Fotos: Davey Adesida 

'Mother' erinnert dich daran, was Zuhause bedeutet

Die neue Ausgabe von 'Nuda' dreht sich um unsere Mutter, unsere Erde und all die magischen Orte dazwischen.

von Juule Kay
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17 Dezember 2019, 11:24am

Fotos: Davey Adesida 

Zuhause ist ein seltsames Wort. Mal bedeutet es alles, mal gar nichts. Seine Definition verändert sich mit dem Alter, dem Lebensabschnitt und den Umständen, in denen wir gerade feststecken. Ob wir uns in einem Menschen oder einem Ort endlich angekommen fühlen, ist zweitrangig. Viel wichtiger ist, überhaupt zu verstehen, woran unser Herz hängt. Und das kann dauern. Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte.

Ähnlich ging es auch Frida Vega Salomonsson und Nora Hagdahl. Die beiden Schwedinnen stecken hinter Nuda, ein jährlich erscheinendes Buch mit unterschiedlichen Schwerpunkten in Mode, Kunst und Kultur. Dieses Jahr trägt es den Titel Mother und beschäftigt sich – wie hätte man es anders erwarten sollen – mit den Themen Motherhood, Mutter Erde und ihrem Mutterland, Schweden. Es ist eine Hommage an die Frau, die uns zu dem Menschen gemacht hat, der wir heute sind. An unseren Planeten, den wir retten können und unsere Heimat. Oder zumindest das, was wir Zuhause nennen.

Im Interview verraten uns die beiden, an welchen magischen Ort sie gerne zurückkehren und welche Worte sie ihrer Mutter heute gerne sagen würden.

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Foto: Simone Steenberg

Die neue Ausgabe von Nuda trägt den Titel Mother. Welche persönliche Verbindung habt ihr dazu?
Nora: Wir sind junge Frauen in einem Alter, in dem Kinder bekommen plötzlich Realität wird. Du merkst langsam, dass deine Freunde um dich herum sesshaft werden und eine Familie gründen. Dieser Gedanke hat uns dazu gebracht, zu hinterfragen, was es heute wirklich bedeutet, eine Mutter zu sein. In der Mythologie wurden Frauen oft aufgrund ihrer reproduktiven Fähigkeiten angebetet. Heute wird oft auf sie herab geblickt, weil sie mit Schwäche und Verletzlichkeit verbunden wird.

Frida: Wir alle haben eine Mutter. Manche sind vielleicht schon eine, andere haben die Möglichkeit, eine zu werden.

Gab es ein bestimmtes Zitat aus dem Buch, das euch nicht mehr aus dem Kopf geht?
N: Der Künstler Andreas Eriksson sagt: "Es ist fast so, als ob Menschen versuchen, eine Lebenswelt zu erschaffen, die realitätsfremd und völlig losgelöst von der Geschichte oder der Natur existiert. Eine autonome Welt, die uns glauben lässt, dass wir uns von unserer Herkunft trennen können." Für mich geht dieses Zitat der Frage auf den Grund, warum Menschen heute so auf Technologie fixiert sind. Sie verspricht uns ein ewiges Leben. Doch ein bedeutsames Leben zu führen, wie Eriksson betont, hat damit zu tun, unsere Umgebung und unseren körperlichen Zustand zu vereinen – und nicht zu transformieren.

F: Robyn antwortete auf die Frage, welchen Rat sie ihrem jüngeren Ich geben würde mit folgenden Worten: "Du kannst immer mehr machen, als du denkst, ohne sofort als too much abgestempelt zu werden." Ich glaube, genau das müssen wir uns öfter ins Gedächtnis rufen.

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Foto: Frida Vega Salomonsson

An welchen Moment eurer Kindheit erinnert ihr euch besonders gerne?
F: Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich Silvester 2000 in Erinnerung behalte. Ich meine, es war ein neues Jahrtausend, das macht Sinn. Sie haben mich einfach hinter das Lenkrad unseres roten Volvos auf einem Parkplatz gesetzt und fahren lassen. Ich war so unglaublich begeistert und habe noch dazu ein Überraschungsei bekommen. Was für eine gelungene Nacht!

