Diese Frauen haben die schrägsten Schönheits-Gadgets von Amazon ausprobiert

Fotografin Evija Laivina glaubt nicht daran, dass aus dem Internet bestellte Nasenformer oder Gesichtsbandagen halten, was sie versprechen. Trotzdem versucht sie mit ihrer Serie “Beauty Warriors” ein Zeichen zu setzen.

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Nov. 9 2017, 12:37pm

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

“Die pinke Klammer tut richtig weh. Ich kann sie niemandem empfehlen. Man kann nichtmal richtig atmen”, heißt es in einem Kommentar einer offensichtlich unzufriedenen Nutzerin unter der Produktbeschreibung eines Nasenclip-Sets. Stattdessen wird auf ein anderes Modell verwiesen, das “mir für besondere Anlässe eine tolle Nase zaubern soll”.

Für nur zwei Euro kann man es auf Amazon kaufen und sich damit zu einer angeblich kleineren und schmaleren Nase verhelfen. Die beiden Plastikgeräte in der Packung sehen irgendwie aus wie eine Kreuzung aus gynäkologischem Instrument und Barbie-Accessoire.


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“Funktioniert das auch bei Senioren?”, fragt ein anderer User, der sich von den vorigen Kommentaren nicht abschrecken hat lassen. “Ich habe eine krumme Nase, wird das dagegen helfen?”, fragt ein weiterer. Und ein dritter: “Bekomme ich dadurch eine Stupsnase?”

Ich erinnere mich noch gut an den Schmerz, als meine Schwester mir als Kind einen Kleiderbügel auf die Nase gehauen hat. Ich frage mich, wie hoch der gesellschaftliche Druck sein muss, dass Leute sich freiwillig einer solch brutalen Selbstbehandlung unterziehen. Ich würde mir wünschen, dass die potenziellen Käufer sich die Kopfschmerzen sparen – und auch die zwei Euro.

Die Fotografin Evija Laivina hat es dagegen ausprobiert und sich letztes Jahr für ihr Projekt Beauty Warriors eine dieser Nasenklammern gekauft – dabei sollte es aber nicht bleiben. Zwar braucht es seine Zeit, bis die angeblich Wunder bewirkenden Gadgets aus China zu ihr nach Hause ins schottische Inverness geschickt wurden, trotzdem hat sich das Warten gelohnt.

“Ich arbeitete gerade für die Uni an einem Projekt über Schönheit und Identität”, erklärt sie, “und war mir nicht sicher, wie es genau aussehen sollte. Bis ich angefangen habe, diese Beauty-Gadgets zu sammeln.” Sie bezieht sich auf die Fülle an unterschiedlichen, billigen Geräten, die online verkauft werden und versprechen, schlaffe Augenlider zu straffen, das verhasste Doppelkinn zu beseitigen und Kunden insgesamt zufriedener zu machen.

Die lange Versanddauer aus beispielsweise China oder Korea nach Schottland gab Evija Zeit, ihre Porträts zu planen. Sie hat Freunde, Familienmitglieder und Facebook-Bekanntschaften dazu überredet, vor einem melierten Hintergrund zu posieren, meistens leicht seitlich zur Kamera gedreht. Die Komposition erinnert an Jahrbuchfotos, wären da nicht die bizarren Vorrichtungen aus Plastik, Latex oder Gummi, die ihre Gesichter teilweise komplett verdecken.

Zu den Produkten, die Evija fotografiert hat, gehören unter anderem: ein giftgrüner Smile-Maker aus Plastik, der die Lippen in einem manischen Dauergrinsen hält (Made in Korea, für etwa 6 Euro); ein Kinn-formender Gesichtsgürtel aus weichem Neopren, der laut Herstellerangaben selbst auf ein “dickes Kinn” passt (Made in China, für knapp 3 Euro); und ein Augenlid-Trainer, eine verrückt aussehende, nach innen gedrehte Brille, die verspricht, “die Augenlider ganz ohne chirurgischen Eingriff zu straffen” (für 20 Euro).

“Ich verbinde klassische Fotos gerne mit dieser Art von Geräten, weil dadurch sehr merkwürdig anmutende Bilder entstehen”, sagt Evija, die 2007 mit dem Fotografieren angefangen hat, kurz nachdem sie aus Lettland nach Großbritannien gezogen ist. “Ich wollte etwas Komplexes und Interessantes kreieren, das gleichzeitig auch verstörend ist.”

Doch das Ziel ihrer Arbeiten ist ernst. “Es gibt zur Zeit ein riesiges Problem”, sagt sie. “Wir leben in ständiger Angst davor, den Normen der Gesellschaft nicht zu Hundert Prozent zu entsprechen, nicht gut genug zu sein.” Evijas Projekt ist ein Versuch, sowohl die lustigen als auch traurigen Auswirkungen unserer Anstrengungen zu zeigen, willkürlichen und oft unerreichbaren Schönheitsidealen zu entsprechen.

“Ich fühle den Druck auch”, sagt Evija. Sie erzählt uns, dass sie in der Schule wegen ihrer Nase gehänselt wurde. “Ich weiß genau, wie Frauen sich fühlen, wenn sie anders als das vermeintliche Ideal aussehen. Jeder soll eine perfekt geformte Nase haben, aber das ist verrückt. Wenn du sie nicht hast, bist du deprimiert, du machst dumme Sachen. Darüber müssen wir mehr sprechen.”

Evijas Bilder, die sie als Buch veröffentlichen möchte, stellen die Frauen jedoch nicht als Opfer dieses Drucks dar. Wie “Beauty Warriors”, der Titel der Reihe, nahelegt, sieht Evija ihre Motive als mutige Kämpfer an. Durch die Teilnahme an ihrem Projekt machen sie klar, dass sie nichts von den leeren Versprechen der Schönheitsindustrie halten.

@evijalaivina