Warum der Kampf gegen Skin Bleaching nicht aufhören darf

In Indien, so wird vermutet, ist der Umsatz von Hautaufhellungscremes höher als der von Coca-Cola.

von Tom George
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12 November 2019, 1:13pm

In einer südasiatischen Familie mit dunkler Haut geboren zu werden, war nicht leicht für Karishma Leckraz. Ihre gesamte Kindheit war die Visagistin umgeben von der Denkweise, dass weiße Haut 'schön' und Schwarze Haut 'hässlich' sei – ein gesellschaftliches Konzept, das sogar ihre Familie vertrat. Sie erinnert sich, dass ihr als Teenager die Hautaufhellungscreme Fair and Lovely geschenkt wurde. "Ich stand zwar nicht direkt unter Druck, sie zu benutzen", sagt die heute 25-Jährige, "aber mir wurde zu verstehen gegeben, dass meine natürliche Haut nicht gut genug war. Ich habe sie in der Hoffnung aufgetragen, dass ich mich endlich schön fühlen kann."

Tatsächlich bewirkte die Creme das genaue Gegenteil. Sie verlieh ihrer Haut einen gräulichen Ton und ließ sie dünn und trocken werden. Noch schlimmer waren jedoch die psychologischen Folgen. "Emotional hat es mich sehr belastet", erzählt Karishma. "Ich wollte hellere Haut und die Tatsache, dass nichts funktionierte, hat mich wirklich fertig gemacht." Mittlerweile hat sie längst damit aufgehört und sich einer Gruppe von Make-up-Künstler_innen angeschlossen, die gemeinsam für die Akzeptanz ihrer Haut kämpfen und traditionelle südasiatische Ansichten von Schönheit in Frage stellen.

Hautaufhellungscremes enthalten häufig Quecksilber und Hydrochinon, das "biologische Äquivalent zu chemischem Lösungsmittel". Die Cremes entfernen die obersten Schichten der Haut und reduzieren Melanin, was die Wahrscheinlichkeit für Hautkrebs und schwere Nerven-, Nieren-, Leber- und sogar Hirnschäden erhöht. Trotz der dokumentierten Probleme, der Illegalität in vielen Ländern und der regelmäßigen Shitstorms seiner Gegner_innen ist die Hautaufhellungsindustrie erfolgreicher denn je. Bis 2024 wird sie voraussichtlich 31,2 Milliarden Dollar wert sein.

In den ständig wachsenden Märkten im Mittleren Osten, Asien und Afrika haben Marken wie L'Oreal, Lancôme und Garnier ihre eigenen Linien für Hautaufhellungscremes. Beworben von hochkarätigen Persönlichkeiten wie Deepika Padukone und Blac Chyna. In Indien, so wird vermutet, ist der Umsatz von Hautaufhellungscremes sogar höher als der von Coca-Cola.

"In der südasiatischen Denkweise gibt es die stark rassistische Ansicht, dass hellere Haut attraktiver ist, größeren Erfolg in Beruf und Beziehungen verspricht und zu einer höheren Kaste gehört", sagt Linasha Kotalawala, 22, südasiatische Aktivistin und Make-up-Artist. "Während Menschen mit dunklerer Haut stereotypisch eine niedrigere Kaste zugeschrieben wird. Sie seien unattraktiver und würden automatisch schlechter verdienen."

Das Kastensystem ist untrennbar mit dem Begriff der Schönheit verbunden; dunklere Haut mit Armut, harter Arbeit und einer niedrigeren Kaste. Man denkt an Menschen, die den ganzen Tag in der Sonne arbeiten, während hellere Haut mit Reichtum und Status assoziiert wird. Mit Menschen, die keine Handarbeit leisten müssen und mit den weißen Kolonialisten, die viele Jahre lang in Indien an der Macht waren.

