Mimi

Schwarze Performerinnen verwandeln das Antlitz von Cosplay

Konfrontiert mit einer rassistischen Idee von “Originaltreue”, treten schwarze Cosplayerinnen den Beweis an, dass Cosplay allen gehört.

von Shakeena Johnson
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26 Februar 2020, 7:15am

Mimi

Nur weil die Figuren, die wir darstellen, nicht genauso aussehen wie wir, heißt das noch lange nicht, dass wir sie nicht neu erfinden oder anders porträtieren können”, sagt die kalifornische Cosplayerin Kiera Please. “Es ist Animation.” Die Dreiundzwanzigjährige erhebt ihre Stimme, weil sie genug hat von der Verfolgung und Misogynie, der sie und andere schwarze Cosplayerinnen in den sozialen Medien ausgesetzt sind. “Manchmal nehmen die Beschimpfungen echt überhand”, erklärt sie. “Das Ärgste ist, wenn ich zu lesen bekomme, dass Leute mich für meine Figurenwahl verspotten, weil ich nicht dieselbe Hautfarbe habe wie die Figur, oder nicht dieselbe körperliche Form und Merkmale.”

Ursprünglich in Japan entstanden, gibt Cosplay—ein Kofferwort aus “costume” und “play”—den Beteiligten die Macht, ihre Kreativität zu erkunden und sich in den Helden oder die Heldin ihrer Wahl zu verwandeln. Die Popularität von Cosplay, das sich vom Hobby zur Subkultur entwickelt hat, ist exponentiell gewachsen; heute ist es eine Millionenindustrie. Theoretisch kennt Cosplay keine Grenzen hinsichtlich Hautfarbe, Geschlecht, Körperbau oder Behinderung. Tatsächlich aber müssen viele schwarze Cosplayerinnen ständig mit Sexismus, Rassismus und Diskriminierung aufgrund ihres Aussehens rechnen.

Von Beschimpfungen bis zur Aberkennung ihre Identität: Schwarze Cosplayerinnen sehen sich mit einem heftigen Backlash konfrontiert, wenn sie ihrem Hobby nachgehen. “Als ich Sailor Moon spielte, hinterließen die Leute Kommentare, in denen ich als ‘N*gger’ bezeichnet wurde, oder sie nannten mich die ‘schwarze Version’ der besagten Figur,” erzählt mir Mimi the Nerd. “Ich lasse mich durch Rassismus nicht davon abhalten, mich zu verkleiden als wer immer ich will—nicht nur als sichtbar schwarze Figuren. Die Gatekeeper scheinen nicht zu kapieren, dass Cosplay allen gehört.”

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Shellanin

Im Vergleich zu nicht-schwarzen Cosplayerinnen ist der Grad an Originaltreue, den die Community von schwarzen Frauen erwartet, ungeheuerlich. Für manche ist der Backlash so intensiv, dass sie sich in ihrer eigenen Community unerwünscht fühlen: Shellanin, 25 Jahre alt und aus Atlanta, ist eine von ihnen. Ihre Missbrauchserfahrungen der letzten acht Jahre—besonders im Hinblick auf ihre Hautfarbe—haben ihr Verhältnis zu Cosplay tief geprägt. “Bis heute werde ich angefeindet, wenn ich hellhäutige Figuren darstelle”, sagt sie. “Mir ist klar, dass ich nicht wie die Mehrheit dieser hellhäutigen Figuren aussehe, aber das ist gerade das Ermächtigende daran. Die Erwartung ist, dass wir entweder als Canary aus Hunter X Hunter, Kofi aus Cowboy Bebop oder Rei Hououmaru aus Kill la Kill aufkreuzen. Es ist beleidigend.”

Solche Beleidigungen sind keine Neuentwicklung. Bereits 2017 teilte die Cosplayerin Kay Bear ein emotionales Facebook-Posting, in dem sie die hasserfüllten Nachrichten offenlegte, die ihr im Netz entgegenschlugen, als sie Mavis aus Hotel Transylvania porträtierte. “Ich wurde ‘N*gger’ genannt, ‘falsch’ und ‘hässlich’ etc. nur aufgrund meiner Hautfarbe”, schrieb sie. “Cosplay ist für alle. Wenn jemand sagt, ‘Cosplay ist nicht schwarz’, dann sag ihnen, ‘jetzt schon’.” Ihr Posting verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und regte schwarze Cosplayerinnen überall auf der Welt dazu an, dieselbe Haltung einzunehmen und offen über die Schmähungen, die sie erlitten hatten, zu sprechen.

