Dieses Buch zeigt, wie sehr Männer unter psychischen Problemen leiden

"Unser psychischer Zustand verändert sich kontinuierlich – und das überfordert viele", sagt "HIM + HIS"-Herausgeberin Helene Selam Kleih.

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Aug. 27 2018, 11:49am

Foto: Mateus Lucena | Flickr | CC BY-SA 2.0

HIM + HIS will mehr sein als ein Ratgeber für den Umgang mit psychischen Erkrankungen bei Männern. Nachdem bei ihrem Zwillingsbruder eine klinische Depression diagnostiziert wurde, suchte Autorin Helene Selam Kleih nach Trost – und hat nur wenig davon gefunden. Deswegen fing sie an, mit Fremden über die Stigmata rund um Männer und ihre psychische Gesundheit zu sprechen. Während das Thema von den Medien endlich ernster genommen wird, zögern viele Männer selbst immer noch, sich Hilfe zu suchen. Erste Anzeichen von psychischen Erkrankungen werden oft ignoriert, solange bis es zu spät ist.


Aus dem VICE-Netzwerk: Wie sich eine psychische Erkrankung bei einem jungen Skateboarder ausgewirkt hat, hat er unseren Kollegen selbst erzählt


Helene wollte die Geschichten, die sie gehört hat, mit anderen teilen und den dringend notwendigen Dialog über den psychischen Zustand von Männern öffentlich machen. Gemeinsam mit dem in London ansässigen Fotografen Hugo Volrath arbeitet sie daher an dem Buchprojekt HIM + HIS, das wir dir hier genauer vorstellen möchten.

Was sind die größten Missverständnisse über die psychische Gesundheit bei Männern?
Dass körperliche Stärke mit psychischer Stärke gleichzusetzen ist. Schon in jungen Jahren wird Männern beigebracht, stark zu sein. Stärke wird nicht durch Worte, sondern durch Taten demonstriert. Wenn kleine Jungen weinen, bekommen viele von ihren Müttern zu hören 'Reiß dich zusammen und hab' dich nicht so.' Diese Ideologie der Stärke ist das größte Problem. Die ganze Sprache, mit der wir über das Thema sprechen, ist bei Männern negativ besetzt – und viele wollen sich erst gar nicht damit auseinandersetzen.

Und was ist umgekehrt der wichtigste Punkt, der immer vergessen wird?
Männer weinen sehr wohl. Das ist aber nicht der richtige Ansatz, um die Stigmata zu überwinden. Weinen ist ein performativer Akt, mit dem sich auch viele Frauen schwertun. Das Weinen an sich ist kein Hinweis auf Schmerz, Angst, Einsamkeit oder Gleichgültigkeit. Schmerz manifestiert sich in so vielen verschiedenen Handlungen und Gedanken. Die Verallgemeinerung und Kategorisierung von psychischen Erkrankungen durch das Gesundheitssystem und die Gesellschaft ist absurd. Unsere Persönlichkeiten sind so facettenreich, da gibt es nicht die eine richtige Behandlung für alle.

Illustration Nina Carter

Wie bist auf die Idee zu HIM + HIS gekommen?
Letztes Jahr ist mein Cousin gestorben. Darüber sprechen wir bis heute nicht in der Familie und ich möchte auch jetzt nicht mehr darüber erzählen. Er war mein Vorbild. Ein charismatischer und liebevoller Mensch, bei dem niemand geahnt hat, dass er unter einer psychischen Erkrankung leidet. Das hat mich und meinen Zwillingsbruder schwer getroffen. Bei meinem Bruder wurde eine Psychose und klinische Depression diagnostiziert. Ich habe angefangen, mit immer mehr Menschen über die Stigmata rund um das Thema Männer und psychische Erkrankungen zu sprechen. Vor allem über die Gründe, warum wir junge Männer so streng in Schubladen einteilen. Der Großteil von den Männern gab offen zu, dass sie jeden Tag unter großen gesellschaftlichen Druck stehen und sehr darunter leiden, was sich negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirkt. Das sind die normativen Erwartungen an ihre Sexualität, an ihre Männlichkeit. Viele haben Angst davor, dass sie dem Ideal Mann nicht entsprechen.

Was erhoffst du dir von dem Projekt?
Dass die Leser es als Tagebuch sehen und lernen, offen und ohne Vorurteile über das Thema zu sprechen. Unser psychischer Zustand verändert sich kontinuierlich – und genau das überfordert viele. Man ist sich unsicher, wann das nächste Extrem auftreten wird. Gerade dann muss darüber gesprochen werden. Schweigen und Stille verursachen umso mehr Schmerz und Leiden. Jeden Tag hinter einer Fassade zu leben, ist anstrengend. Das Buch ersetzt keine ärztliche Therapie, aber ich hoffe, dass sich durch den Dialog die Dinge endlich verbessern.


Wenn du dabei helfen möchtest, dass "HIM + HIS" sein Crowdfunding-Ziel erreicht, kannst du hier spenden. Wenn du selbst – oder einer deiner Angehörigen – in einer seelischen Krisensituation stecken solltest und Hilfe brauchst: Es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die der TelefonSeelsorge unter 0800/111 0111 oder die Nummer gegen Kummer . Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe . Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.