N: Ich muss zugeben, dass sich meine Kindheit ein bisschen verschwommen anfühlt. Ich erinnere mich an kaum etwas vor meinem siebten Lebensjahr – und auch danach sind meine Erinnerungen sehr lückenhaft. Ich bin kein wirklich nostalgischer Mensch.

Habt ihr einen ganz besonderen, magischen Ort? Einen, an den ihr immer gerne zurückkommt?
N: Ich mag mein Elternhaus auf dem Land. Dort ist es sehr grün und idyllisch. Mein Papa baut Gemüse an. Ich mag den Gedanken, dass wir dorthin fliehen können, falls etwas passieren sollte, von dem ich kein Teil sein möchte.

F: Mir geht es ähnlich. Meine Familie hat ein Haus am See, das über 150 Jahre alt ist und kein fließendes Wasser hat. Wir hacken Holz für den Kamin, gehen Fischen, holen Eier von den Hühnern unseres Nachbarn und schwimmen im See. Ich glaube, dass dieser sehr einfache Lebensstil in Zukunft immer vernünftiger wird. Anstatt unsere Hoffnungen in futuristische Digi-Tech-Utopien oder Typen zu legen, die den Mars besiedeln wollen.

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Fotos: Ari King

Wie kann es jede einzelne Person schaffen, der Erde eine Zukunft zu geben?
N: Wir reden oft so, als ob die Apokalypse etwas ist, das uns bevorsteht und wir ihr ausweichen können – dabei stecken wir schon drin. Kunst bietet eine Möglichkeit, mit der Idee in Einklang zu kommen, dass die Erde, so wie wir sie kennen, ein Ende nehmen könnte. Wir sollten unsere Beziehung zur Natur neu erfinden.

F: Auch wenn die Erde nicht mehr bewohnbar für uns Menschen sein wird, wird sie anderen Spezies Raum geben zu gedeihen. Was mir mehr Sorgen bereitet, ist die Zukunft der Menschen auf diesem Planeten. Wir müssen so viel weniger Ressourcen nutzen und unseren Lebensstandard verringern. Und hier liegt das Problem: Homo Sapiens sind diese kleinen süßen Geschöpfe, die nicht gerade dafür bekannt sind, weniger zu wollen. Alles muss größer, schneller, besser.

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Foto: Angelina Bergenwall

Was hat euch eure Mutter beigebracht, das typisch "schwedisch" ist?
F: Wie ich lutfisk zubereite. Das ist ein getrockneter Fisch, den wir hier an Weihnachten essen. Legt man ihn ins Wasser, wird er wieder weich. Das klingt eklig, aber für unsere Vorfahren hat es Sinn gemacht. Wikipedia hat mir beigebracht, dass lutfisk eigentlich aus den Niederlanden und Norddeutschland stammt. Also habt zumindest ihr den mittelalterlichen Wahnsinn stoppen können.

N: Eine Sache, die jedes Kind in diesem Land mit auf den Weg bekommt, ist folgende Weisheit: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Das bedeutet so viel wie 'Zieh dich dem Wetter entsprechend an, auch wenn du so viele Schichten Kleidung trägst, dass du dich kaum noch bewegen kannst'. Aber es heißt auch, dass du aufhören sollst, dich zu beschweren und einfach rausgehst zum Spielen. Egal ob Regen, Schnee oder Hagel: Deine Mutter setzt dir bei jedem Wetter einen Hockey-Helm auf und schickt dich nach draußen.

Was würdet ihr eurer Mutter heute gerne sagen?
N: Dass ich sie liebe! Danke, dass du immer dein Wissen mit mir geteilt und mich ausgehalten hast, wenn ich genervt habe.

F: Danke. Es tut mir Leid. Ich liebe dich.

@nudapaper

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Foto: Frida Vega Salomonsson
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Foto: Marie Deteneuille

Credits


Editor-in-chief: Frida Vega Salomonsson und Nora Hagdahl
Art Editor: Annie Jensen
Editor: Rasmus Rosquist
Art Director: Gregor Schreiter

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Schweden
Kunst
Kultur