David LaChapelle über den Wert von Einsamkeit

Der Kult-Fotograf hat sich 2006 zurückgezogen. Zum Launch seiner neuen Bildbände spricht er mit uns über die Hintergründe, das Gefühl verloren zu sein und die Ideen hinter seinen ikonischen Fotografien.

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03 November 2017, 9:22am

Es ist ruhig geworden um David LaChapelle. Seit den 1980er Jahren, als er seine Karriere bei Andy Warhols Interview-Magazin begann, ist David einer der weltweit gefragtesten und erfolgreichsten Fotografen seiner Zeit. Seine Fotos von Britney Spears, Courtney Love, Tupac Shakur oder Pamela Anderson sind ins kollektive Pop-Gedächtnis eingegangen. Die farbenprächtigen Aufnahmen sind ein Sinnbild von Los Angeles: schrill, glitzernd, bombastisch. Kaum ein anderer Künstler verstand es so gut, die Welten von Schein und Sein in seinen Werken aufeinanderprallen zu lassen. Dann zog sich David LaChapelle im Jahr 2006 zurück.


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Was er in den letzten Jahren getrieben hat, kann man nun in zwei neuen Bildbänden bestaunen: Lost + Found. Part I und Good News. Part II., die beide bei Taschen erschienen sind. Genau deshalb ist David auch in Berlin, wo wir ihn zum Interview treffen. Im Gespräch spürt man, dass ihm diese Bücher unglaublich am Herzen liegen und dass in ihnen eine Botschaft steckt, die David LaChapelle als Künstler neu definieren sollen. Mit seinen Bildern möchte er uns ermöglichen, Hoffnung und Erleuchtung zu finden. Wie wir das schaffen können, hat er uns im Gespräch verraten.

Sein Rückzug nach Hawaii war wichtig, um sich neu zu finden
Im Jahr 2006 zog sich David LaChapelle zurück. Fernab von der Glamour-Welt von Los Angeles begibt sich der Künstler auf Sinnsuche auf seiner Farm in Hawaii. Nach 25 Jahren, in denen der als Workaholic bekannte Künstler produktiv war, beginnt eine Phase der Introspektion. David lässt sich dabei alles offen. "Ich dachte wirklich, dass ich mit der Fotografie abgeschlossen hätte", erzählt er. "Aber dann hatte Gott doch andere Pläne für mich. Du verlierst dich und findest dich wieder. Sehr wenige Menschen erfahren wahre Erleuchtung in ihrem Leben. Wir können, wenn überhaupt, nur auf Momente der Erleuchtung hoffen. Ich hatte einige dieser Momente in meinem Leben."

Magazine hatten Probleme mit seinen Arbeiten
David nahm in dieser Zeit fast keine kommerziellen Aufträge mehr an. Die Arbeit mit Magazinen hat er komplett beendet. "Die Ideen hinter meinen Fotos waren mir immer sehr wichtig. Und auch, wie sie aussehen. Aber das, worum es in meinen Fotos geht, hat sich verändert, als ich älter geworden bin. Und es hat nicht mehr mit dem zusammengepasst, was die Magazine wollten. Es wurde immer schwerer für sie, meine Fotos abzudrucken."

Die Auszeit ließ ihn nach Erleuchtung streben
"Es gibt bestimmte Dinge, die ich tue, damit diese Momente der Erleuchtung in Erscheinung treten. Wenn ich mehr Balance habe im Leben. Wenn ich kein Workaholic bin. Drogen und Alkohol bringen dich in die Dunkelheit. Oder die Anzugskraft der materiellen Welt, wenn man sich in materiellen Dingen verliert. Und wenn man keine Zeit für sich hat. Keine Einsamkeit. Keine Zeit in der Natur."

Nur durch Einsamkeit kann man wachsen
"Für mich persönlich ist es sehr wichtig, Introspektion und Einsamkeit zu haben. Auch wenn es manchmal schmerzhaft ist, alleine zu sein. Es ist wichtig für das eigene Wachstum. Anzusehen, was wir in unserem Leben bisher gemacht haben und über unsere Fehler nachzudenken. Korrekturen vorzunehmen. An die Menschen zu denken, die wir verloren haben. Aber auch darüber zu träumen, was wir möglicherweise in der Zukunft tun können. Wer wir sein könnten. Und dann kommen die Momente der Erleuchtung. Das ist das, was mich als Künstler inspiriert und wo ich anfange, etwas Neues zu schaffen."

Mit seinen Bildern will er etwas Licht in unsere dunkle Welt bringen
"Ich denke, dass wir gerade in einer sehr dunklen und verwirrenden Welt leben. Ich versuche, Dinge zu fotografieren, die nicht fotografierbar sind." sagt David. Seine Fotografien sind weiterhin bunt. Doch seine einzigartige Pop-Ästhetik als oberflächlich abzustempeln wäre falsch. Jedes Bild ist bis auf das letzte Detail durchdacht. Jede Geste der Hände in seinen Fotos hat eine Bedeutung. Die Bestimmung der Abfolge der Fotografien in seinen Büchern hat Jahre gedauert. "Angst ist das Gegenteil von Glauben. Angst kann nur zu den falschen Entscheidungen führen. Sobald wir Glauben haben, werden wir die richtigen Entscheidungen treffen. Wenn wir Entscheidungen aus einem Ort von Frieden und Sicherheit treffen, und nicht von einem Ort aus Angst und Unsicherheit."

Er steht am Beginn einer neuen Schaffensperiode
Lost + Found und Good News sind kein Wiederaufleben eines Künstlers, der sich schon zur Ruhe gesetzt hat und schon lange keine zufällige Ansammlung von Archiv-Material. Im Gegenteil. David LaChapelle ist dabei, sich als Künstler neu zu definieren. "Ich möchte nicht einfach Merchandise machen oder den Planeten mit noch mehr Dingen überladen", erklärt er. "Ich möchte Bilder erschaffen, die Menschen ohne Worte berühren. So wie Musik Menschen berühren kann. Bilder, die einfach nur deine Seele berühren und dich inspirieren. Dir einen Moment von Hoffnung geben auf das, was noch sein könnte."

Lost + Found. Part I und Good News. Part II sind bei TASCHEN erschienen und ab sofort erhältlich.

Credits


Fotos: Mit der Genehmigung von TASCHEN