte mein Leben plötzlich einen Sinn, Dinge standen auf dem Spiel. Die Leute, mit denen ich skaten ging, kümmerten sich nicht nur um meine Fähigkeiten auf dem Board, sondern auch um mich. Endlich war das, was ich machte, bedeutend. Wer ich war, war bedeutend."

Probleme, Ängste und Traumata in sich hineinzufressen, beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Skatekultur – doch gibt es in dieser Szene viele Leute, die davon betroffen sind. Doch nur wenige sprechen darüber, teilen ihre Gefühle mit den anderen. "Diese Menschen können ihr Leben lang diesen Gesprächen aus dem Weg gehen. Nicht nur gegenüber anderen, sogar wenn sie mit sich selbst sind, blenden sie diese Themen aus." In dem Film öffnet sich Keire plötzlich und erzählt Bing, dass sein Stiefvater ihn verprügelt hat. Das erste Mal, dass er darüber spricht – nach all den Jahren, in denen sie zusammen skaten waren. Auf dem Skateboard konnte er seinen Dämonen entfliehen ...

Der Film entstand, weil es keine Anleitung gibt, wie solche Probleme gehandhabt werden können. "Ich hatte das Gefühl, wenn mein 14-jähriges Ich den Film gesehen hätte, wäre es leichter gewesen, mit meinen Freunden über solche Themen zu sprechen." Aber warum ist eigentlich so schlimm, nicht über diese Dinge zu reden? "Du verstehst dich selbst schlechter", meint Bing, der während der Dreharbeiten selbst Therapiestunden nahm. "Außerdem glaube ich, dass deine emotionale Bandbreite und die Art, wie du mit verschiedenen Emotionen umgehst, sonst sehr begrenzt sind und sich daher irgendwann auf ungesunde Weise äußern."

In der Doku gibt es eine Szene, in der der Zuschauer die hässliche Seite miterlebt. Nina, Zacks Freundin, erzählt Bing, dass Zack sie geschlagen hat. Auch sein Trinken schien unkontrollierbare Ausmaße angenommen zu haben. Sie zeigt die Wunden auf ihrer Wange. Das war der Moment, in dem Bing realisierte, dass er nun mehr Perspektiven in dem Film thematisieren müsste, als geplant. "Mein erster Gedanke war: Heilige Scheiße, die Leute werden Nina nicht glauben – wie kann ich ihre Sicht auf die Geschichte stärken?"

Um seinen Freund mit dem Missbrauch zu konfrontieren, gehen sie gemeinsam an den See. "Es ging mehr um meine Filmemacher-Ethik. Ich hatte nicht das Gefühl, meinen besten Freund zu hintergehen", sagt er. Letztlich weißt du nie, was deine Freunde und Bekannte hinter verschlossenen Türen treiben. Bing stimmt zu. "Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem ich aus erster Hand mitbekommen habe, wie sich die Persönlichkeit eines Mannes verändert, wenn er das Haus verlässt."

Wiederholt Zack die Fehler seines Vaters? Wird der Missbrauchte zum Missbrauchenden? "Manchmal wird man aus Versehen wie sein eigener Vater, das ist ziemlich verrückt", erklärt Bing. "Zack war nicht nur frustriert und wütend darüber, wie sein Vater ihn behandelte, sondern empfand gleichzeitig auch Schuld und Respekt ihm gegenüber."

Am Ende fragt Bing Keire, was er von der Dokumentation mitgenommen hat. "Gratis-Therapie", antwortet er. Aber was ist mit Bing? Er lacht: "Ich hatte eher das Gefühl, dass ich der Therapeut war."

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.