Von rebellischen Scheiden und feministischen Memes

Auf ihrem Instagram-Account Scheidé Révoltée zeigt Johanna Warda wie unterhaltsam der Kampf gegen das Patriarchat sein kann

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05 Dezember 2018, 8:51am

Fotos: alle Screenshots von Instagram @scheiderevoltee

Manchmal klickt man sich so durch seine Instagram-Vorschläge und entdeckt plötzlich einen Account, in dessen anonymes Genie im Hintergrund man sich schockverknallt. Das kann sein, weil die Posts so unterhaltsam zusammengestellt sind, sich neue Gedankenwelten öffnen oder mal eben das Patriarchat mit ganz viel Witz und Intelligenz aus den Angeln geworfen wird. Auf Scheidé Révoltée treffen sogar alle drei Punkte zu. Es ist ein digitaler Ort für "intersectional badassery", erschaffen von Johanna Warda.

Geboren aus einem Insider-Joke unter Freundinnen, sollte die Plattform – damals noch ausschließlich auf Facebook vertreten – mit einem weit verbreiteten Klischee aufräumen: Dass Feminismus nur was für verbitterte Humorverweigerinnen sei, die an allem und jedem rumkritisieren. Im Kampf gegen diese Stimmen, die wahrscheinlich auch politisch inkorrekte Witze reißen und "Wir sind ja nicht rechts, aber ..."-Stupiditäten vertreten, setzt sie Memes als Munition ein.


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Ihre Spezialität ist feministischer Content, der es schafft, punktgenau zu landen. Ein bisschen "We Are The World"-mäßig – jeder Einzelbeitrag muss innerhalb weniger Sekunden überzeugen. Mit ihrer Auswahl an Memes gelingt es Warda, schweren Themen Leichtigkeit zu geben, den Identifikationsraum für Badasses jeden Genders zu maximieren und eine unterstützende virtuelle Gemeinschaft zu kreieren, deren Werte auch IRL stattfinden.

Die in München lebende Studentin und freie Autorin (unter anderem für Amazed Mag) hat mit uns über die Macht des Internets gesprochen und währenddessen auch ihre liebsten Memes herausgesucht:

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"Zu verlernen, zu lästern und andere Frauen runterzumachen, ist einer der wichtigsten Schritte in Richtung Feminismus. Dabei geht es nicht nur um Slut-Shaming, sondern auch darum, sich gegenseitig beruflichen Erfolg zu gönnen oder andere Frauen auf ihrem Weg zu unterstützen. Every woman is my sister!"

Memes und Feminismus: Haters gonna say it’s bullshit. Warum aber ist diese Kombination so gut und relevant?
Mithilfe von Memes kann man komplexe Sachverhalte sehr einfach und präzise darstellen. Sie schaffen es viele Metaebenen in sich zu vereinen und Erkenntnisse auf eine Art zu vermitteln, die schriftlich so nicht möglich wären. Das ist der Grund, wieso sie sich als Medium besonders gut eignen, um sich mit komplizierten, gesellschaftlichen Dynamiken und Systematiken zu befassen.

Das hat übrigens auch die neue Rechte schon längst erkannt und ist im Meme-Game ziemlich weit vorne mit dabei – wenn auch oft nicht besonders raffiniert. Deswegen ist es die logische Konsequenz, dass auch der digitale, intersektionale Feminismus das Medium nutzt, um die Realität von Frauen, PoC und anderen marginalisierten Gruppen darzustellen und mit Humor zu verpacken. Das sorgt für eine Form von "Comic Relief", die heilsam ist und dir ein Stück Macht über die eigenen Erfahrungen zurückgibt. Für mich sind Memes die vielleicht intelligenteste und raffinierteste Form von Humor.

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"Hier sehr gut dargestellt: Die Problematik, als Feministin auf Männer zu stehen. Der Text eines anderen Memes, das ich kürzlich gesehen habe und das gut dazu passt: The fact that I’m still into boys is proof that sexuality is not a choice."

Das Internet hat den Feminismus revolutioniert und wurde zum Medium politischen Ausdrucks einer ganzen Generation. Inwiefern hat es dein eigenes Denken und Handeln verändert?
Meine Existenz, ohne an das Internet zu denken, ist wie bei vielen ehemals überforderten, introvertierten Teenies unmöglich. Ich halte mich im Internet auf, seit ich elf bin. Damals gab es kein Facebook, kein Instagram, noch nicht einmal so etwas wie StudiVZ. Damals war das Internet ein anarchistischer, kreativer Ort, der schon immer ein Safe Space für mich war: Von der ersten Beepworld-Homepage über Foren, in denen wir uns HTML selbst beigebracht haben, bis hin zu der heutigen, feministischen Bubble auf Instagram.

Ohne das Internet hätte es auch meinen Feminismus so nie gegeben. Zwar kam der Anreiz natürlich auch aus mir selbst heraus, aber der hätte mich ohne all' den Input, den ich online bekommen habe, ziemlich ratlos zurückgelassen. Und ich lerne immer noch jeden Tag Neues dazu! Das Internet gibt mir das Gefühl, Dinge zum Guten verändern zu können. Es ist ein politisches Tool, das in mir einen gewissen Kampfgeist erhält, da ich merke, dass ich Menschen erreiche, die sich von meinem Input empowert und bereichert fühlen.

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"Dieses Meme spricht für sich selbst!"