Als Ergebnis dieses eingefahrenen Weltbildes kämpft Indien mit einem tief verwurzelten Colorism, die Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe. Seit Jahrhunderten sind schwangere indische Frauen dafür bekannt, eine Vielzahl von Safran-basierten Konzentraten zu trinken in der Hoffnung, dass ihr zukünftiges Kind mit hellerer Haut geboren wird. Diese Angst hat sich auch auf Leihmutterpaare ausgeweitet: Sie sind bereit, mehr zu bezahlen, damit eine Frau mit hellerer Haut ihr Kind austrägt.

Diese Ängste sind rassistisch, doch leider nicht ganz unbegründet. Colorism greift POC – insbesondere Frauen – systematisch an. Cynthia Sims von der Southern Illinois University fand heraus, dass weiße Frauen in Indien bessere Karrierechancen haben als Schwarze Frauen. In der Welt der Partnersuche bieten Websites wie shaadi.com Singles einen Hautton-Filter an, um ihre potenziellen Partner nach "hell" und "dunkel" zu sortieren – als ob es um die Stärke ihres Kaffees und nicht um die Wahl ihres Lebenspartners gehe.

Ein Urteil des Advertising Standards Council of India aus dem Jahr 2014 verbietet Diskriminierung in der Werbung aufgrund von Hauttönen sowie deren Bildbearbeitung mit dem Ziel, die Wirkung der Produkte zu übertreiben. Doch um die tief verwurzelte Einstellung zu dunkleren Hauttönen zu ändern, muss mehr getan werden.

"Sobald wir anfangen, mehr People of Colour in Bollywood (nicht nur als Bösewicht) und in der Beauty- und Modebranche zu sehen, wird sich ein positiver Wandel in dieser Denkweise in Gang setzen", sagt Linasha. Während Bollywood hinterherhinkt, gehen die sozialen Medien voran. Eine aufstrebende Generation junger Make-up-Künstler_innen wie Linasha und Karishma kämpft aktiv gegen die Hautaufhellungsindustrie, indem sie ihre natürlichen Hauttöne zelebrieren und Looks für Menschen mit dunklerem Hautton anbieten.

"Den natürlichen Hautton zu feiern, ist nicht nur für südasiatische Make-up-Künstler_innen und Influencer_innen wichtig, sondern für Menschen jeder Herkunft", sagt Karishma. "Es gibt uns das Gefühl gesehen und akzeptiert zu werden, inspiriert und mächtig zu sein. Der Einfluss verschiedener Influencer_innen auf Social Media in den letzten Jahren hat definitiv dazu beigetragen, die Grenzen zu überwinden, was 'Schönheit' wirklich bedeutet. Statt sich gegenseitig abzulehnen, feiern wir das, was uns anders und einzigartig macht."

Während viele große Kosmetikmarken weiterhin Whitening Cremes verkaufen, gibt es andere, die die Branche verändern wollen. "Fenty Beauty ist die Marke, die Maßstäbe in Bezug auf Vielfalt, Inklusion, Ausdruck und Repräsentation aller Frauen und POC setzt", sagt Roshan Nausad, ein_e 20-jähriger Make-up Artist_in aus Australien. "Jetzt können wir als POC in ein Geschäft gehen und wissen, dass wir willkommen sind, weil es Make-up in unseren Nuancen gibt."

Südasien mag noch einen langen Weg vor sich haben, die tief verwurzelte Phobie vor dunkleren Hauttönen sitzt tief, doch die Dinge verändern sich. Für jüngere Generationen gibt es endlich Marken, die sich für ihre natürlichen Hauttöne einsetzen und Kreative, die für ihre Akzeptanz kämpfen.

"Als Visagist_in lebe ich von der Idee, dass ich mit großartigen und kreativen POC zusammenarbeiten kann, die zeigen, dass auch wir schön sind. Es geht nicht mehr nur darum, unser authentisches Selbst zu akzeptieren, sondern auch darum unsere natürlichen Hauttöne wahrhaftig lieben zu lernen", sagt Roshan. "Erst dann werden wir nicht mehr falsch dargestellt."

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unseren Kolleg_innen aus der i-D AU Redaktion

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