Tom Galle verwandelt alltägliches Prokrastinieren in Meme-Kunst

Nike-Messer, Flip Flops aus i-Phone Verpackungen und kaputte Klapphandys: Willkommen in der digitalen Welt von Tom Galle!

von Juule Kay
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06 November 2018, 4:17pm

Es gibt solche und solche Tage. An manchen sprudeln wir vor Kreativität und jede noch so banale Idee könnte die lebensverändernde sein, die dich deinen langersehnten Tabi-Boots näherbringen. An anderen können wir so lange in die Leere unseres Bildschirms starren wie wir wollen – nichts funktioniert. Wenn das passiert, gibt es mehrere Möglichkeiten. Du kannst dich a) selbst dafür bemitleiden, b) es für heute gut sein lassen oder c) schauen, was das Internet eigentlich noch so alles zu bieten hat aka prokrastinieren, bis du Hunger bekommst.


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Tatsächlich muss das nicht immer etwas Schlechtes bedeuten. "Ich nenne das 'positives Prokrastinieren' – ein Begriff, der mit weniger Schuldgefühlen verbunden ist, als 'Zeit verschwenden'", erklärt der belgische Meme-Künstler Tom Galle, der bereits mit Nike, Netflix und Google zusammengearbeitet und sich ohne Zweifel für Option c) entschieden hat. Klingt irgendwie sinnvoll. Nachdem Galle fünf Jahre in New York gelebt und in einer Kunst-Performance Tinder quasi ins reale Leben geholt hat, zog es ihn in seine neue Wahlheimat Berlin. Von hier aus versorgt er dich mit mal politisch, mal philosophisch angehauchter Internet-Kunst, die aber immer eines ist: voller schwarzem Humor.

Um diesem treu zu bleiben, haben wir uns die Instagram-Bio des Meme-Künstlers ein wenig genauer angeschaut und ein Interview aus seinen eigenen Beschreibungen gebastelt – very Millennial.

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"Meine Freundin Moises Sanabria und Ich haben in unseren Arbeiten mit Logos und modernem Branding herumgespielt. In diesem Konzept ging es mehr um den Verstoß der Corporate Culture. Um die Unterdrückung für die diese Logos steht und der Ärger oder die Rebellion gegen diese Firmen."

... tom galle: Erzähle uns ein bisschen mehr über Tom Galle und was er mit seiner Arbeit erreichen möchte.
Ich bin ein Konzeptkünstler, der mimetische Sprache nutzt, um unter anderem Themen wie Digital und Corporate Culture, sowie die Effekte der Technologie auf die Gesellschaft anzusprechen. Meine Arbeit hat mit Absicht einen "viralen" und manchmal sogar "clickbait"-Charakter, weil sie das Ziel verfolgt, durch das Internet zu reisen und von verschiedenen Subkulturen aufgesaugt zu werden.

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"Für mich entsteht die Absurdität oft aus subtilen Ideen und nicht aus grandiosen Gedanken, um Leute zu beeindrucken. Einfache Ideen funktionieren immer noch am besten für mich."

... *takes good photo once*: Was macht ein Foto zu einem guten?
Mit der Zunahme digitaler, visueller Kultur durch Plattformen wie Tumblr und Instagram kann wirklich jedes Foto im Internet und möglicherweise in deinem Feed landen. Das führt zu einer Art "Abflachung" visueller Arbeiten. Was auch immer du postest, wird mit einem anderen Bild konkurrieren oder neben einer unendlichen Anzahl an Möglichkeiten gezeigt – die alle im gleichen Kontext stehen. Ich mag Kunst, die diesen Zusammenhang versteht und damit arbeitet. Die den Betrachter dem weniger Erwartetem aussetzen. Fotografen scheinen heutzutage falsch ausgebildet zu werden, weil du sie aus kilometerweiter Entfernung erkennst. Oft fühlt sich ihre Arbeit gestellt und unauthentisch an.

Tom Galle Meme Art I-phone
"Ich arbeite gerne mit Symbolen und Religion – und was passiert, wenn beides in einen anderen Kontext einbettet oder eine andere visuelle Sprache benutzt wird."

... *meme artist*: Wie schaut der Alltag eines Meme-Artists aus?
In die Meme-Kultur und seine neuesten Trends einzutauchen, ist etwas, das ich tatsächlich jeden Tag mache. Das bedeutet, dass ich Stunden im Internet verbringe und mir die neuesten Ereignisse ansehe, aus denen Memes ursprünglich entstehen. Die Ideen, die am längsten in meinem Kopf herumschwirren, sind am Ende die, mit denen ich weiterarbeite. Ich nenne das "positives Prokrastinieren" – ein Begriff, der mit weniger Schuldgefühlen verbunden ist, als "Zeit verschwenden". Ich glaube, dass Prokrastinieren zum kreativen Prozesse dazu gehört – besonders jetzt, wo das Internet zu einer der wichtigsten Inspirationsquellen geworden ist.

Personal Digital Space Tom Galle Meme Art
"Viele meiner Arbeiten zeigen 'digitale Gefühle'. Das Internet zu nutzen, ist eine sehr persönliche Erfahrung. Dadurch hast du eine sehr intime Beziehung zu deinem Endgerät. Stell’ dir vor, die anderen könnten sehen, welche Instagram-Accounts du dir anschaust und welche peinlichen YouTube-Videos. All diese Dinge geben viel von dir preis. Diese Arbeit drückt die persönliche Beziehung aus, die du mit deinem Endgerät hast – und auch den Raum, den sie verdient."

... currently in berlin: Du kommst ursprünglich aus Belgien. Warum hast du dich gerade für Berlin als neue Heimat entschieden?
Nachdem ich fünf Jahre in New York gelebt habe, war es Zeit für eine Veränderung. Ich hatte schon immer im Kopf, irgendwann zurück nach Europa zu ziehen. Berlin hat sich offensichtlich für jemanden angefühlt, der sich als Künstler oder Kreativer weiterentwickeln will. Gerade reagiere ich auch etwas allergisch auf Städte wie London oder Paris, die nur so vor Business strotzen. Berlin ist eine nette Alternative. Irgendwie habe ich vergessen, dass Europa einen Schritt zurück ist, was die Meme-Kultur betrifft. Klar, du kannst immer noch den ganzen Meme-Accounts aus Amerika folgen, aber es ist nicht die gleiche Erfahrung, wenn du die Inhalte nicht wirklich "lebst", weil die meisten ihren Ursprung immer noch in den Staaten haben.

Tom Galle Meme Art
"Ich war zu dieser Zeit viel in Japan unterwegs und habe mich von der Kultur dort inspirieren lassen. Es gab eine Menge Referenzen, mit denen ich herumgespielt habe und ich mochte wie das japanische 'Geta' in eine Art Tech-Fetischobjekte verwandelt werden konnte."

... *internet advisor*: Wenn du all den Künstlern da draußen einen Rat geben könntest, welcher wäre das?
Mach' dir nicht so viele Sorgen. Es gibt bereits viel zu viele Meinungen im Internet, deiner eigenen treu zu bleiben, ist da schon schwer genug. Das bedeutet nicht, dass du kein konstruktives Feedback annehmen solltest oder deine eigene Arbeit kritisch betrachten solltest. Dank Social Media offenbart jeder ständig seine Gefühle und Gedanken – und zwar über wirklich alles. Es ist einfach, schnell hineingezogen zu werden oder Dinge persönlich zu nehmen. Falls das passieren sollte, logg dich einfach aus. lol

@tomgalle

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