Immer wieder ist es überraschend, wie viele Hass-Kommentare unter feministischen Posts zu finden sind – häufig von Frauen, die sich offensichtlich nicht als Feministinnen bezeichnen. Wie erklärst du dir diese "Verweigerung"?
Ich glaube, dass es sich dabei um eine Art Stockholm-Syndrom handelt, also das psychologische Phänomen, ein positives Verhältnis zu seinen Unterdrückern aufzubauen und mit ihnen zu kooperieren. Wächst man in einer Gesellschaft auf, die einen aufgrund des Geschlechtes nicht ernst nimmt, sucht man automatisch Wege, dieses System auszutricksen. Frauen, die sich als antifeministisch bezeichnen, haben diese Taktik perfektioniert. Ihre Antihaltung gegen Feminismus ist Teil dieses vermeintlichen Vorteils, den sie sich gegenüber anderen Frauen erarbeitet haben. Wenn Frau sich gegen Feminismus positioniert und zum Beispiel ihr Sexappeal nutzt oder mit Geschlechterrollen spielt, dann hat sie einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen: Aufmerksamkeit und Zustimmung von Männern, die sich über Frauen freuen, die von ihnen nicht verlangen, Privilegien abzugeben.

Der Feminismus droht, diesen Frauen ihren Vorteil wegzunehmen. Fällt dieser nämlich weg, dann sind sie dem Patriarchat scheinbar schutzlos ausgeliefert. Es ist einfacher, das System für sich zu nutzen, als es von Grund auf zu ändern. Dennoch bleibt diese Verhaltensweise unsolidarisch und egoistisch: Denn dieser vermeintliche Vorteil basiert auf einer Unterdrückung, der sich nicht jede Frau so einfach entziehen kann. Und er würde obsolet, wenn Feminismus seine Ziele erreichen würde. Die Einzige, die von dieser Handlungsweise wirklich profitiert, ist die Unterdrückung selbst.

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"Weil auch Männer unter dem Patriarchat leiden und von kleinauf beigebracht bekommen, ihre Emotionen für sich zu behalten und sich niemandem zu öffnen, sodass häufig die ganze emotionale Arbeit an den Partnerinnen hängen bleibt – denn oftmals können sich Männer ausschließlich ihr öffnen. Dabei entstehen sehr ungesunde Berge an emotionalem Ballast, die für eine Person viel zu viel ist. Thanks Patriarchy!"

Was muss deiner Meinung nach passieren, damit der Feminismus auch diese Frauen abholt?
Sie immer wieder ein bisschen mit der Realität konfrontieren. Man lernt mit der Zeit, mit welchen Argumenten man die Menschen zum Umdenken anregen kann und welche Feminismus-Mythen man erst entkräften muss, um den Weg frei zu machen (Männerhass, Frigidität, Borniertheit – man kennt's ja). Gerade Humor ist dabei extrem hilfreich, weil man dem Feminismus genau den oft nicht zutraut.

Viel effektiver als auf die Menschen einzureden, ist es das Ganze einfach selbstverständlich zu leben: Gerechtigkeit zur Agenda machen und das nach außen ausstrahlen, auch hin und wieder außerhalb der eigenen, sozialen Blase. Dafür ist das Internet sehr nützlich. Und dann hoffen, dass es irgendwann um einen herum "Klick" macht. Es gab eine Zeit, in der ich ähnlich dachte und meine eigenen Coping-Mechanismen hatte. Aber weil Feminismus immer präsenter wurde in meinem Leben und ich verstanden habe, dass er so viel mehr ist, als mir immer vermittelt wurde, habe ich mich irgendwann selbst entlarvt. Das war eine der besten und befreiendsten Erkenntnisse meines Lebens, und ich wünschte, dass jede Frau diese Erfahrung machen kann.

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"Weil wir unseren Freund*innen öfter sagen müssen, wie awesome sie sind!"

Auf der Facebook-Page von Scheidé Révoltée schreibst du, Feminismus sei eine Bewegung für Badasses. Wer sind denn deine persönlichen Lieblings-Badasses im Internet?
@thongria: Zoe Ligon, Sex-Educator und Sexshopbesitzerin aus den USA und für mich momentan die witzigste und sympathischste Person im Internet, auch mit einem sehr stabilen Meme-Game.
@cumcumcumcumcumcumcumcum: Darcie Wilder, extrem intelligent-witzige Journalistin/Autorin aus den USA, ist eigentlich ihr eigener Meme-Account.
@mialisamarie: Mia Morgan ist eine Musikerin, Fotografin, Feministin und Meme-Goddess aus Kassel, die gar nicht erst versucht, verträglicher zu werden und einfach nur rasiert.
@cccaaarrreeeennn: Die Journalistin Caren Mieseberger hat unter anderem die "Feminist Meme School" gegründet und gibt Workshops zu digitalem Feminismus. Sie schreibt auch sonst über viele wichtige Dinge und ist ein total badass.

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"Der Insta-Account @everyoutfitonsatc, der eigentlich ein Sex and the City-Tribute ist, hat irgendwann angefangen, unter dem Hashtag #wokecharlotte problematische Aussagen aus der Serie umzudeuten, indem Charlotte jeweils das sagt, was sie hätte sagen müssen – wäre sie woke genug gewesen. So werden die problematischen Stellen der Serie aufgedeckt und trotzdem wird ihr noch ein Tribut gezollt (schließlich war sie für die 90er doch ziemlich progressiv)."