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Cutiepiesensei. Photography by Dru.

Die Welt der japanischen Animation leidet wohlgemerkt selbst an einem Mangel schwarzer Figuren. In erster Linie für den Binnenmarkt produziert, fehlen schwarze Charaktere entweder ganz oder sie erwecken den Eindruck, vor allem der Quote zu dienen. Mitunter sind diese Darstellungen sogar schädlich, wie im Fall von Sister Krone in The Promised Neverland, deren überzeichnete Gesichtszüge, übergroßer Körper und Dienstmädchen-Ästhetik an die rassistische schwarze Mammy-Figur aus den Minstrel-Shows des 19. Jahrhunderts gemahnt. Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, wenn viele schwarze Cosplayerinnen es vorziehen, Protagonistinnen zu verkörpern, die in der Vorlage hellhäutig sind.

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Sachi. Photography Christopher Levy.

Cosplay-Messen wie Comic-Con in den USA, Armageddon Expo in Neuseeland und der World Cosplay Summit in Japan heißen alljährlich tausende Fans willkommen, die begierig sind, ihre Cosplay-Fantasien IRL auszuleben. Obwohl diese Events vorgeblich inklusive, sichere Orte sind, haben viele Cosplayerinnen vor Ort die dunkle Seite der Teilnahme kennengelernt—vom Fotografiertwerden ohne ihre Zustimmung bis zu Begrapschen und sexuellem Missbrauch. “Meine Messe-Erfahrungen sind vorwiegend positiv, aber ich kenne einige Cosplayerinnen, die weniger Glück hatten als ich”, erzählt mir die fünfundzwanzigjährige cutiepiesensei aus Atlanta. “Es gibt eine Menge tief verwurzelten Sexismus und Rassismus, wo wir durchwaten müssen, wenn wir uns verkleiden. So unerfreulich das ist, so haben wir uns doch fast daran gewöhnt und versuchen, es so weit wie möglich zu ignorieren.”

Jetzt schlagen einige innerhalb der Community zurück. Diesen Februar, während des Black History Month, haben zahlreiche schwarze Cosplayerinnen auf der ganzen Welt die sozialen Medien genutzt, um ihren Beitrag zur Subkultur mit dem Hashtag #29DaysofBlackCosplay zu feiern. Eine offene Einladung, online zu interagieren, ihre Kunst öffentlich zu präsentieren und ihre Heldinnen zu feiern, funktioniert der Hashtag außerdem als eine Art Safe Space für schwarze Cosplayer. “Es hilft der Bewegung,” sagt Sachi aus Brooklyn, New York. “Es ist eine zentrale Stelle, wo wir einander sehen und treffen können, wo wir eine Präsenz online und im wirklichen Leben haben. Wir verwenden Hashtags wie #BlackCosplayerHere und #supportblackcosplayers, um Misogynoir [Frauenfeindlichkeit speziell gegen schwarze Frauen] entgegenzuwirken.”

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Mimi the Nerd

Mit #29DaysofBlackCosplay in voller Fahrt, sehen manche 2020 als ein vielversprechendes Jahr für PoCs in der Community. “Die Leute haben immer mehr soziales Bewusstsein für schwarze Cosplayer, und wir haben große Fortschritte gemacht, wenn es darum geht, unsere Namen und Gesichter bekannt zu machen”, sagt cutiepiesensei. “Ich sehe immer mehr schwarze Frauen, die sich in ihrer Haut wohlfühlen und selbstsicher Cosplays auch außerhalb des gewohnten Rahmens machen. Das wäre noch vor ein paar Jahren nicht passiert. Es geht in die richtige Richtung. Die Lieben zur Kunst und die positiven Aspekte wiegen schwerer als die schlechten Erfahrungen.”

Cosplay ist zeitraubend, teuer und missverstanden. Letztlich ist es ein Liebesdienst. Unglücklicherweise ist es nicht selten ein Liebesdienst für eine Community, die deine Liebe nicht erwidert. Für schwarze Cosplayerinnen ist diese Gefühl besonders stark. Aber nichts kann sie von ihrer Berufung abhalten. “Im Jahr 2020 eine schwarze Cosplayerin zu sein, dazu gehört definitiv viel Für und Wider”, sagt Mimi. “Aber wir lassen uns nicht mehr einschränken. Nicht-schwarze Cosplayerinnen werden so oft bevorzugt behandelt, aber ich hoffe, wir zeigen weiterhin, dass wir hier sind, um zu bleiben, und nicht aufgeben werden. Wir ergreifen jede sich bietende Gelegenheit und geben 200 Prozent.”

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