Millie Mullings und Natalie Reese

Der Jahrgang von 2020 erlebt einen Highschool-Abschluss der besonderen Art

Wie amerikanische Schüler damit umgehen, dass Traditionen wie der Schulball und die Abschlussfeier ihnen inmitten der Coronavirus-Krise entgehen.

von Erica Euse
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20 April 2020, 9:46am

Millie Mullings und Natalie Reese

Die meisten Oberschüler verbringen den Frühling damit, Kleider für den Schulball zu besorgen, Abschlussfeiern zu organisieren und gegen die Ermüdungserscheinungen anzukämpfen, die sich knapp vorm Schulabschluss einstellen. Es ist ein prägender Moment des amerikanischen Lebens—Futter für Coming-of-Age-Filme wie Grease oder Booksmart und Fernsehserien wie Gossip Girl oder Euphoria, worin Teenager Besorgnis und Aufregung über das Ende ihrer Highschool-Zeit verwinden müssen. Der Jahrgang von 2020 stand kurz davor, nun selbst das chaotische Glücksgefühl rund um den Schulabschluss zu erleben, als wir uns plötzlich mitten in einer globalen Pandemie wiederfanden.

Im vergangenen Monat haben Schulen überall in den USA abrupt ihre Pforten geschlossen und sind zu Online-Unterricht übergegangen, in der Hoffnung so die Verbreitung des Coronavirus zu unterbinden. Für viele, wie zum Beispiel meine Brüder, die beide Seniors an der Mentor High School in Ohio sind, schien es sich zunächst um wenig mehr als verlängerte Frühjahrsferien zu handeln. Inzwischen aber hat sie die Wirklichkeit eingeholt, dass sie vermutlich gar nicht mehr in die Schule zurückkehren werden.

“Das Leben ist wie auf Eis gelegt, aber unsere Schulzeit geht trotzdem in ein paar Monaten zu Ende, was bedeutet, dass wir eine Erfahrung verpassen werden, die man nur einmal im Leben haben kann”, teilt mir mein Bruder Nick Zaller am Telefon mit.

Während dieser letzten Wochen des Schuljahres bereiten sich Millionen von Schülern auf so aufregende Jahresendtraditionen wie Klassenfahrten, den Abschlussball und die Abschlusszeremonie vor. Jetzt aber, wo das Center for Disease Control and Prevention größere Versammlungen verboten hat und Bundesstaaten die Leute dazu auffordern bis auf Weiteres zuhause zu bleiben, scheint es wahrscheinlicher denn je, dass diese wichtigen Intiationsriten verschoben oder abgesagt werden. Viel Zeit und Geld fließen in die Planung solcher Events—viele Schüler aber sorgen sich in erster Linie über die Erinnerungen, die ihnen entgehen könnten.

“Ich habe mir das allerschönste Kleid besorgt und ein perfektes Date abgemacht. Geplant war, das Wochenende nach dem Prom-Ball in einem Haus am Land zu verbringen”, erzählt Millie Mullings, eine Oberschülerin in Woodbridge, New Jersey. “Uns wurde immer gesagt, dass der Abschlussball und diese [letzten] Wochenenden unsere kostbarsten Highschool-Erinnerung werden würden. Jetzt, ohne eine andere Wahl zu haben, werden nicht in der Lage sein, das zu erleben.”

Zwar wurde Mullings’ Prom noch nicht offiziell abgesagt, aber es ist unwahrscheinlich, dass er wie geplant stattfindet, nachdem das Coronavirus sich unverändert in ihrem Bundesstaat und im Rest der USA ausbreitet. Einige vorgesehene Bälle wurden bereits gestrichen. Viele wenden sich an soziale Medien, um ihrer Enttäuschung Ausdruck zu verleihen, andere versuchen das Beste daraus zu machen.

