All images courtesy of Loewe/ Photography by David Sims.

Endlich wieder Raven. Zumindest liefert die SS22 Menswear Collection von Loewe einen Vorgeschmack

Als „elektrifizierende Flucht und hoffnungsvollen Optimismus“ beschreibt Jonathan Anderson die Botschaft der aktuellen Kollektion.

von Osman Ahmed
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01 Juli 2021, 10:11am

All images courtesy of Loewe/ Photography by David Sims.

Im letzten Jahr habe ich zweimal mit Jonathan Anderson, Creative Director bei Loewe, über Zoom gesprochen und jedes Mal hat er über die Kraft von ausdrucksstarker Kleidung geredete. Er äußerte keinerlei Zweifel daran, ob Leute an extravaganten Klamotten wohl überhaupt noch Interesse haben. Man bekam das Gefühl, dass das Designen ihn antreibt und er sich auch unter schwierigen Bedingungen versucht weiterzuentwickeln – deshalb gehören die Kollektionen, die während des Lockdowns entstanden sind, auch zu seinen besten. "Mode hat die Fähigkeit deine Stimmung zu verändern", erklärte er mir bei einer Vorschau auf die neuen Loewe Designs.

"Ich habe mich mit der Fantasie wieder auszugehen beschäftigt, aber natürlich tun wir es noch nicht. Wir sind in diesem seltsamen Moment, in dem wir nicht wissen, wann es weitergeht. Wir wollen uns endlich wieder stylen, wissen aber nicht wofür. Auf merkwürdige Weise fühle ich mich an meine ersten Jahre an der Uni erinnert, als ich erst herausfinden musste, wohin man abends geht und was man dazu anzieht. Ich glaube wir sind gerade alle in dieser Phase.“

Ganz in Lockdown-Tradition wurde die Kollektion als Lookbook präsentiert und in einer LOEWE Box gemeinsam mit anderen kleinen Schätzen verschickt. Darin befand sich ein Buch des deutschen Künstlers Florian Krewer, der jetzt in NYC lebt und für seine farbintensiven, tiefgründigen Arbeiten bekannt ist. Jonathan ist bekennender Fan des Düsseldorfers, seine Bilder waren deshalb eine zentrale Inspiration für die Kollektion. Ein weiteres Buch, das von Jonathan in Auftrag gegeben wurde, zeigt surreale, digital verfremdete Fotos von David Sims. Die Bilder sind in einem Dialog mit Florians Arbeiten entstanden und zeigen junge Männer in der aktuellen Kollektion von Loewe. Außerdem wurde ein gelbes Lederarmband mitgeschickt und eine Art Staubbeutel, gefüllt mit dreihundert Sternaufklebern, die im Dunkeln leuchten (was die einen wahrscheinlich mit einem Rave assoziieren, die anderen mit Kindern, die man versucht zum Schlafen zu bringen.)

Die Kollektion selbst ist brillant chaotisch, voll mit transparentem Layering in Neon und trippy Texturen wie etwa ein Mantel übersät mit Metallplaketten, die der Designer als Pringle-shaped bezeichnet. "Es ist ein seltsamer Moment für die Mode, in dem es uns allen erlaubt sein sollte, etwas schizophren zu sein", sagte Jonathan. "Ich brauchte diese anderthalb Jahre, um mich meinen Ängsten zu stellen und sie hinter mir zu lassen. Ich wollte aus dieser Krise kommen und einen vollkommen neuen Archetyp und eine neue Silhouette entwickeln. Es ist wie an der Uni, wenn man an seiner Dissertation schreibt und sie endlich abgibt."

Angst und Jugend und die brisante Mischung aus beidem sind Thema der Kollektion, wobei es für Jonathan auch um sein eigenes Erwachsenwerden geht. (Ebenfalls zentrales Thema der SS22 JW Anderson Collection). Es geht um die Idee des Verkleidens als Prozess der Selbstfindung. "Ich erinnere mich daran, wie ich als Jugendlicher in Nordirland Discounter-Kleidung gekauft habe. Für eine High-School-Veranstaltung hatte ich mir dort eine orangefarbene Jacke und eine Hose mit Tiger-Print ausgesucht. Alle anderen trugen etwas in Beige, Schwarz und Navy, ich kam mir so unpassend gekleidet vor. Ich habe die Klamotten nie wieder getragen und bin zurück zu meinen Rugby Trikots. Letztendlich ist alles was ich tue, vor allem wenn es um Männer und Gender geht, eine Fantasie von mir, wie ich mich morgens gerne anziehen würde.“

Es scheint passend, dass die Kollektion am Ende des Pride Monats gezeigt wurde, zu einer Zeit, in der sich viele queere Menschen mit ihren Erfahrungen auseinandersetzen, was es bedeutet, sich manchmal nicht zugehörig zu fühlen. Jonathans Kollektion ist der beste Beweis dafür, dass man ein traumatisches Erlebnis in etwas transformieren kann, worauf man später stolz ist. Die paillettenbesetzte Zebra-Shorts aus der Kollektion soll einem deshalb dabei helfen, sich besonders zu fühlen und lässt anderen gar keine andere Möglichkeit, als einen wahrzunehmen. Das freizügige silberne Seidenkleid oder der Mantel mit dem verdrehten Brustausschnitt, der schamlos die Nippel entblößt, sind nicht nur sexy, weil sie viel Haut zeigen, sondern weil sie dem Träger oder der Trägerin Selbstbewusstsein verleihen. "Wenn man einen dieser Looks auf der Straße sehen würde, wären die Leute schockiert. Es wäre, als würde man ein Tier aus dem Amazonas auf den Straßen von London oder Paris sehen", meint Jonathan.   

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