Natalie Reese, eine Highschool-Schülerin, die sich zur Zeit auf ihrem Wohnsitz in Danville, Kalifornien, sozial distanziert, hat auf TikTok einen virtuellen Prom-Ball organisiert. Als ihr klar wurde, dass sie ihren Schulball aufgrund von COVID-19 nicht besuchen würde können, richtete die siebzehnjährige ihr eigenes Haar und Make-up her, schlüpfte in ihr rosafarbenes bodenlanges Ballkleid und tanzte mit ihrem Vater, der sich für den Anlass in einen Anzug schmiss, auf Tuchfühlung. Sie postete ein Video ihres Heim-Proms auf TikTok, das von beinahe 12 Millionen Benutzern gesehen wurde, und lud andere ein, es ihr gleichzutun: sich ebenfalls in Schale zu werfen, das Tanzbein zu schwingen und ihre Videos mit dem Hashtag #tiktokprom zu veröffentlichen. Für manche Schüler ist dies der einzige Abschlussball, den zu erleben sie die Möglichkeit haben werden.

“Ich merkte, dass ich nicht die einzige war, die unglücklich und enttäuscht ist, und dass durch soziale Medien alle an einer Prom-Erfahrung teilhaben können”, sagte Reese gegenüber i-D im Anschluss an den internationalen Online-Prom, den sie übers Wochenende veranstaltet hatte. “Es ist mein Ziel, die Leute zum Lächeln zu bringen. Zuhause festzustecken ist langweilig. Manche unter uns verlieren die Motivation und fühlen sich hilflos. TikTik Prom gab uns einen Grund, aus dem Bett zu steigen, uns herauszuputzen und gut zu fühlen—und eine Erfahrung zu teilen, die uns gehört. Wir holen uns zurück, was uns weggenommen wurde.”

Virtuelle Alternativen wie der TikTok Prom sind etwas, das einige Schulen auch für ihre Abschlussfeier in Erwägung ziehen. Diese Zeremonien sind wichtige Meilensteine, die es den Schülern ermöglichen, ihre Leistungen im Kreis von Freunden und Familienmitgliedern zu feiern. Etliche Schulen im Land haben diese Veranstaltungen aber entweder vertagt oder ganz gestrichen.

“Meine Freunde und ich habe 12 Jahre darauf hingearbeitet”, sagt Mullings. “Die Nächte, die wir durchgemacht haben, um Aufsätze zu schreiben, und die furchteinflößende Referate und strengen Lehrer, mit denen wir fertiggeworden sind: Wir wussten, dass alles sich auszahlen würde, solange wir am Ende des Footballfeld überqueren, um unser Diplom in Empfang zu nehmen.”

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HIGHSCHOOL-OBERSCHÜLER NICK ZALLER UND SEBASTIAN EUSE.

Wie mein Bruder Sebastian Euse es ausdrückt: Obwohl er froh ist, die Leute schützen zu können, indem er daheim in Quarantäne bleibt, war es doch hart, alle diese Umstellungen gleichzeitig vornehmen zu müssen. Zusätzlich zu den normalen Höhen und Tiefen des Highschool-Lebens und der Planung fürs College müssen Schulabschließer wie er sich an die neue Wirklichkeit eines Lebens mit der Pandemie gewöhnen—und an die Unsicherheit, wie ihre Zukunft davon betroffen sein wird.

“Wir können nichts anderes tun als einen Tag nach dem anderen anzugehen und zu hoffen, dass es besser wird,” meinte Sebastian. “Aber wenn alle ihre Highschool-Geschichten auspacken, fällt es schwer zu akzeptieren, dass wir diese Erfahrung womöglich nicht haben werden.”

“Uns ist klar, dass dieses Problem größer ist als wir, und dass es andere Dinge im Leben gibt als Schulbälle und Abschlussfeiern”, sagt Mullings. “Die Enttäuschung ist trotzdem da. Außerdem ist es schwer, mit der Verurteilung umzugehen, der wir ausgesetzt sind, wenn wir unsere Gefühle offen ausdrücken. Viele meinen, es sei egoistisch und oberflächlich, dass wir darüber aufgebracht sind, Prom und Abschluss verpassen zu müssen. Ich sage, unsere Gefühle haben ihre Berechtigung. Viele von uns haben sich sehr darauf gefreut, und es ist schlimm, dass uns diese Erfahrung weggenommen wird.”

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NATALIE REESE IN VORBEREITUNG AUF DEN TIKTOK PROM.
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MILLIE MULLINGS’ ABSCHLUSSFOTO.
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